Behrens ging eingangs auf die Geschichte des Hauskellers ein, den die alten Germanen bekanntlich so nicht kannten. Erst durch die Römer lernten sie die gemauerte Bauweise samt Tonnengewölbe kennen. In den mittelalterlichen Städten gehörte ein Keller dann aber zu fast jedem Haus, betrieben doch viele Bürger neben ihrem Hauptberuf meist auch eine kleine Landwirtschaft. Und da brauchte man einen großen Keller zur Lagerung der Feldfrüchte, des Mosts oder auch des Weins.
Ob die alten Keller heute noch genutzt werden, hängt natürlich von den Eigentümern beziehungsweise den Mietern ab. Dem Keller im Gebäude Wilhelmstraße 119, den die Gruppe als ersten besuchte, sieht man jedenfalls nicht an, dass er wie die anderen im Ursprung an die 800 Jahre alt ist. Er wird von einem schicken Wohnbedarfsladen als Verkaufsraum genutzt. Das typische Bruchsteinmauerwerk zeichnet sich allerdings unter dem weißen Verputz deutlich ab. Der Keller ist überraschend groß, zieht sich fast hinüber bis zur benachbarten Metzgerstraße. Vom ursprünglichen Lehmboden ist allerdings nichts mehr zu sehen. Große Terracotta-Fliesen sorgen für eine dezente Atmosphäre.
Ganz anders dann die Situation im gegenüberliegenden Haus, Wilhelmstraße 110. »Ein ganz typischer Keller«, meint Behrens. Dieser hier wird nicht mehr genutzt, das grobe Mauerwerk liegt zum großen Teil frei, den Boden decken vermutlich jahrhundertealte Steinplatten. Es riecht muffig, die Belüftung fehlt. »Es waren natürlich Profanbauten«, sagt Behrens im Hinblick auf die karge Ausstattung. Und noch etwas fällt den Besuchern auf. Eine massive Stahltür trennt den Keller vom Vorraum: ein Erbe des Naziregimes, als viele der Tiefkeller auch in Reutlingen zu Luftschutzräumen umfunktioniert und übrigens auch miteinander verbunden wurden.
Im abgetrennten Vorraum, ebenfalls Teil eines alten Kellers, gibt es noch einen überraschenden Einblick. Das Gewölbe ist dort aufgebrochen und es wird deutlich, wie dick die Steinlagen sind, die den Keller decken. Ein guter Meter Bruchstein, teilweise große, durchgehende Platten, wurden sich gegenseitig stützend zum Gewölbe zusammengefügt.
Gute fünf Meter unter dem Niveau der Fußgängerzone liegt der Keller des Hauses Wilhelmstraße 105. Von einer Szene-Kneipe als Getränkelager genutzt, wird deutlich, was ein alter, gut belüfteter Tiefkeller wert ist. Trotz des neuzeitlichen Betonbodens bietet er gleichmäßige Temperaturen zu jeder Jahreszeit und dies bei relativ geringer Luftfeuchtigkeit. Dort verabschiedete Rüder Behrens seine Gäste, die an diesem Nachmittag sicher etwas dazu gelernt haben. (GEA)
