REUTLINGEN. Gärtner, Bankkaufmann oder Friseur sind Berufe, die jeder kennt. Doch was hat es mit einem Glasaugenmacher, einem Drahtzieher oder Food-Stylisten auf sich? Es gibt eine ganze Reihe seltener Berufe, von denen Otto Normalverbraucher in der Regel nie etwas gehört hat. In Deutschland stehen über 300 anerkannte Ausbildungsberufe zur Auswahl. Doch fragt man Jugendliche, für welche Tätigkeit sie sich interessieren, konzentrieren sich die Antworten meist auf Klassiker wie Fachinformatiker, Kauffrau für Büromanagement oder Kraftfahrzeugmechatroniker.
Aktuell gibt es im Handwerk 130 Ausbildungsberufe. Tatsächlich entfallen 80 Prozent aller Lehrverträge in der Region aber auf gerade mal 20 Berufe. »Der technologische und gesellschaftliche Wandel führte dazu, dass früher weit verbreitete Berufe heute kaum mehr ausgeübt und deshalb auch nicht mehr ausgebildet werden. Gleichzeitig entstanden und entstehen immer wieder neue Berufsbilder, die jungen Menschen gute Zukunftsperspektiven bieten«, sagt Susanne Hammann, Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsausbildung, Prüfungs- und Sachverständigenwesen bei der Handwerkskammer Reutlingen. Vor diesem Hintergrund hat der GEA mit zwei jungen Frauen aus der Region gesprochen, die von ihren Ausbildungsberufen abseits des Mainstreams berichten.
»Für mich hat sich das einfach richtig angefühlt«
Blechteile feilen, schleifen oder polieren. Dazu noch schmieden, löten, drehen oder biegen. Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein, dazu auch noch dreckig und staubig. Doch Daniela Schweizer liebt diese Tätigkeiten. Sie macht derzeit eine Ausbildung zur Metallblasinstrumentenmacherin beim Musikhaus Beck in Dettingen an der Erms. »Das Handwerkliche gefällt mir dabei sehr. Und wenn ich abends die Werkstatt verlasse und ich sehe, was ich geschafft habe, ist das ein schönes Gefühl«, erzählt die 19-Jährige.
So freut sie sich jedes Mal, wenn sie zum Beispiel einem reparaturbedürftigen Instrument wieder zu neuem Glanz verhelfen konnte. Daniela Schweizer hat sich bewusst für diesen sehr technischen Beruf entschieden. »Ich wollte auf jeden Fall etwas machen, wo ich den Sinn darin sehe. Und ein Job im Büro wäre nichts für mich gewesen«, sagt sie.
Doch wie kommt eine Realschulabsolventin dazu, sich für diesen alles andere alltäglichen Beruf zu entscheiden. Und: Benötigt man dafür besondere musikalische Vorkenntnisse? Der Reihe nach. Daniela Schweizer spielte als Kindergartenkind eine Zeit lang Blockflöte. Dieses musikalische Intermezzo war nur von kurzer Dauer, ihre Übungsfreude sei damals nicht sehr ausgeprägt gewesen. Spannender fand sie allerdings die Instrumente ihres Vaters, eine Trompete und eine Tuba. Besonders die Tuba hatte es ihr auf Anhieb angetan. »Das ist ein echt cooles Instrument. Ihr Klang hat mich von Anfang an fasziniert«, berichtet die junge Frau aus dem Landkreis Böblingen.
So kam es, dass sie mit elf Jahren anfing Tuba zu spielen. Bis heute ist sie dabei und seit sechs Jahren sogar Mitglied eines Posaunenchors. Als besonders musikalisch würde sie sich indes nicht bezeichnen. Aber für ihren Ausbildungsberuf sei es schon sehr hilfreich, wenn man ein Instrument spielen könne und ein Grundverständnis für Musik habe. »Denn die Instrumente, die zu uns in die Werkstatt kommen, müssen zum Schluss der Arbeiten immer angespielt werden. Damit werden sie auf ihre Funktion hin überprüft«, erklärt Daniela Schweizer.
Ihren Ausbildungsplatz hat sie einem Tuba-Workshop beim Musikhaus Beck zu verdanken. Während des Lehrgangs kam sie mit dem Firmenchef ins Gespräch, ein einwöchiges Praktikum in der Werkstatt des Dettinger Musikhauses folgte. »In dem Moment wurde mir klar, dass ich das beruflich machen möchte. Das gesamte Team war unheimlich nett, und für mich hat sich das einfach richtig angefühlt«, sagt Schweizer.
»Jedes Instrument ist individuell. Das macht den Job so vielseitig«
Nächstes Jahr im Sommer wird sie ihren Abschluss machen. Dazu gehört auch der Bau eines Gesellenstücks. Noch ist sie unentschlossen, aber sie tendiert zu einer Posaune oder Basstrompete. Ob sie denn oft auf ihren eher außergewöhnlichen Beruf angesprochen werde? »Wenn ich davon erzähle, finden es viele total spannend und fragen dann, was man da überhaupt machen muss«, berichtet die angehende Metallblasinstrumentenmacherin. »Jedes Instrument ist individuell. Das macht unseren Beruf so vielseitig und abwechslungsreich. Ich bin wirklich froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe.«
Ursprünglich wollte Pia Goller Modedesignerin werden. Doch es kam ganz anders – und der Gegensatz könnte nicht größer sein. Anstatt in einem Atelier mit Schnittmustern und Stoffen zu handtieren, ist sie jetzt bei Wind und Wetter draußen unterwegs, arbeitet mit modernster Technik und schweren Maschinen. Seit knapp einem Jahr macht die 24-Jährige eine Ausbildung zur Brunnenbauerin bei der Firma Goller Bohrtechnik in Kirchentellinsfurt.
Aufgewachsen ist die junge Frau in Altenburg. Sie besuchte die Realschule, machte dort ihren Abschluss und wechselte anschließend für zwei Jahre auf eine Privatschule nach Tübingen. Schon während ihrer Kindheit verbrachte Pia Goller viel Zeit in der elterlichen Bohrtechnik-Firma, die vor über 40 Jahren von ihrem Großvater gegründet wurde.
»Früher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, mal in die Firma einzutreten. Und meine Eltern haben mir bei der Berufswahl zum Glück völlig freie Hand gelassen«, verrät die angehende Brunnenbauerin. Noch während ihrer Schulzeit jobbte sie hin und wieder als Bohrhelferin im Familienbetrieb – und fand immer mehr Gefallen an diesem nicht ganz alltäglichen Beruf. »Vor Dreck, körperlicher Anstrengung, Kälte oder Hitze darf man sich allerdings nicht scheuen, denn das gehört hier zum Berufsalltag«, erklärt Pia Goller lachend.
Als jedoch ihre Mutter, die die Verantwortung für den kaufmännischen Teil der Firma trägt, zusätzliche Hilfe im Büro benötigte, zögerte die Tochter nicht lange und absolvierte kurz entschlossen eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement.
»In dieser Zeit bin ich richtig in die Firma reingewachsen und habe gemerkt, in was für einem spannenden Themenfeld wir eigentlich arbeiten«, sagt sie. »Und mir ist klar geworden, dass ich die Chance nutzen sollte, voll und ganz in den Betrieb einzusteigen – mit der Option, später mal die Nachfolge meines Vaters anzutreten.« Deshalb entschied sich die tatkräftige Frau für eine zweite Ausbildung, nämlich als Brunnenbauerin.
»In dieser Zeit bin ich richtig in die Firma reingewachsen«
Wasser ist ein kostbares Gut. Deshalb ist der Beruf des Brunnenbauers aktueller denn je. Und die Aufgaben sind vielfältig. Dazu gehören zum Beispiel Baugrundaufschlussbohrungen, Brunnenbau oder Erdwärmebohrungen – um nur einige zu nennen. Doch zur Schaufel muss heute keiner mehr greifen, um ein Loch zu buddeln. Hier helfen große Maschinen, um sich ins Erdreich zu graben. Wenn dann auch noch mathematische und physikalische Kenntnisse vorhanden sind und man über ein gewisses handwerklich-technisches Geschick verfügt, bringt man gute Voraussetzungen für die Arbeit als Brunnenbauer mit.
Wenn alles gut läuft, ist Pia Goller in einem Jahr mit ihrer Ausbildung fertig. Danach peilt sie den Meisterkurs an. Die junge Frau hat ihre Berufung gefunden. Sie sagt: »Der Job ist nach wie vor eine Männerwelt. Trotzdem macht er mir riesigen Spaß und ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen.« (GEA)


