REUTLINGEN. »Das Thema bewegt uns alle«, betonte Anna Bierig zu Beginn des 3. City-Talks über die Sicherheit in der Innenstadt am Dienstagabend im Reutlinger Spitalhofsaal. »Es gibt Orte in der Innenstadt, die wir weiter entwickeln müssen«, so die Stadtmarketing-Geschäftsführerin in einem gut gefüllten Saal. Erfreulich ist nach den Worten von Oberbürgermeister Thomas Keck, dass in den vergangenen Monaten mehr als 20 neue Läden in der Kernstadt eröffnet haben.
Zwischen Januar und August 2025 seien insgesamt sieben Millionen Menschen in die Innenstadt gekommen, »das sind 875.000 jeden Monat«, so Keck. »Die Innenstadt ist weiter ein beliebter Ort«, schlussfolgerte der Rathauschef. Positive Entwicklungen sehe er auch im Gerberviertel. Doch das Thema Sicherheit spiele stets eine wichtige Rolle. Deshalb sei auch ein Arbeitskreis Sicherheit gegründet worden.
Fakten zu diesem Thema steuerte Professor Jörg Kinzig von der Universität Tübingen an diesem Abend in einem Vortrag bei. Etwa, dass die Straftaten in Deutschland in den zurückliegenden 15 Jahren zurückgegangen sind. In Reutlingen habe die Zahl jedoch zugenommen – was vor allem auf mehr Kontrollen im ÖPNV zurückzuführen sei, so Kinzig. »Die Kriminalitätsbelastung im Bereich des Polizeipräsidiums und der Stadt Reutlingen ist moderat.« Interessant dürfte sein, dass die »gefühlte Sicherheit« bei AfD-Anhängern zu einer deutlich größeren »Kriminalitätssorge« führe als bei anderen Wählergruppierungen.
»Furcht ist am ehesten der Ausdruck einer allgemeinen Verunsicherung«
Interessant ebenfalls: »Das Sicherheitsgefühl beeinflusst das individuelle Verhalten, die Lebensqualität, das Konsumverhalten – und selbst politische Einstellungen«, erklärte der Tübinger Universitätsprofessor. Dabei gebe es Maßnahmen, um das Sicherheitsgefühl zu verbessern: Videoüberwachung etwa, mehr Licht, mehr Polizeipräsenz. Kinzigs Fazit zur Kriminalitätsentwicklung in Reutlingen: »Nicht besorgniserregend, Furcht ist am ehesten der Ausdruck einer allgemeinen Verunsicherung.« Durch Kriege etwa.
Auf das Podium begaben sich anschließend sechs Personen aus unterschiedlichen Bereichen des städtischen Lebens. Anna Mylona, Gastronomin am Marktplatz und CDU-Gemeinderätin, berichtete, dass sie für die Abendstunden keine Mitarbeiterinnen mehr finde, weil Frauen sich nachts vor dem Weg zum Parkhaus fürchten.
Der Reutlinger Finanzbürgermeister Roland Wintzen sagte: »Jeder Input hilft, wir haben etwa in der Rathausstraße neue Leuchten installiert.« Er betonte auch: »Das Thema Sicherheit ist bei uns zentral – aber auch sehr komplex.« Videoüberwachung sei eine Maßnahme, die helfen könnte, »aber dafür braucht es auch mehr Polizeikräfte«.
Direkt damit angesprochen war Günter Brucklacher vom Polizeipräsidium: »Wir analysieren, was in Unordnung ist und stellen uns darauf ein.« Dazu gehöre auch, dass Kriminalitätsfallzahlen pro Hektar betrachtet werden – die seien am Listplatz am höchsten, aber mit sinkender Tendenz. Die Quoten im Bereich von ZOB, Skaterpark und Bürgerpark seien im Vergleich halb so hoch, am Marktplatz am niedrigsten. »Wir werden so weitermachen, damit niemand mehr Angst haben muss.«
»Wir sehen, es braucht ein ganzes Bündel an Maßnahmen«
Yasmin Maier vom Stadtmarketing betonte: »Es gibt in Reutlingen ganz viele Menschen, die sich hier wohlfühlen.« Aber: Vor allem Frauen würden häufiger sagen, dass sie in der Dunkelheit auf dem Heimweg Angst haben. Kurt Meyer als Leiter des Amts für Schule, Jugend und Sport geriet regelrecht ins Schwärmen: »Ich empfinde die Stadt als schön.« Er sehe aber auch den großen Bedarf von Jugendlichen, die etwa das Jugendcafé am Federnseeplatz besuchen.
Dafür sei es im benachbarten Gerberviertel durch die Maßnahmen von Werk ISI und Dr. Carsten Hutt deutlich ruhiger geworden. »Wir bringen durch Veranstaltungen unterschiedlichste Menschen zusammen.« Roland Wintzen brachte einen weiteren Aspekt ein: »Das Wohnen in der Innenstadt.« Das helfe nicht nur zur Belebung der Kernstadt, sondern verleihe den Bewohnern auch Identität.
Bei einer Handy-Abfrage wurden die Gäste im Spitalhofsaal nach ihrem persönlichen Sicherheitsgefühl befragt. Dabei stimmten die meisten für Maßnahmen wie belebte und schöne Orte, tolle Veranstaltungen und Sauberkeit spielten eine Rolle, auch die Beleuchtung und Präsenz der Polizei. Weniger gefragt war die Videoüberwachung. »Wir sehen, es braucht ein ganzes Bündel an Maßnahmen, damit die Menschen sich in der Innenstadt sicher fühlen«, schlussfolgerte Moderatorin Dr. Antje Grobe. Das Schlusswort hatte Anna Bierig schon vorweggenommen: »Die Sicherheit in der Innenstadt geht nur gemeinsam.« (GEA)


