REUTLINGEN. Fußballspiele, die von keinem ausgebildeten Schiedsrichter gepfiffen werden – oder gleich ganz ausfallen. Dieses dunkle Szenario droht in der kommenden Saison in den untersten Spielklassen des Bezirks Alb. »Es war leider absehbar, dass es irgendwann so kommen würde. Ich bin froh, dass es noch einige gibt, die mit Eifer und Motivation dabei sind. Sonst wäre das Problem schon viel früher gekommen«, sagt Sascha Goetsch, Spielertrainer des Kreisliga-B-Ligisten FC Trailfingen-Seeburg.
Weite Anfahrtswege, nur ein paar wenige Euro Aufwandsentschädigung sowie pöbelnde Spieler und Zuschauer: Goetsch hat Verständnis dafür, dass sich immer weniger Unparteiische sonntags sich das freiwillig antun. »Irgendeine Mannschaft fühlt sich immer benachteiligt und lässt das dann am Schiri aus«, sagt Goetsch aus eigener Erfahrung. Er hat im Rahmen einer Trainerausbildung selbst einen Schiedsrichter-Lehrgang gemacht und mehrere Spiele gepfiffen.
Der Seeburger Spielertrainer sieht es äußerst kritisch, wenn ein Angehöriger einer der beiden Kontrahenten das Spiel leiten soll. »Ich glaube, es wird schwer, Leute zu finden, die das überhaupt machen wollen.« Und selbst wenn: »Ich will mir mich nicht vorstellen, was passiert, wenn der eine krasse Fehlentscheidung trifft.« Vor einem offiziellen Schiedsrichter hätten die Spieler in so einer Situation »mehr Respekt«.
Mehr Geld eine Lösung?
Laut Goetsch ist der Schiedsrichter-Mangel zu einem kleinen Teil auch hausgemacht. »Schon einige Mal ist bei uns ein Schiri-Lehrgang nicht zustande gekommen, weil die Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht worden ist«, weiß er. »Dadurch ist schon der eine oder andere Interessent vergrault worden.« Er schlägt daher vor, das Einzugsgebiet zu vergrößern, um auf die geforderten Teilnehmer zu kommen oder die Seminare online abzuhalten.
»Die Wertschätzung muss größer werden«, findet Daniel Gyssler, Spielertrainer des B-Ligisten TuS Honau. »Ich würde es den Schiris gönnen, wenn sie etwas mehr Geld für ihren Einsatz bekommen. Ich finde es nicht selbstverständlich, dass sie für einen Kreisliga-Kick kilometerweit fahren und den halben Sonntag für uns opfern.« Gyssler ist zudem dafür, die Vereine wieder stärker in die Pflicht zu nehmen, Schiedsrichter zu stellen. »Notfalls muss man die Strafzahlung erhöhen, wenn Vereine nicht genügend Schiris haben.«
Eigene Erfahrung als Schiri
Jonathan Knehr kann sich nicht vorstellen, wie es in den B-Ligen ohne Schiedsrichter, aber dafür mit Akteuren der beteiligten Clubs funktionieren soll. »Es heißt ja nicht umsonst neutraler Mann auf dem Platz.« Für den Spielertrainer der TG Gönningen wäre es »unnötig«, wenn dieses Szenario tatsächlich eintreten würde. »Es geht um das Thema Respekt.«
Das Höchstmaß davon hat Knehr spätestens, seitdem er im Rahmen seines B-Lizenz-Trainerlehrgangs auch eine Schiri-Ausbildung machen und mehrere Spiele leiten musste. »Es ist wirklich nicht so leicht, wie Laien es immer sagen. Man muss enorm schnell Entscheidungen treffen und ist dabei ganz auf sich allein gestellt. Über 90 Minuten muss man ständig online sein.« Knehr sieht die Vereine und seine Trainerzunft in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Referees nicht den Spaß am Fußball verlieren. »Ich betone in jeder Mannschaftssitzung, dass der Schiedsrichter für die Spieler tabu ist, trotz aller Emotionen im Spiel. Dass wir froh sein müssen, dass diesen Job überhaupt noch jemand macht.«
Knehr hat zwei Ideen, wie man das Thema Respekt gegenüber Schiedsrichtern noch mehr in den Fokus rücken könnte. Einerseits könnte man sich überlegen, schon ab der C-Lizenz Schiri-Ausbildungen für Trainer verpflichtend zu machen. »Und vielleicht wäre es auch sinnvoll, die Spieler dazu zu verpflichten, mal eine Begegnung zu pfeifen.« Dann würden die Akteure mal am eigenen Leib erfahren, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, jede Abseitssituation zu erkennen. (GEA)



