REUTLINGEN. »Mahir Agva hat das Zeug dazu, ein ganz Großer seiner Sportart zu werden.« Das schrieb der General-Anzeiger Mitte August 2012 über den Reutlinger Basketball-Teenager. Etwa ein halbes Jahr später hatte dieser nach dem 93:80 (56:37)-Erfolg seiner Walter Tigers gegen den Mitteldeutschen BC allen Grund, »der glücklichste Mensch in der Halle« zu sein, wie Igor Perovic damals bemerkte. 44,29 Sekunden wurden noch auf der Anzeigetafel angezeigt, als der Tübinger Cheftrainer den 16 Jahre, 7 Monate und 28 Tage jungen Center aufs Parkett schickte. Somit avancierte Agva zum drittjüngsten Spieler, der in einer Bundesligapartie eingesetzt wurde.
An diesem Freitag wird der 2,06-Meter-Mann wohl ganz ähnliche Glücksgefühle erleben dürfen. Nachdem er am Montag vor einer Woche von Bundestrainer Álex Mumbrú für die deutsche A-Nationalmannschaft nominiert wurde, feiert der ehemalige Nachwuchs-Basketballer der TSG Reutlingen nun aller Voraussicht nach im Alter von 29 Jahren, 5 Monaten und 2 Tagen sein Debüt im Trikot der DBB-Auswahl.
-Perovic: Kirsche oben auf der Torte
Für Agva & Co. beginnt mit dem Spiel gegen Israel (19.30 Uhr, live und kostenlos bei MagentaSport) in Ulm sowie drei Tage später mit der Partie auf Zypern die Qualifikation zur WM in Katar (27. August bis 12. September 2027). »Es ist etwas ganz Besonderes, für das Team des Welt- und Europameisters nominiert zu werden - quasi die Kirsche ganz oben auf der Torte«, beschreibt Perovic anschaulich. Agva hätte »schon in jungen Jahren immer ein gutes Näschen gehabt, wo der Ball hinkommt und stand auch immer goldrichtig«. So etwas könne man nicht lernen. »Das muss dir in die Wiege gelegt werden.« Bei Agva war dies der Fall.
Im Kader des zweifachen Titelträgers zu stehen sei »eine riesige Ehre«, sagt Agva voller Stolz. Damit habe er »ein weiteres Ziel meiner Karriere erreicht«. Der gebürtige Reutlinger mit kurdischen Wurzeln spielte von 2009 bis 2013 sowie von Frühjahr 2015 bis Sommer 2016 für die Tigers. Seit seinem Abschied aus Gießen 2019 ist er für verschiedene Clubs in der türkischen Süper Lig aktiv - unter anderem in der Saison 2022/23 für das Euroleague-Team von Galatasaray Istanbul, den Club, für den er seit Kindheitstagen schwärmt. Aktuell steht er beim Tabellen-Zehnten Yukatel Merkezefendi Belediyesi unter Vertrag, wo er als dritteffektivster Akteur des Teams 27 Minuten Spielzeit bekommt, mit 7,7 Rebounds im Schnitt Drittbester der gesamten Liga ist und solide 8,4 Punkte abliefert. Agva ist in der Form seines Lebens. Das blieb offensichtlich nicht unbemerkt.
- Einladung von Herbert abgelehnt
Mit einem deutschen und einem türkischen Pass ausgestattet hatte der Sohn kurdischer Eltern im November 2021 das Angebot zur Teilnahme an einem DBB-Lehrgang noch abgelehnt. Die deutsche A-Nationalmannschaft war für den langjährigen Junioren- und A 2-Nationalspieler zu dieser Zeit kein Thema, obwohl mit Gordon Herbert sein ehemaliger Coach bei den Fraport Skyliners als Bundestrainer das Sagen hatte, der nicht einmal zwei Jahre später mit Schröder & Co. im Herbst 2023 sensationell den Weltmeister-Titel holte. Agva liebäugelte auch noch nach seinem Wechsel zu Galatasaray mit dem türkischen Verband. Der damalige Nationaltrainer Ergin Ataman hatte ihm Hoffnungen auf einen Einsatz im Trikot mit dem weißen Halbmond gemacht. Daraus wurde allerdings nichts.
Nun wird es doch das Jersey mit dem Bundesadler. Manu Pasios spricht von einer Art »Cinderella-Story«. Das Urgestein des Tübinger Nachwuchs-Basketballs hatte Agva im November 2008 im Rahmen des GEA-Projekts »Zeitung macht Schule« entdeckt. Er erinnert sich noch gut daran »wie Mahir damals von seinem älteren Bruder Hüsseyn angepriesen wurde«. Er sei groß und kräftig - ein guter Basketballer. Pasios solle ihn doch mal mitnehmen nach Tübingen. Agva habe »schon in jungen Jahren unfassbar viel Basketballverstand gehabt. Und er konnte Dinge auch ganz schnell umsetzen«, beschreibt der Grieche das herausragende Talent des Centers.
- Tsouknidis sieht hohen Basketball-IQ
Das Wort Basketball-IQ fällt im Zusammenhang mit dem Sohn des Reutlinger Döner-Buden-Besitzers Bektas Agva immer wieder. Auch Pasios' Landsmann Vasilios Tsouknidis attestiert dem 110 Kilo schweren, eher mäßig athletischen Big Man ein gutes Spielverständnis. Für den modernen Basketball seien Spieler wie der mittlerweile sieben Jahre in der Türkei aktive Profi »wichtig, weil er kleine Dinge gut macht. Mahir hat einen sehr passablen Wurf, passt und reboundet ordentlich«. Von all den Aspekten, die einen guten Center auszeichnen, mache Agva vieles gut. »Deshalb weiß ein Trainer, was er bekommt, wenn er Mahir einsetzt. Er ist ein zuverlässiger Spieler.«
Als guter Freund der Familie Agva sowie Jugendtrainer bei der TSG und langjähriger Mentor des Neu-Nationalspielers attestiert Tsouknidis seinem ehemaligen Sprössling zudem Fleiß und einen konsequenten Umgang mit seinem Leben als Profisportler. Mit Basketball habe der ehemalige Hauptschüler »seine Bestimmung gefunden und er nimmt diese sehr ernst«. Sein Vater und Tsouknidis waren es auch, die Agva schon in jungen Jahren eingetrichtert haben, dass sein Privatleben niemanden etwas angeht. Partygänger war und ist er eh keiner. Auch sonst gibt es seit je her nahezu keine Störfaktoren. »Diesbezüglich hat Mahir einen starken Charakter«, erklärt Tsouknidis.
- Jönke war der große Bruder
Von einem einzigen Handgemenge im Tübinger Nachtleben ist die Rede, als Agva und sein damaliger Tigers-Teamkollege Till Jönke (»Ich war eine Art großer Bruder für Mahir«) im Frühling 2015 mitten im Abstiegskampf steckend anderer Meinung waren als ein unzufriedener Fan. Agva hätte »immer an sich geglaubt, als keiner mit ihm rechnete, weil er noch zu viel Babyspeck auf den Rippen hatte«. Seine Einstellung, sein Charakter, sein Selbstbewusstsein und das seit je her große Kämpferherz zeichnen den abseits des Spielfeldes eher zurückhaltenden Menschen als Sportler aus.
Ralph Junge hat Agvas Potenzial schnell erkannt und den damals 17-Jährigen bei Erdgas Ehingen und dem renommierten Nachwuchs-Kooperationspartner Urspringschule mit offenen Armen empfangen. »Mit seiner Emotion, seinem Mut und seiner positiv frechen Art hat er sich immer abgehoben von den anderen«, erinnert sich der langjährige Erfolgscoach des einst hoch angesehenen Basketball-Standorts.
- Bei Mumbru guten Eindruck hinterlassen
Gut möglich, dass Agva bei Mumbru und seinem australisch-bosnischen Assistenten Alan Ibrahimagic dieser Tage einen so guten Eindruck hinterlässt, dass er nochmals zu einem Lehrgang eingeladen wird. Ibrahimagic war es, der Agva immer auf dem Zettel hatte und ihn jetzt aus dem Hut zauberte. Unter ihm als Cheftrainer gelang Agva mit dem aktuellen Münchner Nationalmannschaftskollegen Andreas Obst im Sommer 2014 bei der U18-Europameisterschaft der Division B der Turniersieg sowie der Wiederaufstieg in die Division A der besten europäischen Auswahlmannschaften.
Der Schritt aus dem behüteten Nest der Familie in Reutlingen ins Internat auf der Schwäbischen Alb war für den Youngster ein Großer. Diesen meisterte er unterm Strich genauso gut wie den Sprung an den fernen Bosporus. Ehingen führte der junge Agva einst auf den dritten Hauptrundenplatz in der Pro A-Spielzeit 2013/14 und damit die beste Platzierung der Vereinsgeschichte; mit dem türkischen Erstligisten Pinar Karsiyaka unterlag er erst im Champions-League-Finale dem spanischen Vertreter Hereda San Pablo Burgos. Sportliche Erfolge kann der Reutlinger durchaus vorweisen. Bleibt abzuwarten, ob nun auch noch welche mit der A-Nationalmannschaft dazukommen. (GEA)


