REUTLINGEN. Es ist der zweite Einsatz eines 16 Jahre jungen Schiedsrichters im Männerbereich. Nach einem überzeugenden Debüt darf er die Partie zwischen dem TSV Grafenberg und dem TSV Altdorf in der A-Liga im Bezirk Neckar/Fils leiten. Im Mittelpunkt steht danach allerdings nicht der 9:0 (5:0)-Erfolg der Grafenberger Fußballer, sondern ein Eklat um den Unparteiischen.
»Statt Freude und sportlicher Fairness bestimmte ein peinlicher und aus unserer Sicht richtig unnötiger, beschämender Skandal das Geschehen«, schreibt der TSV Grafenberg in den Sozialen Medien. Der Referee solle »aufs Übelste beleidigt und verunglimpft« worden sein - von deutlich älteren Personen.
Und tatsächlich: Wie der GEA in einem Gespräch mit dem Obmann der Schiedsrichtergruppe Leonberg erfährt, kam es zu emotionaler Gewalt gegen den Spielleiter. Als David Modro von seinem Schützling über die Vorkommnisse informiert wurde, sei er »schockiert« gewesen - genau wie zahlreiche Fußballfreunde, die den Beitrag kommentierten.
Eskalation nach Platzverweis
Nach einem wiederholten Foulspiel in der 60. Minute schickte der Referee einen Altdorfer Fußballer mit Gelb-Rot vom Platz. Die Situation eskalierte. »Mehrere Spieler verloren die Nerven und schrien den Schiedsrichter an. Die Bank des Gäste-Teams stachelte die Situation zusätzlich auf übelste Art und Weise an«, heißt es im Grafenberger Beitrag. Von den Rängen sollen sich Fans am verbalen Angriff beteiligt haben. Selbst die vom Unparteiischen angeforderten Ordner »durften sich Beleidigungen anhören« und konnten die Situation nicht entschärfen. In einem späteren Kommentar des Clubs heißt es: »Als kleine Korrektur: Die wirklich heftigen Beleidigungen kamen von den Zuschauerrängen.«
Wie es dem 16-Jährigen während dieser Situation ergangen sein muss, mag man sich nicht ausmalen. Der Druck sei so groß geworden, dass er den Tränen nahe war, sagt Obmann Modro. Begriffe wie »H-Sohn« und weitere entwürdigende Beleidigungen seien gefallen. Der junge Schiedsrichter wusste sich nicht zu helfen, stand kurz davor, die Partie abzubrechen. Doch er biss auf die Zähne und brachte das Spiel nach der Unterbrechung irgendwie zu Ende. Allerdings erlebte der Referee nicht erst nach beschriebener Szene einen Alptraum. Bereits ab der ersten Minute sei er angefeindet worden, erklärt das Heimteam. Der Vater des Opfers verfolgte das Geschehen hilflos vom Spielfeldrand.
Entschuldigung und Gegendarstellung
»Hier vergreifen sich erwachsene Menschen an einem Jugendlichen, der gerade erst am Anfang seiner Laufbahn steht und das Spiel nach bestem Wissen und Gewissen leitet«, zeigt sich Grafenberg bestürzt. Der Kontrahent schreibt in einer Gegendarstellung: »Wir stellen klar: Weder Spieler, Trainer noch Teile der Bank des TSV Altdorf sind – wie vom TSV Grafenberg behauptet – in der genannten Spielminute aggressiv oder mit Ausdrücken auf den Schiedsrichter losgegangen. Richtig ist: Einzelne Zuschauer haben sich beleidigend gegenüber dem Schiedsrichter geäußert. Das ist nicht akzeptabel, und wir distanzieren uns klar davon. Der Vorfall wird intern aufgearbeitet. An dieser Stelle entschuldigen wir uns im Namen des TSV Altdorf beim Schiedsrichter.«
Unabhängig davon, wer am Ende die Übeltäter waren: Festgehalten werden muss, dass der junge Mann eine Situation erlebte, die sich so niemals hätte ereignen dürfen. Doch immer wieder kommt es im Amateurfußball zu unschönen Szenen wie diesen, die dafür sorgen, dass sich der Nachwuchs zweimal überlegt, ob eine Laufbahn als Referee erstrebenswert ist. »Zum Glück kommen solche Dinge sehr, sehr selten vor«, sagt Modro. Trotzdem sei jeder Fall einer zu viel. Er appelliert: »Wenn du in einer der untersten Ligen spielst, dann darfst du nicht erwarten, dass dort die besten Schiedsrichter pfeifen. Leider ist aber genau das häufig der Fall.« Ein Match mit Spielleitung - und sei sie unerfahren - wäre immer noch besser, als wenn irgendwann niemand mehr die Aufgabe übernehmen wolle.
Vereine müssen handeln
In die Pflicht nimmt er die ausrichtenden Vereine. Sie seien die erste Instanz, die für eine Deeskalation sorgen könnten. Schon bei vereinzelten negativen Kommentaren sollten seiner Meinung nach schnell Platzverbote gegen entsprechende Personen ausgesprochen werden, um eine Massendynamik, wie sie sich in Grafenberg entwickelte, zu vermeiden. Ein Spiel mit Emotionen? »Klar«, meint Modro. »Aber es gibt Grenzen. Der Fußballplatz ist kein rechtsfreier Raum.«
Dem jungen Schiedsrichter ist zu wünschen, dass jener Tag ihm nicht für immer die Freude an seinem Hobby nahm. Denn er sei ein »großes Talent«, versichert Obmann Modro, der den ersten Einsatz des 16-Jährigen vor Ort verfolgte und eine »gute Leistung« sah. (GEA)

