REUTLINGEN-GÖNNINGEN. Aus den südlichen Gemeinden weht weiter kräftiger Gegenwind gegen den Windpark Käpfle. Nach Ohmenhausen lehnten auch die Bezirksgemeinderäte in Bronnweiler und Gönningen mehrheitlich ab, die vorgesehenen Flächen beim Bronnweiler Käpfle an den Projektierer, die Reutlinger Firma Schöller SI Erneuerbare, zu verpachten.
Das Unternehmen will auf Reutlinger Gemarkung zwei 262 Meter hohe Windräder installieren. Zwei weitere sollen auf der benachbarten Pfullinger Gemarkung zu stehen kommen. Nach heftigen Protesten hatte die Schöller SI bereits neue Planungen für den Reutlinger Teil mit nur zwei statt drei Rädern vorgestellt. Doch auch das linderte nicht die Sorgen und Kritikpunkte der Bürger, die auch in der Sitzung in Bronnweiler am Mittwoch erneut im Vordergrund standen: Sie fürchten unter anderem insbesondere Lärmbelästigung, wollen Wald, Naherholungsgebiet und Milane schützen. Dorfchefin Friedel-Kehrer Schreiber und die Mitglieder des Ortsgremiums fassten die Bedenken in der Sitzung nochmals zusammen.
Zwischen 7,5 und 10 Millionen Euro würden in die Stadtkasse fließen
Kehrer-Schreiber betonte einmal mehr, man sei nicht gegen Windkraft, sondern nur gegen den Standort, den man dem Dorf offensichtlich mit »Deifelsgewalt 'reindrücken« wolle, obwohl der Regionalverband bereits ausreichend Flächen gefunden habe. Immer noch gebe es zu viele Fragezeichen. »Wo kommen die Umspannwerke hin? Alles vor unsere Haustür!«
Zwei Dutzend Zuhörer verfolgten die Ratssitzung, in der der Leiter des Stadtplanungsamtes, Stefan Dvorak, und Herbert Stelz vom Reutlinger Liegenschaftsamt die Inhalte des Pachtvertrags vorstellten, der auf 25 Jahre angelegt ist, mit der Option fünf Jahre zu verlängern.
Dabei legten sie auch Zahlen vor, die die Stadtkasse betreffen: Abseits des Gewinns von sauberer Energie profitiere die Stadt über die 25 Jahre hinweg gerechnet von Einnahmen aus Pacht, Gewerbesteuer und Beteiligung. So sollen laut Dvorak zwischen 7,5 und 10 Millionen Euro zusammenkommen.
In einer von ihr anberaumten Sitzungsunterbrechung ließ Friedel Kehrer-Schreiber die Bürger zu Wort kommen. Insbesondere Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) gegen das Projekt nutzten das Angebot rege. Neben bekannten Einreden kamen auch neue Aspekte auf den Tisch. BI-Mitglied Oktavia Eichel berichtete von einer nah bei verlaufenden Bodenseewasserleitung am Käpfle. Sie vermisst vertiefte Untersuchungen etwa zur Umweltverträglichkeit vor Unterzeichnung des Pachtvertrags.
Stefan Dvorak machte deutlich, dass das Unternehmen solche – kostspieligen – Untersuchungen erst beauftragt, wenn es den festen Zuschlag hat. Sollten Gutachten Unverträglichkeiten ermitteln, werde das Projekt auch dann noch gestoppt.

So sehen die aktuellen Planungen für die Standorte der vier Windräder auf Reutlinger und Pfullinger Gemarkung beim Käpfle aus. GRAFIK: SCHÖLLER SI
»So ein Galama wegen zwei Rädern«: Auch Befürworter meldeten sich zu Wort. Es gelte, in Sachen Energiegewinnung endlich »umzudenken«, forderte einer. Ein anderer versteht die Gegenwehr gegen die schmalen »Spargel« nicht: Über Hochspannungsmasten rege sich doch auch kaum einer auf. Eine Besucherin zweifelte am Umfrageergebnis der BI, dass 55 Prozent der Bronnweiler Bürger gegen die Windmühlen seien: »Bei mir war niemand.«
Entscheidung über den Pachtvertrag am 18. November
Die Bezirksräte regten diverse Änderungen an der Beschlussvorlage zum Pachtvertrag an: Unter anderen soll eine Lärmbegrenzung auf 35 Dezibel nachts an Wohngebäuden aufgenommen werden. Im Schallgutachten sollen explizit Topografie und Geologie mitbetrachtet werden. Die Lage der beiden Reutlinger Standorte soll konkreter eingegrenzt werden.
Die Änderungswünsche sollen nun in die Diskussion einfließen, die am 11. November in nicht öffentlicher Sitzung des Finanzausschusses weitergeführt wird. In der Sitzung am Dienstag, 18. November, ab 17.30 Uhr, soll dann der Reutlinger Gemeinderat das Plazet zum Pachtvertrag erteilen. Die Pfullinger haben den Vertrag für ihre Gemarkung bereits unterzeichnet.
Gönninger nicht einstimmig gegen die Vorlage
Wie in Bronnweiler lehnte auch der Bezirksgemeinderat in Gönningen am Mittwochabend ab, dass die Flächen am Käpfle an die Firma Schöller SI verpachtet werden sollen. Das Thema Schallschutz spielte im Gönninger Bezirksgemeinderat kaum eine Rolle. Die Argumente der Gegner der Windnutzung am Käpfle: »Ich bin in den Bezirksgemeinderat gewählt worden, um die Interessen der Gönninger Bevölkerung zu vertreten«, sagte etwa Bezirksbürgermeisterin Claudia Gumpper. Christof Ziegler betonte: »Ich sehe hier eine schwierige Situation für uns alle im Rat.« Warum? »Weil die Windkraftanlagen beim Käpfle höchst umstritten sind.« Ziegler habe »ein gesamtpolitisches Problem« mit Windkraft in der Region, »weil die notwendigen Stromleitungen gar nicht vorhanden sind«.
Doch es gab auch andere Stimmen im Bezirksgemeinderat. Peter Nädele sprach sich eindeutig für die Windräder aus. »Wir haben hier die Möglichkeit, unseren Beitrag zur CO2-Reduzierung zu leisten, diese Chance sollten wir ergreifen.« Corinna Schimanke hob bei der Abstimmung ebenfalls die Hand, um sich für die Reutlinger Windkraftnutzung auszusprechen. Bei einer Enthaltung votierte der Rest des Rats allerdings gegen den Nutzungsvertrag – und damit auch gegen die Windräder auf Reutlinger Gemarkung.
Genau wie in der Sitzung in Ohmenhausen – wo Bezirksbürgermeisterin Andrea Fähnle den Antrag gestellt hatte, nach alternativen Flächen für die Windräder zu suchen – so forderte auch Gumpper am Mittwochabend in Gönningen den Regionalverband auf, nach besseren Flächen für die Windräder Ausschau zu halten. Denn: Der Standort zwischen Gönningen, Bronnweiler und Ohmenhausen sei nicht geeignet.
Zuvor hatte Ulrich Wurster jedoch darauf hingewiesen, dass die vielzitierten Windräder bei Magolsheim auch um die 1.000 Meter vom Ort entfernt seien. Dort hatte es – anders als ums Käpfle herum – kaum Gegenwind gegen die Windkraftanlagen gegeben. »Ich erwähne das nur deshalb, weil immer wieder das Argument aufgetaucht ist, dass auf der Alb deutlich geeignetere Flächen zu finden wären als auf Reutlinger Gemarkung«, sagte der Abteilungsleiter Wohnbau und Gewerbe.
Wohin mit dem Umspannwerk?
Vor der Abstimmung im Gönninger Rathaus hatte Gerold Bross in einer Sitzungsunterbrechung gleich eine ganze Liste an Fragen vorgetragen – die Ulrich Wurster und Fabian Schäufele (Abteilungsleiter Liegenschaften) auch gewissenhaft beantworteten. Wie etwa: Wo soll ein notwendiges Umspannwerk platziert werden? Voraussichtlich in der direkten Umgebung der bereits bestehenden 110-Kilovolt-Leitung, »möglichst zentral«, so Wurster. Wo genau sei aber noch nicht bekannt.
Und wie lang brauche die Genehmigung für so ein Umspannwerk? »In Magolsheim lief das recht schnell, so zwischen drei und vier Monaten«, sagte Ulrich Wurster. Und wie sehe es mit dem Widerspruch aus, dass Schöller zunächst fünf Windräder als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Betrieb bezeichnet habe – und nun seien nur noch zwei Räder ökonomisch? »Die Stadt geht davon aus, dass Schöller keinen Vertrag eingehen wird, der nicht wirtschaftlich sein wird«, so Ulrich Wurster. (GEA)

