REUTLINGEN/REGION. Junge Mauersegler, die wegen Überhitzung aus dem Nest hüpfen. Schwangere, die zu früh niederkommen. Stromleitungen, die durchhängen - anhaltende Hitze hat Auswirkungen auf viele Lebensbereiche.
Wild- und Honigbienen
Wenn Wildbienen wie Hummeln darbend auf Gehwegen liegen, leiden sie weniger unter der Hitze, sondern sind am Verhungern. Da etwa Lindenbäume zu manchen Zeiten keinen Nektar mehr haben, aber trotzdem ihren Duft verströmen, fliegen sie zum Teil von weit her - und finden doch zu wenig Nahrung. Das liegt an natürlichen Schwankungen in der Nektarproduktion, Wassermangel oder der großen Nachfrage durch Bienen. Honigbienen sind etwas resilienter. Da bei denen die Hoch- und Schwarmzeit vorbei ist, sterben die nur drei bis vier Wochen lebenden Arbeitsbienen derzeit aber auch tausendfach weg, erklärt Thomas Blum vom Imkerverein Reutlingen. Dabei stecken sie »35 bis 37 Grad locker weg«. Der Klimawandel verstärkt die Not: Vertrocknen Pflanzen durch Wassermangel, haben Insekten nichts zu essen.

Frauen und Kinder
»Naturkatastrophen, Hitzesommer und schädigende Umwelteinflüsse wirken sich zunehmend auf die Gesundheit von Menschen aus«, stellen Prof. Harald Abele und Dr. Joachim Graf von der Frauenklinik der Uni Tübingen fest. Sie fordern daher »einen dringend veränderten Umgang mit Frauengesundheit und Geburtshilfe«. Denn Studien zeigen: Frauen sind davon besonders betroffen. »Auch in Industrieländern wirkt sich Hitze ungünstig auf die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frauen aus«, schreibt Graf in der Zeitschrift »Hebammen Wissenschaft«. Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Hitze-induzierten Zunahme von Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien unter anderem für Deutschland belegt. Studiendaten aus Australien legten zudem nahe, »dass bei steigenden Temperaturen das Risiko für Frühgeburtlichkeit steigt«. Generell gelte: »Klimaschwankungen und die Zunahme an Klimaextremen zeigen relevante Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind.«
Jungvögel
Fürs Mössinger Vogelschutzzentrum gilt vorläufig: Aufnahmestopp. Mit mehr als 100 Pfleglingen ist die Kapazität der NABU-Station erreicht. In der Hochphase der Brutsaison werden meist Jungvögel abgegeben. Die zieht das Team groß, bis sie selbstständig sind und in die Freiheit entlassen werden. Im Fliegen ungeübte Vogelkinder wirken aber oft nur hilflos, erklärt Zentrumsleiter Dr. Daniel Schmidt-Rothmund: Meist handle es sich um gesunde Junge, die außerhalb des Nestes von den Altvögeln weiter mit Futter versorgt werden. Also: »Zunächst mit Abstand beobachten, was passiert.« Oft tauche nach 20 bis 30 Minuten ein Altvogel mit Futter auf.
Sonderfall: Mauersegler
Vor allem junge Mauersegler und Mehlschwalben sind laut NABU wegen der großen Hitze jüngst aus dem Nest gesprungen, weil es dort nicht mehr auszuhalten war. Ihre Nester hängen oft an Dachvorsprüngen. »Heizt sich das Dach stark auf, ist das ist für die Tiere eine große Strapaze«, erläutert Schmidt-Rothmund. Weil diese Jungvögel von den Eltern am Boden nicht mehr versorgt werden, müssen sie bis zum Flüggewerden von Menschen gefüttert werden. Der NABU appelliert an Gartenbesitzer, mit Heckenschnitt zu warten, um Vogelfamilien nicht zu stören.
Feuerwehr
Heiße Tage bereiten Feuerwehrleuten bei Löscheinsätzen »sehr große Probleme«, erklärt Jochen Wiedmann, der stellvertretende Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Metzingen. »Wenn draußen schon 32 Grad herrschen, staut sich der Schweiß unter der Brandschutzbekleidung. Fängt der bei extrem großer Hitzeentwicklung nahe einem Brandherd an zu verdampfen, führt das zu Verbrühungen.«
Deutsche Bahn
»Die Rekordtemperaturen in Deutschland waren eine Extrembelastung für Schienennetz und Züge«, teilt ein Sprecher der Deutschen Bahn mit. Dazu kamen Unwetter und Böschungsbrände, die bundesweit Züge zu Umleitungen zwangen und schwere Schäden an Kabeln, Lärmschutzwänden und Oberleitungen verursachten. Die Infrastruktur sei ohnehin sanierungsbedürftig und daher störanfällig. Extrem hohe Temperaturen ließen jüngst aber doppelt so viele Anlagen ausfallen wie an normalen Tagen. Zur Eindämmung und Beseitigung der Schäden waren »Tausende von Kollegen Tag und Nacht in Sondereinsätzen«. Die Versorgung von Reisenden stehe dabei im Vordergrund: Wenn Züge länger an Bahnsteigen aufeinander warten, sinke zwar die Pünktlichkeit, doch kämen mehr Fahrgäste an ihr Ziel.
Stromleitungen
Stromleitungen erzeugen bei der Übertragung von Strom Wärme durch Übertragungsverluste - vergleichbar mit einem Ladegerät, das beim Laden des Handys warm wird. »Je höher die Umgebungstemperatur, desto weniger Wärme kann eine Stromleitung an die Umgebung abgeben«, erklärt Klaus Leibfritz von der FairNetz GmbH. Daher können sich Leitungen bei sehr hohen Außentemperaturen und bei der Übertragung von sehr viel Energie erhitzen. »Das kann bei Freileitungen zu einem sichtbaren Leitungsdurchhang führen.« Dieses Phänomen sei den Netzbetreibern bekannt. »Es ist de facto für die Stromversorgung nicht relevant.« Denn Netzleitungen müssen hohen wie tiefen Temperaturen standhalten und sind darauf explizit ausgelegt.
Hunde und Katzen
Katzen können durch starke Sonneneinstrahlung etwa an Ohrspitzen und Nase Hautkrebs bekommen. Hausarrest und Sonnencreme helfen. Vor allem für kurzköpfige Hunde wie Möpse oder Bulldoggen wird Hitze zur Qual, erklärt die Reutlinger Veterinärin Dr. Dorothee Wiest. »Sie können Wärme nicht so gut übers Hecheln abgeben.« Bei Überhitzung droht ein tödlicher Kreislaufkollaps. Deshalb: Gassigehen nur frühmorgens oder abends und im Schatten, keinesfalls unter Zwang. In Autos, die in der Sonne stehen, verdoppeln sich schon moderate 24 Grad Außentemperatur in nur 20 Minuten - »Kofferraumklappe oder Fenster offenlassen hilft nicht«. Bei extremem Hecheln, Unruhe, Taumeln, Erbrechen und Umkippen unbedingt Wasser geben, an einen kühlen Platz bringen, mit feuchte Handtüchern kühlen - oder ab zum Tierarzt.
Straßen
Bei intensiver, anhaltender Sonneneinwirkung werden Straßenoberflächen bis zu 60 Grad heiß. Aktuell zeigen die rund 700 Kilometer Bundes-, Landes- und Kreisstraßen im Kreis Reutlingen keine entsprechenden Schäden, teilt das Landratsamt mit. Aber die L 240 zwischen Magolsheim und Ingstetten (Alb-Donau-Kreis) und die K 6751 zwischen Anhausen und Erbstetten habe man besonders im Blick. Denn über Bitumen als Bindemittel im Asphalt kann es zu Materialausbrüchen oder Verformungen der Fahrbahn kommen. Der Arbeitsbeginn des Straßenbetriebsdiensts in Eningen und Münsingen sei zurzeit »temperaturbedingt um eine Stunde auf 6 Uhr vorverlegt«.
Wasser und Landwirtschaft
Kreisweit ist es jetzt verboten, Wasser aus Seen, Flüssen und Bächen zu entnehmen. Dadurch sollen kleinere Gewässer geschont werden, auf die Wildtiere zum Trinken angewiesen sind, erklärt Michael Heinz von der Unteren Wasserbehörde im Landratsamt. Die Annahme, dass Gießwasser ins Grundwasser zurückfließe, sei falsch. »Erst wenn der Boden zu 100 Prozent wassergesättigt ist, sickert das ins Grundwasser durch.« Im Moment ist der Grundwasserspiegel »unterdurchschnittlich«, teilt Thomas Gudera vom Grundwasserreferat der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg mit. Die Hitze der vergangenen Wochen habe einen Anteil daran, aber entscheidend sei, dass die Grundwasserneubildung nach fünf Monaten mit Niederschlagsdefizit in Folge »nicht den normalen Stand erreichte«. Davon zeugen Gebhard Aierstock zufolge verdorrtes Gras in Feldern, eingerollte Blätter beim Mais und der niedrige Stand etwa der Zwiefalterache. Der Ertrag der Zwiefalter Getreidemühle liegt aktuell 20 bis 30 Prozent unter dem des Vorjahrs. Nur eine der zwei Turbinen läuft, sagt der Genossenschafts- und Kreisbauernvorstand, und das mit verminderter Leistung. Klaus Leibfritz von den Reutlinger Stadtwerken warnt: »Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und zunehmende Trockenperioden könnten in Zukunft Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Wasser haben.« (GEA)

Tipps, um Tieren zu helfen
»Für Wild- und Haustiere ist das A und O bei Hitze, dass sie Wasser bekommen«, erklärt Dr. Dorothee Wiest, die Veterinärin im Reutlinger Tierheim. Deshalb sollten Gartenbesitzer Vogel- und Insektentränken aufstellen und Regentonnen mit einem Holzstück oder Ast versehen. Viele Tiere leiden in Hitzeperioden unter Durst und riskieren aus tiefen Gefäßen, die zur tödlichen Falle werden können, zu trinken. Äste helfen beim Rausklettern. Aktuelle Infos zum Vogelschutzzentrum unter www.NABU-Vogelschutzzentrum.de




