MARSEILLE. Die Titelmission des Weltmeisters bei der Europameisterschaft in Frankreich ist vorzeitig beendet. Im Halbfinale von Marseille verlor die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw verdient mit 0:2 (0:1) gegen Frankreich, erstmals musste sich die Mannschaft damit in einem wichtigen Turnier der Equipe Tricolore beugen.
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Der große Traum ist ausgeträumt, die ambitionierten Pläne von Löw, am Sonntag im Stade de France in Saint Denis 20 Jahre nach dem Titel von Wembley 1996 den vierten Europameistertitel perfekt zu machen, Makulatur. Ein dramatischer Misserfolg ist das vielleicht nicht, aber eine riesige Enttäuschung. Frankreich trifft im Endspiel am Sonntag auf Portugal und steht vor dem ersehnten Titel in schweren politischen Zeiten. Kurz vor der Halbzeit entschied der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli nach einer unglücklichen Aktion des von Löw erstmals in der Startformation aufgebotenen Kapitäns Bastian Schweinsteiger gegen Evra auf Elfmeter. Antoine Griezmann ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen und verwandelte gegen den chancenlosen Manuel Neuer sicher zum 1:0. Der Profi von Atletico Madrid war es auch, der in der 72. Minute für die Entscheidung sorgte. Löw schlug die Hände vor sein Gesicht, als es vorbei war, eine riesige Enttäuschung auch für den Souverän im Trainingsanzug. Das letzte Geheimnis um die Aufstellung gegen die Franzosen hatte Löw am Vorabend des Halbfinales gelüftet. Für den verletzten Sami Khedira rückte Bastian Schweinsteiger in die Startformation. »In diesem Hexenkessel ist Bastian genau der, den wir brauchen«, hatte der Bundestrainer gesagt. Schweinsteiger selbst sagte: »Ich bin bereit für den Showdown gegen die Franzosen.« Was Viele nicht für möglich gehalten hatten. Uns sich am Ende auch nicht auszahlte. Löw setzte entschieden auf die Routine des Weltmeisters von Manchester United, dessen Zukunft in der englischen Premier League offen ist. Und der seine Karriere in der Nationalmannschaft voraussichtlich nach der Euro 2016 beenden wird. Die Hoffnungen von Emre Can vom FC Liverpool erfüllten sich ebenfalls, er spielte neben Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld, Toni Kroos rückte in die Offensive, auf den Außenpositionen Mesut Özil und Julian Draxler. Zentral offensiv entschied sich Löw für Thomas Müller und gegen Mario Götze. Eine Aufstellung, die der Bundestrainer in dieser Zusammenstellung noch nie zuvor aufgeboten hatte. In der Defensive wählte Löw die Viererkette, von rechts Joshua Kimmich, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes und Jonas Hector. Das war eine Formation, die man erwarten konnte. Nach dem Anpfiff von Rizzoli übernahm die frenetisch angefeuerte Equipe Tricolore die Regie. Antoine Griezmann hatte schon in der 7. Minute die erste Gelegenheit, Manuel Neuer parierte mit Mühe. Danach sprachen die Chancen aber für die deutsche Mannschaft. Thomas Müller (13.), Emre Can (14.), Kroos (24.) und Schweinsteiger besaßen Möglichkeiten. Insgesamt hatte der Weltmeister den Gegner im Griff, was vor allem auch mit dem geschickten Schachzug zu tun hatte, Schweinsteiger als eine Art Libero vor der eigenen Abwehr spielen zu lassen Schweinsteiger machte das zunächst hervorragend, sein Stellungsspiel ist immer noch überzeugend. Freistöße, die von Dimitri Payet und Paul Pogba auf das Tor von Neuer kamen, blieben ungefährlich. Die größte Chance zur Führung bot sich Olivier Giroud in der 42. Minute, als er nach einem Fehler im deutschen Aufbau allein auf das Tor von Neuer zustürmte, von Höwedes aber im letzten Moment von einer ebenso artistischen wie überragenden Abwehraktion gestoppt werden konnte. Als alles auf ein 0:0 zum Pausentee hindeutete, passierte Schweinsteiger das Ungeschick, das mit einem Foulelfmeter und einer Gelben Karte bestraft wurde. Im zweiten Durchgang blieben die Franzosen zunächst tonangebend. Schon kurz nach dem Wiederanpfiff besaß Giroud seine zweite große Chance des Spieles, die Jerome Boateng aber vereitelte. In der Offensive gelang es Thomas Müller einfach nicht, sich wirkungsvoll in Szene zu setzen. Alle Versuche, den Ball in die Spitzen zu bringen, blieben aber auch zu wenig zwingend. Als dann auch noch Boateng verletzt ausgewechselt werden musste und durch Shkodran Mustafi ersetzt wurde, blieben die Impulse aus Defensive in die Offensive aus. Und die verbleibenden Chancen ließen Kimmich und der erstmals eingewechselte Leroy Sané aus. Und dann traf Griezmann zum zweiten Mal. Der Rest war grenzenloser französischer Jubel. Das Spiel im wunderschönen Stadion Vélodrome in der ebenso wunderschönen Stadt Marseille war ganz sicher ein Höhepunkt dieser Europameisterschaft. Mitten in der Stadt gelegen, ist diese Arena vermutlich die schönste in Frankreich. Zehntausende von französischen und deutschen Fans waren schon den ganzen Tag über unterwegs und relativ früh im Stadion. Ein Stadion mit einer Akustik, die wirklich jeden mitnimmt. Eine unglaubliche Atmosphäre, wenn Zehntausende in Marseille die Marseillaise singen. Auch wenn die deutsche Mannschaft das nicht genießen konnte. (GEA)