ROTTENBURG. Zur Halbzeitpause am Samstagmittag in Rottenburg war klar: Das kann ein Jackpot-Spiel für die Young Boys Reutlingen auf dem Weg zur Meisterschaft in der Fußball-Verbandsliga werden. Schließlich hatte der FC Holzhausen als schärfster Verfolger soeben mit einer 1:2-Niederlage bei den Sportfreunden Dorfmerkingen gepatzt. Damit stand fest, dass der Tabellenführer mit einem Sieg beim Aufsteiger auf sechs Punkte davonziehen könnte. Und die Young Boys schienen nach den ersten 45 Minuten auf dem besten Weg zu sein, diese riesengroße und womöglich einmalige Gelegenheit am Schopfe zu packen.
Quasi mit dem Pausenpfiff hatte Reutlingens Topscorer Adil Iggoute das Team von Volker Grimminger nach einer Ecke in Führung geschossen und das Spiel nach dem zuvor überraschenden 0:1-Rückstand wieder in eine 2:1-Führung gedreht. Kurioserweise waren alle drei Treffer nach einem Eckball gefallen. Ein besseres Ende konnte es für die Grimminger-Elf nach dieser nicht immer ganz einfachen ersten Hälfte gegen sehr giftig agierende Hausherren nicht geben. Doch jetzt musste ein kühler Kopf bewahrt werden.
Und genau deshalb entschied sich der Coach dazu, seinen Jungs in der Halbzeit nicht mitzuteilen, dass Holzhausen verloren hat. »Sie müssen lernen, dass es uns egal ist, was die anderen tun«, erklärte Grimminger, der selbst über den Patzer des größten Konkurrenten von seinem Co Felix Häußler informiert wurde.

Ob es an Grimmingers Entscheidung lag, wird man nie erfahren. Allerdings war das, was die Young Boys in den zweiten 45 Minuten auf dem kleinen Kunstrasenplatz in Rottenburg zeigten, eines Tabellenführers in allen Belangen würdig. Mit einem 5:1 (2:1)-Kantersieg setzte sich der Favorit am Ende mehr als verdient gegen den FCR durch und hätte sogar noch höher gewinnen können. »Mit dem Ball war das eine unserer besten Leistungen«, fand der Reutlinger Erfolgstrainer. Wieder einmal überzeugte seine Mannschaft im Kollektiv. Doch an zwei Spielern kommt man in der Nachbetrachtung einfach nicht vorbei.
Zunächst wäre da Iggoute zu nennen, der in der 70. Minute vom Elfmeterpunkt für die Vorentscheidung zum 3:1 sorgte. In den letzten beiden Partien war der Angreifer ohne Treffer geblieben. Beim 0:0 in Fellbach vor einer Woche vergab der langjährige US-Collegespieler sogar einen Strafstoß. Eine ungewohnte Situation für einen Mann, der seit seinem Wechsel zu den Young Boys vor einem Jahr nur einen Weg kannte: nach oben.
»Heute war es das erste Mal seit drei Wochen, wo sich meine Beine wirklich frei angefühlt haben«, betonte der Doppelpacker am Samstagabend nach dem Schlusspfiff und ergänzte, dass er immer wieder mit dem Kunstrasen und der daraus resultierenden Belastung für den Körper zu kämpfen habe. Warum haben sich seine Beine in Rottenburg nun plötzlich wieder frei angefühlt? »Ich war am Freitagabend um 21 Uhr in der Echaz und habe ein Eisbad genommen«, verriet Iggoute und schmunzelte. Beeindruckend: Der 27-jährige Stürmer steht nun bei neun Toren und zehn Vorlagen in dieser Saison.
Galic belohnt sich (endlich)
Die zweistellige Toremarke knackte am Samstag kein Geringerer als Sturmpartner Ante Galic. Die Erzählung um den Routinier geht in etwa so: Woche für Woche ackert der 30-Jährige unermüdlich in der Sturmspitze für seine Mitspieler und belohnt sich selbst am Ende aber mit zu wenig Treffern. Gegen den FC Rottenburg beschenkte sich der Angreifer knapp drei Wochen vor Heiligabend sehr ausgiebig: Mit einem Dreierpack und seinen Saisontreffern acht, neun und zehn. Zur Erinnerung: In der kompletten Vorsaison hatte der im Sommer 2024 vom Stradtrivalen Croatia zu den Young Boys gewechselte Galic neun Buden geschossen.
»Ich bin jetzt auch beim Toreschießen bei den Young Boys angekommen«, sagte der Mann des Tages und strahlte. Tor zu erzielen sei natürlich immer besonders schön, andere Dinge würden ihn aber noch deutlich mehr erfüllen. »Beispielsweise der Mannschaft mit meinen Führungsqualitäten zu helfen. Ich bin der einzige Familienvater im Team und merke, dass die Jungs das auch brauchen. Da nehme ich gerne auch Mal ein torloses Spiel von mir in Kauf«, betonte Galic. Ein solcher Spieler ist für einen Trainer Gold wert.
Genau deshalb freute sich Grimminger mit seinem Angreifer umso mehr: »Ante hatte oftmals das Spielglück nicht auf seiner Seite. Er ist aber immer dran geblieben. Jetzt ist er da wo man hinkommt, wenn man geduldig bleibt und weiter an sich arbeitet.« Vor allem sind die Young Boys Reutlingen jedoch an dem Punkt angelangt, wo der FC Holzhausen in den verbleibenden 15 Rückrundenspielen machen und tun könne was er wolle, wie Grimminger sagte. »Wir entscheiden.« Das klingt nach Jackpot! (GEA)

