Zorniger hatte der Sportwelt kurz vor seiner Entlassung noch in seiner ureigenen Art mitgeteilt, er würde »gerne jeden erschlagen«, der an Kimmichs Verkauf beteiligt war. Nach der zweiten Saison hätte der VfB sein Eigengewächs dank einer Rückkauf-Option zurückholen können. Um die Bilanz zu retten, wurde der Transfer zum FC Bayern allerdings schon kurz vor dem Jahresende 2014 auf 8,5 Millionen Euro fixiert.
»Joshua besitzt große strategische Fähigkeiten«Mittlerweile dürfte sich sein Marktwert mindestens verdoppelt haben. Trotz der 0:2-Niederlage gegen Frankreich im Halbfinale von Marseille ist Kimmich einer der Gewinner der EURO, ein Wechsel auf die Zukunft. Gegen die Ukraine und Polen noch Ersatz, seit dem Spiel gegen Nordirland regelmäßig in Löws Startformation.
Der auf den ersten Blick lukrative Stuttgarter Verkauf war einer der größten Fehler, den sich die Cannstatter geleistet haben. Nicht wenige glauben, mit Kimmich wäre dem VfB der Abstieg in die zweite Liga erspart geblieben. Senkrechtstarter Kimmich steht auf der rechten Seite in der Abwehr, als gehöre er mit seinen 21 Jahren schon lange in die Formation von Löw. »Man hat bei Joshua vom ersten Tag an gesehen, dass er nicht nur große strategische Fähigkeiten besitzt, sondern auch das Gewinner-Gen in sich trägt«, sagt Löws Assistenzcoach Thomas Schneider, der früher beim VfB Jugendtrainer von Kimmich war.
Menschen, die dieses »Gewinner-Gen« in sich tragen, können im Normalfall nichts anfangen mit Niederlagen. »Verlieren konnte ich noch nie. Nicht einmal, wenn ich als Kind mit meiner Schwester irgendwas gespielt habe«, erklärt Kimmich, in Rottweil geboren. Beim VfB Bösingen hat er das Fußball spielen begonnen. Im Alter von zwölf Jahren wechselte er in die Jugendabteilung des VfB Stuttgart. 2013 legte er als Schüler des VfB-Jugendinternats am Gymnasium in Untertürkheim das Abitur ab. »Nun sag schon, mit welcher Note«, raunte ihm Manuel Neuer bei einer Pressekonferenz in Evian-les-Bains zu. »1,7«, sagt Kimmich, ein Musterschüler.
Franz Beckenbauer sagte ihm »eine große Zukunft« voraus, Bayerns Co-Trainer Hermann Gerland schränkt ein, »wenn er die Bodenhaftung nicht verliert«. Kimmich macht den Eindruck, als würde er das beherzigen: »Ich bin in den Jugendmannschaften beim VfB Stuttgart immer ein Leader gewesen, aber beim FC Bayern und der Nationalmannschaft muss man sich erst einmal einordnen, das ist eine andere Situation.« Es scheint ihm gelungen zu sein. Und die Nation fragt sich schon, ob aus Kimmich ein neuer Philipp Lahm werden kann.
»Der Rummel um seine Person übersteigt all unsere Kapazitäten«Kimmich sagt: »Philipp ist der beste Rechtsverteidiger der Welt, der hat das über Jahre gespielt, das kann man nicht vergleichen.« Aber der junge Mann aus Rottweil hat sich bei den Bayern als Verteidiger extrem gut akklimatisiert. Wenn er in München auf die Straße geht, sagt er, »werde ich noch nicht erkannt. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt«. Vermutlich wird es so sein, dass das bald nicht mehr geht. Noch heute ist Kimmich gut befreundet mit dem aktuellen Bösinger Landesliga-Torjäger Marius Müller. »Meine Heimat und meine Familie sind mir wichtig« sagt Kimmich. Seit dem Hype in Frankreich geht es auch in seinem Heimatverein drunter und drüber. »Wir sind überwältigt; der Rummel um seine Person übersteigt all unsere Kapazitäten«, erklärte der Club-Vorsitzende Ingo Ohnmacht. »Wir sind enorm stolz.«
Gegen Frankreich spielte Kimmich in der Viererkette wieder an der Seite von Jerome Boateng. »Es beruhigt einen, wenn man neben einem Bär wie Jerome Boateng spielen kann.« Boateng schied verletzt aus, auch Kimmich konnte am Ende nichts an der Niederlage ändern. In München muss er Philipp Lahm noch den Vortritt lassen. Bei den Bayern spielte er im Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin aber auch schon an der Seite von David Alaba in der Innenverteidigung. »Als Spieler muss man flexibel sein«, verkündet Kimmich sein selbstbewusstes Credo. (GEA)

