REUTLINGEN. Wer in höchster Not auf einen Rettungswagen wartet, schaut nur auf die Uhr. Deswegen ist die Diskussion darüber, wie viele Minuten es bis zum Eintreffen der Helfer dauern darf, ein heißes Eisen. Seitdem der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg die Vorgaben für sogenannte Hilfsfristen im Rettungsdienstplan des Landes für unwirksam erklärt hat, ist das Thema wieder im Bewusstsein. Gut zu wissen, was der Rettungsdienstleiter des DRK Reutlingen dazu zu sagen hat. Für Markus Metzger geht es um erheblich mehr als Minuten.
Im Mittelpunkt stehe der Mensch, das Wohl des Patienten, betont Metzger. Dies müsse man sich immer wieder klarmachen. Im nunmehr gerichtlich aus formalen Gründen gekippten Rettungsdienstplan 2022 hat das Stuttgarter Innenministerium zum Thema Hilfsfristen folgenden bemerkenswerten Satz geschrieben: »Als Zielerreichung ist vom Einsatzannahmeende bis zum Eintreffen der Hilfe am Notfallort an Straßen eine Zeit von 12 Minuten in 95 Prozent der Notfalleinsätze anzusetzen.« Im Rettungsdienstgesetz findet sich dagegen die Formulierung die Hilfsfrist solle »aus notfallmedizinischen Gründen möglichst nicht mehr als 10, höchstens 15 Minuten betragen«. Den Klägern ist es darum gegangen, in den Regeln wieder zehn Minuten festzuschreiben. »In der Praxis ist es schwierig, die Bedeutung der Hilfsfrist für den Patienten zu begreifen«, beginnt Metzger seine Erklärungen, die tief in die Strukturen und Probleme der Hilfsorganisationen blicken lassen – aber auch grundsätzliche medizinische Fragen berühren.
»Patientennutzen hängt nicht nur von der Hilfsfrist ab«
Natürlich sei es wünschenswert, so schnell wie möglich am Einsatzort zu sein, sagt Metzger. Zur Beurteilung von Hilfsfristen müsse auch ihre Berechnung berücksichtigt werden. Beim Reutlinger Rettungsdienst fange die Uhr schon dann an zu ticken, wenn während der Annahme eines Notrufes ein medizinischer Notfall festgestellt wird, sowie sein Ort bekannt ist. Dann schickt der Disponent ein »geeignetes Rettungsmittel« los. Die Erfassung der Hilfsfrist endet erst bei der Ankunft am Einsatzort. In anderen Bundesländern wird unterschiedlich gerechnet, was die Vergleichbarkeit erschwert.
Bei einer Detailbetrachtung zeigt sich nach den Worten des Rettungsdienstleisters, »dass Baden-Württemberg schon heute den höchsten Zielerreichungsgrad verfolgt, die Hilfsfrist zum frühsten möglichen Zeitpunkt bereits in der Leitstelle beginnt und diese nur durch die hoch qualifizierten Rettungsmittel der Notfallrettung erreicht werden können«. Zu beachten sei auch der Einsatzort: Je nachdem wo der liegt, kommt es zwangsläufig zu unterschiedlichen Wartezeiten. Unter dem sprichwörtlichen Strich hat der Reutlinger Rettungsdienst laut Metzger »in über 93 Prozent der Einsätze im vergangenen Jahr eine Hilfsfrist des Rettungswagens innerhalb der gesetzlichen 15 Minuten erreicht«.
Jedoch gebe es eben Notfälle, in denen selbst sechs Minuten bis zum Einsetzen erster Rettungsmaßnahmen zu lange seien: Bei einem Atem- und Kreislaufstillstand muss unverzüglich mit einer Herzdruckmassage begonnen werden, denn sonst ist das Gehirn nach wenigen Minuten irreversibel geschädigt. Starke Blutungen können ebenfalls in Kürze lebensbedrohlich werden. Deswegen spielen Ersthelfer – auch Laien – sowie gut geschulte Retter vor Ort eine lebensrettende Rolle bis zum Eintreffen weiterer professioneller Hilfe. Zusammenfassend stellt Metzger fest, »der tatsächliche Patientennutzen hängt nicht nur von der Hilfsfrist ab«. Deswegen hat das Deutsche Rote Kreuz eine klare Position zur Neufassung des Rettungsdienstgesetzes im Land.
HINTERGRUND
Der Rettungsdienst des DRK
Dem Rettungsdienst des DRK haben unzählige Menschen ihr Leben zu verdanken – und täglich werden es mehr. Geht ein Notruf bei der Integrierten Leitstelle ein, wissen die Mitarbeiter, dass es um Leben und Tod geht. Im Landkreis Reutlingen haben Rettungswagen und Krankenwagen des DRK im Jahr 2022 genau 26.745 Patienten transportiert. Mehr als 200 DRK-Mitarbeiter, verteilt auf fünf Standorte, leiten lebensrettende Maßnahmen vor Ort ein, machen Verletzte transportfähig und retten akut Erkrankte unter größtem Zeitdruck. Viele Informationen mehr gibt’s beim Roten Kreuz im Netz. Leider immer wieder ein Thema ist die unfassbare Gewalt gegen Rettungskräfte oder Notärzte. Doch es ist leider Fakt, dass Gewalt gegen Lebensretter keine Seltenheit ist. Die Frauen und Männer in den orangefarbenen Jacken werden beschimpft oder bespuckt, ihr Wagen mit Füßen getreten, und im schlimmsten Fall sehen sie sich mit körperlicher Gewalt konfrontiert. Was Betroffene in Reutlingen berichten, lesen Sie bei uns im Internet. (zen) www.gea.de/ gewaltgegenretter www.drk-reutlingen.de /angebote/ rettungsdienst/
Grundsätzlich seien alle Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung begrüßenswert, jedoch weist Metzger auf weitere Aspekte hin, die Berücksichtigung finden sollen. Im Sinne der Planungsgröße »Hilfsfrist« werde derzeit keine Unterscheidung des Hilfsfristerreichungsgrades bei unterschiedlich schweren Krankheitsbildern vorgenommen. Dies decke sich jedoch nicht mit dem tatsächlichen Patientennutzen, »da es in Abhängigkeit der Schwere des Notfalls eine unterschiedliche Dringlichkeit beim Eintreffen und beim Transport gibt«. Hier gelte es die Systeme der Helfer-vor-Ort-Gruppen weiter auszubauen, »um das therapiefreie Intervall zu verkürzen«. Ein weiterer Punkt ist für den Fachmann der Blick auf die Krankenhauslandschaft. Eine Verkürzung der Eintreffzeiten des Rettungsdienstes könne zwar positive Effekte für die Versorgung der Patientinnen und Patienten haben, »jedoch werden diese häufig durch die Veränderungen in der Klinikstruktur zunichtegemacht«. Durch die Zentralisierungen der Kliniken auf wenige Standorte verlängerten sich die Transportwege für den Rettungsdienst teils deutlich, was die Einhaltung der »Goldenen Stunde« bis zur Vorstellung in einem geeigneten Krankenhaus nach Eintritt eines Notfalles »teils unmöglich macht«, warnt Metzger, um sich dann einem anderen Problem zuzuwenden.
»Fachkräftemangel betrifft auch den Rettungsdienst«
»Der Fachkräftemangel betrifft auch den Rettungsdienst«, verrät Metzger. Die Ausbildungsbemühungen des DRK von Notfallsanitätern oder Notfallsanitäterinnen würden »voraussichtlich lediglich die regelhaften Personalfluktuationen kompensieren können«. Zusätzliche Rettungswagen und Standorte erforderten aber zusätzliches Personal, »welches der Arbeitsmarkt derzeit nicht hergibt«. Dementsprechend prall gefüllt ist das Überstundenkonto des Rettungsdienstes.
Allein 2022 seien 6.200 Stunden aufgelaufen. Die hohe Belastung und der Personalmangel sorgten immer wieder auch für Ausfallzeiten der an der Notfallrettung beteiligten Organisation – also im Bereich Reutlingen des DRK und der Malteser. »Die Gesamtabmeldungen betrugen im Bereich des Rettungsdienstes Reutlingen im vergangenen Jahr etwa 1.270 Sunden, wovon der Anteil des Roten Kreuzes bei 90 Stunden liegt«, verrät Metzger. Um eine verkürzte Hilfsfrist zu erreichen, werde eine Vielzahl neuer Rettungswachen erforderlich sein. Bereits heute »schaffe es das Land nicht, die notwendigen Ersatzinvestitionen der bestehenden Infrastruktur in ausreichendem Umfang zu fördern«. (GEA)

