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Aktuell Altstadt

Zarte Pflänzchen fürs Reutlinger Gerberviertel

Gerbergarten, erste größere Sanierungsaktion der GWG: Was sich im Quartier hinterm ZOB bewegt.

Die GWG startet die Sanierung einer ihrer teils maroden Immobilien im Gerberviertel.
Die GWG startet die Sanierung einer ihrer teils maroden Immobilien im Gerberviertel. Foto: Frank Pieth
Die GWG startet die Sanierung einer ihrer teils maroden Immobilien im Gerberviertel.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Dunkle Ecken, in denen Drogendealer zugange sind. Freche Jugendliche, die sich in der Gruppe stark fühlen, Bewohner verschrecken. Marode Immobilen: Das Gerberviertel war lange keine erste Adresse. Anwohner und Gewerbetreibende protestierten im Rathaus, suchten Öffentlichkeit für ihre Kritik, richteten den Scheinwerfer aufs Quartier. Vor gut zwei Jahren war das. Unübersehbar blieb jedoch auch damals schon: Das Quartier beim ZOB hat großes Potenzial, ein schönes Stück Altstadt zu werden.

»Keine Beschwerden mehr, weniger Einsatzlagen. Es ist ruhiger geworden im Gerberviertel«

Die Polizei zeigte sich präsenter. Die Reutlinger Wohnungsgesellschaft GWG geriet in Bewegung – als Besitzerin so mancher verrottender Immobilie, die die Wahrnehmung des Quartiers als unattraktiv prägen, ist sie eine zentrale Akteurin im Quartier.

Nun steht am Eckhaus mit der legendären Disco Rodeo in der Unteren Gerberstraße 20 ein Gerüst. Tut sich baulich was im Quartier? Auf Nachfrage heißt es aus der GWG, dass die Immobilie saniert wird und dort »verschiedenste Zimmer für Studierende entstehen sollen, verteilt auf drei Stockwerke«. Die Fertigstellung sei bis Ende des Jahres geplant. Detailliertere Informationen sollen in den kommenden Wochen folgen.

Hübsch bereits: die Untere Gerberstraße. Es fehlt jedoch noch an Leben.
Hübsch bereits: die Untere Gerberstraße. Es fehlt jedoch noch an Leben. Foto: Frank Pieth
Hübsch bereits: die Untere Gerberstraße. Es fehlt jedoch noch an Leben.
Foto: Frank Pieth

Ist diese Sanierung der Startschuss für Größeres? »Im Hinblick auf die bauliche Struktur des Gerberviertels liegen erste Untersuchungen der Bestandsgebäude vor«, heißt es vonseiten der GWG. Sie würden derzeit ausgewertet. Voraussichtlich bis Herbst lägen dann »weitere Informationen zu möglichen baulichen Veränderungen im Quartier« vor. Dazu will man dann auch ein Konzept vorlegen. Die Planungen fürs Gerber-Areal seinen aufgrund der noch nicht abschließend geklärten Trassenführung der geplanten Stadtbahn zurückgestellt worden, betont die GWG einmal mehr. Auch aktuell fließe diese Unsicherheit in die Überlegungen ein und beeinflusse den Planungsprozess.

Die Wohnungsgesellschaft hatte im Sommer 2023 eine »Machbarkeitsstudie« durchführen lassen. Stadt, Polizei und Ordnungsamt waren daran beteiligt. Die Ergebnisse möchte das Unternehmen weiterhin nicht veröffentlichen. Das Ziel ist jedoch definiert: »Das Viertel als lebendigen und vielfältigen Ort stärken«.

Für die Studie wurde die Werkstatt für Integration und Soziale Innovation (Werk ISI) beauftragt. Basis der Ermittlungen waren Interviews, die Studierende vor Ort mit Anwohnern, Gewerbetreibenden und Passanten geführt haben (der GEA berichtete). Aus der Analyse wurden Maßnahmen erarbeitet, die unter anderen helfen sollen, das Erscheinungsbild und die Angebote für Jugendliche im Quartier zu verbessern.

Die Untere Gerberstraße ist das Epizentrum der Veränderung. Auch die Werk ISI von Karoline Altenburger und Carsten Hutt hat dort – in der Nummer 19 – ihren Stützpunkt mit dem »Wechselnden Wilhelm«. Der Think-Tank fürs Quartier sitzt somit mittendrin.

Den Umzug von prominenter Stelle bei der Marienkirche weg an den Altstadtrand zwischen ZOB und Unterer Wilhelmstraße sieht Werk-ISI-Geschäftsführerin Altenburger nicht nur wegen der deutlich geringeren Miete positiv: Mit Café, Gewerbeküche und Co-Workingspace könne der Funktion als Begegnungsstätte stärker Rechnung getragen werden. Es gebe nun Raum für mehr soziale Projekte.

Nicht so hübsch: Blick in die Stadtbotenstraße.
Nicht so hübsch: Blick in die Stadtbotenstraße. Foto: Frank Pieth
Nicht so hübsch: Blick in die Stadtbotenstraße.
Foto: Frank Pieth

Aktuell entsteht schräg gegenüber neues Sichtbares: der Gerbergarten. Bis August soll aus einem GWG-Parkplatz ein gemeinschaftlich genutztes Outdoor-Refugium für Anwohner werden – und ein Lernort für Grundschüler. Im Viertel sind dies insbesondere die Pennäler der Jos-Weiß-Schule, die am Lindachknoten außerhalb ihres Schulzaunes keinen Raum für Kinder bietet.

Im Gerbergarten steht noch ein Tiny-House, das als Mini-Dependance die Hochschule im Stadtzentrum sichtbar machen soll. Das »Schaufenster« für wissenschaftliche Ideen und Projekte scheint noch nach Daseinsberechtigung zu suchen – und wirkt vor allem reichlich überdimensioniert im kleinen Gerbergarten.

Bürgerstiftung und Spendenparlament haben Geld für den Garten spendiert. Die Umsetzung organisiert die Werk ISI – unter fachkundiger und tatkräftiger Mitwirkung von Thomas Höfer, der sein Büro gleich gegenüber hat. Der Landschaftsplaner hat seine Gestaltungsideen eingebracht und auch gleich kräftig mit angepackt bei Bau und Befüllung der Hochbeete zusammen mit Gerberviertelbewohnern.

Jos-Weiß-Schüler haben unlängst die Hochbeete bepflanzt. Fehlen noch die Holzhackschnitzel, die den ehemaligen Parkplatz wohnlicher machen sollen. Auch Beschattung soll das grüne Klassenzimmer noch bekommen, unter anderem durch rankenden Hopfen.

Die Delegation der Jos-Weiß-Schule: Mit Thomas Höfer hat sie die Hochbeete im Gerbergarten bepflanzt.
Die Delegation der Jos-Weiß-Schule: Mit Thomas Höfer hat sie die Hochbeete im Gerbergarten bepflanzt. Foto: STEFFEN SCHANZ
Die Delegation der Jos-Weiß-Schule: Mit Thomas Höfer hat sie die Hochbeete im Gerbergarten bepflanzt.
Foto: STEFFEN SCHANZ

Viel (meist) ehrenamtlicher Schweiß und Hirnschmalz sollen Zutaten für das Erfolgsrezept im neuen Quartier sein. Die Gründung eines ehrenamtlichen Bürgerschaftsvereins ist geplant, eine Schnittstelle zwischen Bürgerschaft, Jugendlichen und Stadtverwaltung.

Nagelstudio und Friseur fehlen auch in der Unteren Gerberstraße nicht. Aber die übrige Palette der dort abseits der Anwohner Residierenden ist breit: vom Naturschutzzentrum bis zum Mieterbund. In die Nummer 14 ist in unmittelbare Nachbarschaft des neuen Gartens die Gruppe 91 mit ihrer »Kleinen Galerie« eingezogen, der Freundeskreis des verstorbenen Tübinger Kunstschaffenden Herbert Rösler. In Nummer 12 bietet der »ZeitRaum« Ausstellungen und Start-up-Initiativen Fläche.

""Die Gespräche mit den Jugendlichen haben etwas bewirkt"

Wird im Gerberviertel Stadt neu gedacht? Ist die Untere Gerberstraße ein gutes Vorbild für Quartiersentwicklung vor Ort und darüber hinaus? Noch fehlt es an Leben in der Gasse. Doch sie hat sich gemausert, wirkt propper, hat kaum Leerstände.

Ein Thema wird sicher noch sein, wie die Stadt im Quartier mit dem Autoverkehr umgeht. Im Herbst will die Verwaltung ihr Mobilitätskonzept Altstadt präsentieren. Bleibt abzuwarten, welche verkehrlichen Veränderungen darin angedacht werden, um die Aufenthaltsqualität im Viertel zu steigern.

Und was macht die Quartiers-Klientel, die zeitweise für besonderen Verdruss gesorgt hat? »Die Gespräche mit den Jugendlichen haben etwas bewirkt«, glaubt Karoline Altenburger. Es sei für viele der jungen Leute eine neue Erfahrungen gewesen, dass »da jemand kommt und fragt, was wünscht ihr Euch? Und der dann auch bei der Antwort zuhört«.

Ebenfalls ein Raum mit Entwicklungspotenzial: der Federnseeplatz mit dem derzeit geschlossenen Jugendcafé.
Ebenfalls ein Raum mit Entwicklungspotenzial: der Federnseeplatz mit dem derzeit geschlossenen Jugendcafé. Foto: Frank Pieth
Ebenfalls ein Raum mit Entwicklungspotenzial: der Federnseeplatz mit dem derzeit geschlossenen Jugendcafé.
Foto: Frank Pieth

Und auch die Interviewer haben von den Jugendlichen aus dem Gerberviertel gelernt: dass es dort Eltern gibt, die sich nicht kümmern um elementarste Bedürfnisse ihrer Kinder und dass diese dann bei der Befragung Anliegen nennen wie: kostenlos etwas zu trinken zu bekommen oder günstig etwas Ordentliches zum Essen.

Dass es gerade besonders friedlich im Quartier ist, mag auch daran liegen, dass das Jugendcafé seit April geschlossen ist: Der Federnseeplatz vor der Tür des Treffpunkts ist gerade in den lauen Sommernächten ein Ort, der öfter mal für Turbulenzen sorgt.

Jugendcafé wegen Personalmangel geschlossen

»Liebe Jugendliche, das Jugendcafé muss aufgrund von Personalmangel geschlossen bleiben«: Dieses Schild prangt am Eingang des Treffpunkts am Federseeplatz im Gerberviertel. Auf Nachfrage lässt die Verwaltung wissen, dass die Einrichtung bereits seit April zu ist. Der Grund: längere Krankheit der Jugendhausleitung und Stellenvakanzen. Unterdessen würden die jungen Menschen per Social Media über Angebote in den anderen Reutlinger Jugendhäusern und -treffs informiert. Die Rechtsberatung des Jugendcafés finde vorübergehend im Jugendhaus Bastille statt. Kooperationen mit dem Jugendcafé seien in andere Jugendhäuser verlegt worden. Nach Einschätzung der Verwaltung wird das Interimsangebot wahrgenommen: »Die jungen Besucher des Jugendcafés haben dementsprechend teilweise in den anderen Einrichtungen der Stiftung Jugendwerk und der städtischen Treffs Anschluss gefunden, ebenso bei der Mobilen Jugendarbeit in der Innenstadt.« Momentan befinde sich die Stiftung Jugendwerk in einem Stellenbesetzungsverfahren, so dass das Jugendcafé »in Bälde« wieder geöffnet werde. (igl)

Anwohner sagen aber insgesamt: »Es ist besser geworden.« Und auch Karoline Altenburger findet: »Das Gerberviertel hat sich verändert.« Eine wahrnehmbare Auswirkung: Die Blumenkästen würden nicht mehr demoliert und das Tinyhouse sei schon länger nicht mehr mit Graffitis besprüht worden.

Die Polizei bestätigt diese Einschätzung: Keine Beschwerden mehr, weniger Einsatzlagen. In Bezug auf die Straftaten sei es »ruhiger« geworden im Gerberviertel, berichtet Michael Schlüssler, der Leiter des Reutlinger Polizeireviers auf Nachfrage. (GEA)