Logo
Aktuell Kommentar

Wir müssen zuhören und verstehen - aber uns nicht moralisch überhöhen

In einer losen Artikelserie lässt der GEA die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur zu Wort kommen. Lokalchefin Kathrin Kammerer betont, warum das so wichtig ist und plädiert für eine unaufgeregte Erinnerungskultur.

Die letzten Zeitzeugen: Der GEA hat mit Menschen gesprochen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben.
Die letzten Zeitzeugen: Der GEA hat mit Menschen gesprochen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Foto: Frank Pieth
Die letzten Zeitzeugen: Der GEA hat mit Menschen gesprochen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs sind alt. Sehr alt. 80 Jahre sind vergangen, seit der letzte große Krieg, der alle Kontinente umfasst hat, endete. Er brachte unendliches Leid, forderte mehr als 60 Millionen Menschenleben, traumatisierte ganze Generationen von Überlebenden. Nur sehr wenige Menschen können heute noch aus dieser Zeit berichten. Viele von ihnen sagen, dass sie ihr Leben lang über die Nazi-Zeit geschwiegen haben. Manche, weil sich keiner für ihre Erlebnisse interessiert hat - nicht mal die eigenen Kinder. Andere aus Scham oder Angst, »in eine falsche Ecke gestellt« oder für ihr Handeln und ihre Verwandten verurteilt zu werden.

»Jetzt können wir herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten«: Diese und ähnliche Schriftzüge waren beispielsweise Anfang 2024 bei den großen Demos gegen Rechtsextremismus und die AfD in ganz Deutschland auf Schildern zu lesen. Dabei ist es bequem, naiv und sogar anmaßend zu bewerten, wie man 1933 gehandelt hätte. In einer Zeit, deren Umstände absolut nicht mit den heutigen zu vergleichen sind. Die eigene moralische Überhöhung und die mittlerweile fast inflationäre Verwendung des Begriffs Nazi sind ein Bärendienst für die Erinnerungskultur.

Vielmehr müssen wir zuhören und versuchen, zu verstehen. Die Berichte der letzten Zeitzeugen aus der Region beweisen, dass bei weitem nicht alles nur in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse eingeteilt werden kann. Dass die Welt und Gesellschaften vielschichtiger sind. Wer den letzten Zeitzeugen zuhört, der versteht auch, wie schleichend Gruppendynamiken und Feindbilder entstehen und sich verfestigen können, wie Gemeinschaften funktionieren, wie empfänglich wirtschaftlich und sozial abgehängte Menschen für einfache Botschaften und Lösungen sind. In einer losen Artikelserie lässt der GEA diese Menschen nun zu Wort kommen - und will damit zur unaufgeregten Erinnerungskultur beitragen.