REUTLINGEN-ROMMELSBACH. Ja, ja, der Westwind. Der kann zuweilen ziemlich aufbrausend sein. Mitunter pfeift er, manchmal wispert er. Und wer ganz genau hinhört, dem erzählt er sogar Geschichten. So geschehen in Rommelsbach, wo zwei Menschen wohnen, denen die Gabe des Zuhörens noch nicht abhanden gekommen ist. Fein säuberlich haben sie notiert, was ihnen da Böe für Böe auf West-Windisch zugetragen wurde und letztlich Einzug in ein wahrlich zauberhaftes Buch gehalten hat - mit Episoden über Balthasar, den Bären zum Beispiel, Kasimir, den Hasen und Rüdiger, den Raben; über Elfen und Trolle, Zwerge, Drachen und einen etwas verpeilten Magier.
Zu Papier gebracht wurden deren Abenteuer von Julia (41) und Christoph Nörr (43). So nämlich heißen die zwei Rommelsbacher, denen mit ihrem jetzt druckfrisch in den Handel gekommenen Erstlingswerk »Als mir der Westwind Geschichten erzählte« ein humorvoll-spannendes und obendrein liebevoll illustriertes Stück Kinderliteratur gelungen ist; eine Lektüre für Mädchen und Jungen im Grundschulalter, die unweigerlich Lust auf kuschelige Vorlese-Nachmittage macht und der Fantasie Flügel verleiht.
»Meine Meinung nach kann es gar nicht genug gute Kinderbücher geben«
Trotz all dieser Qualitäten sei eine ketzerische Frage dennoch gestattet: Warum eigentlich schon wieder, zum abermillionsten Mal, frisches Lesefutter für ein junges Publikum? Konter von Christoph Nörr: »Warum nicht?!« Denn seiner Meinung nach »kann es gar nicht genug gute Kinderbücher geben«. Zumal für bibliophile Haushalte wie dem Nörr’schen, in dem die Lesekultur noch gehegt und gepflegt wird: sehr zum Pläsier von Töchterchen Elisabeth (7) und Sohnemann Erik (3), die jedes Schmökerstündchen mit Mama oder Papa genießen.
Deshalb ist die Familie in der Reutlinger Stadtbibliothek und ihrer Rommelsbacher Zweigstelle Dauergast. Wobei von hier auch Hörbücher für kleine Ohren mit nach Hause genommen werden. Letztere, darin sind sich die frischgebackenen Autoren einig, können das gemeinsame Lese-Erlebnis von Eltern und Kindern zwar nicht ersetzen. Sinnvoll ergänzen indes schon. »Vorlesen ist ja schließlich auch eine Zeitfrage«, wie die 41-Jährige weiß, die ihre Brötchen als internationale Betriebswirtin mit Schwerpunkt Marketing verdient. Derweil Christoph Nörr hauptberuflich als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte tätig ist.
»Wir wollen Kreativität und Fantasie fördern und Werte wie Freundschaft, Vertrauen und Mut vermitteln«
Beide hatten schon sehr früh sehr intensiven Kontakt mit der Welt der Bücher. Auch ihnen wurde von Vater und Mutter regelmäßig vorgelesen, auch sie fanden es in jungen Jahren schlichtweg wunderbar, in den literarischen Kosmos eines Erich Kästner und Otfried Preußler, einer Astrid Lindgren und eines Michael Endes einzutauchen; also in Klassikern der Kinderliteratur zu schwelgen, die im Falle von Julia und Christoph Nörr bis heute angenehm nachwirken.
Es ist ein »warmes Gefühl«, das die beiden Rommelsbacher durchströmt, wenn sie an die literarischen Helden ihrer Kindheit und Jugend zurückdenken: an Pippi Langstrumpf und Momo, den Räuber Hotzenplotz und das kleine Gespenst. Sie alle waren Julia und Christoph Nörr einst treue Wegbegleiter.
»Superwichtig« sei das gewesen, weil Titel wie »Die unendliche Geschichte« und »Das fliegende Klassenzimmer«, so der 43-Jährige, »Kreativität und Fantasie fördern, weil sie Werte wie Freundschaft, Vertrauen und Mut vermitteln«, und weil gute Kinderbücher »ein bisschen die Welt erklären, Kraft geben oder die Leser zum Lachen bringen«.
»Das hat eine Chance, das hat wirklich Potenzial«
Eben das beabsichtigen Julia und Christoph Nörr mit ihren vom Westwind erzählten Geschichten ebenfalls zu tun. Was ihnen im Übrigen trefflich gelingt - auch dank der Unterstützung von Lektorin Julia Jung und Kinderbuch-Illustratorin Anja Grote, die den Rommelsbacher Rohling zum funkelzauberschönen Juwel geschliffen haben, das - wie das Autorenpaar im Rahmen von Lesungen bereits erfahren durfte - bei seiner fünf- bis zehnjährigen Zielgruppe prima ankommt.
Etwa zwei Jahre hat es gedauert, bis aus der Buchidee Wirklichkeit wurde. Erst ging es in kleinen Schritten voran, dann kam plötzlich Zug hinter die gemeinsame Sache. Ein Workshop von und mit der Schriftstellerin Regina Denk war’s, der Christoph Nörr inspirierte und dazu ermutigte, mit dem eigenen Herzensprojekt herauszurücken. Eine Kurzgeschichtensammlung, ließ er sie wissen, solle entstehen. Allerdings keine lose, sondern eine, die von einem Erzählrahmen zusammengehalten wird. Um präzise zu sein: von einem magischen Buch, das mit seinen Lesern spricht und vom Westwind mit Inhalt gefüllt wird. Ein Plot, der Lenk überzeugte. »Das hat eine Chance, das hat wirklich Potenzial«, sprach’s, ermunterte zu einem Exposé und stellte den Kontakt zum Karibu-Verlag her, der nun die erste, 4.000 Exemplare zählende Auflage herausgebracht hat.
Für das Autoren-Paar fühlt sie sich wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk an. Und für jene Kinder, die schon in den Genuss erster Lesungen gekommen sind, ebenfalls. Die Resonanz auf die Westwind-Geschichten sei bislang durchweg positiv. »Die Kinder gehen voll mit.« Es sei eine helle Freude, das zu erleben. Etwa wenn 70 Zweitklässler den Brummbären geben.
Wer von Julia und Christoph Nörr persönlich in west-windische Fantasiewelten mitgenommen werden möchte, hat hierfür bei Lesungen Gelegenheit. Der nächsten literarischen Auftritt ist am Freitag, 19. Dezember, 16 Uhr, im Kinderbereich der Reutlinger Stadtbibliothek. (GEA)

