REUTLINGEN. Die Menschen in Deutschland sind bei der Frage, Silvesterfeuerwerk Ja oder Nein, ziemlich gespalten. In der jüngsten Umfrage der Marktforschungs- und Statistikplattform Statista gaben zwar 61 Prozent an, dass Feuerwerk an Silvester seine Berechtigung habe, gleichzeitig meinten aber 63 Prozent, dass die Böllerei aus Tierschutzgründen vermieden werden sollte. Parallel haben 2,3 Millionen Menschen die Petition »Bundesweites Böllerverbot, jetzt!« der Gewerkschaft der Polizei Berlin unterzeichnet. Gleichzeitig wächst die Zahl der Kommunen, in denen Feuerwerk an Silvester grundsätzlich verboten ist. Auch in den Innenstädten von Reutlingen, Pfullingen und Tübingen gilt ein generelles Feuerwerksverbot.
Ungeachtet dessen wird zum aktuellen Jahreswechsel auch in der Region wieder Feuerwerk für viele Millionen Euro »verböllert« und in den Himmel geschossen werden. Besitzern von Haustieren, aber auch Land- und Pferdewirten graut es davor, denn sie sorgen sich um ihre Schützlinge und das offensichtlich zu Recht. Studien belegen nicht erst seit gestern: Silvester-Böllerei belastet Tiere erheblich. Sowohl Haustiere als auch Wildtiere können Angst, Stress und Panik erleben. Tierschutzverbände berichten bei Hunden und Katzen von Zittern, Hecheln, Verstecken oder Panikreaktionen wie wildes Herumrennen. Stalltiere schreien bisweilen vor Angst. Dabei ist es nicht allein die Knallerei und der Lärm, den die Tiere nicht einzuordnen vermögen, sondern es sind auch die Lichtblitze, die Gerüche, der Pulvergestank.
»Die Knallerei beschränkt sich ja nicht auf die Silvesternacht, das geht schon Tage vorher los«
»Unsere Haustiere, vor allem Hunde und Katzen mit ihrem hervorragenden Geruchs- und Gehörsinn, können die Knall- und Zischgeräusche nicht einordnen«, sagt Nina Herzog, Hundetrainerin im Tierheim Reutlingen. Wenn Hunde von Panik ergriffen sind, könnten sie ungeahnte Kräfte und unvorhersehbares Verhalten entwickeln. »Das kann jeden Hund treffen: Vom optimal erzogenen und trainierten Zuchthund bis zum Schoßhündchen.« Das Problem: Selbst in geschlossenen Wohnungen und Häusern würden Hunde und Katzen die Knallerei wahrnehmen. Sie empfiehlt Besitzern, Rückzugsräume für ihre Schützlinge zu schaffen. Und sie betont: »Die Knallerei beschränkt sich ja nicht auf die Silvesternacht, das geht schon Tage vorher los. Deshalb vermitteln wir zum Jahreswechsel auch keine Tiere.«
Auch die Wildtiere sind anfällig für Stress- und Panikreaktionen durch die Böllerei rund um Silvester. Laut Tierrechtsorganisation Peta kann der Lärm zu panischem Fluchtverhalten führen, wodurch sie Energie verlieren, Verletzungen riskieren oder in den Straßenverkehr geraten. Vögel flüchten im Stress und versuchen einen sicheren Ort zu finden. Langfristig könnten solche körperlich anstrengenden Reaktionen für alle Tiere einen Energieverlust bedeuten, der im Winter überlebensentscheidend sei, so Peta. Der Wildtierbeauftragte des Landkreises Reutlingen, Rupert Rosenstock, bestätigte dem GEA, dass die Tiere im Wald durch die lauten Knallgeräusche unter Stress stehen: »Denen geht es elendiglich und sie versuchen aus der Situation herauszukommen. Viele verstecken sich schließlich und verharren dort völlig erschöpft.« Er sprach sich dafür aus, Feuerwerk in der Nähe von Waldgebieten unbedingt zu vermeiden.
»Die Tiere werden im Stall unruhig, manche schreien auch«
Auch die Nutztiere in den Ställen wie Kühe, Schweine, Pferde oder Hühner leiden und können durch Stressverhalten Verletzungen erleiden. »Die Tiere werden im Stall unruhig, manche schreien auch«, sagt Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Bauernverbandes im Landkreis Reutlingen und selbst Landwirt. Zudem hätten viele Landwirte jedes Mal an Silvester Befürchtungen, dass Böller und vor allem Raketen in ihrem Stall landen und Feuer auslösen können. Das gelte besonders für Bauern, deren Betriebe in der Nähe der Kommunen liegen.
»Wenn so ein Feuerwerkskörper im Stroh landet, geht die Brandentwicklung rasant. Innerhalb von wenigen Minuten kann so ein Tierstall in Flammen aufgehen«, sagt Erich Diebold, Land- und Pferdewirt in Reutlingen-Altenburg. Und er betont: »So ein Stall ist nicht hundertprozentig brandsicher zu machen.« Deshalb appelliert er an alle, die an Silvester gerne böllern: »Haltet Abstand zu landwirtschaftlichen Betrieben. Schießt nicht bedenkenlos und willkürlich in der Gegend herum.« Er habe auch festgestellt, dass Menschen zunehmend heraus auf Feldwege gingen, um dort ihr Feuerwerk abzubrennen und zu feiern: »Es ist schwer vorherzusehen, wie die Raketen fliegen.«
»So ein Stall ist nicht hundertprozentig brandsicher zu machen«
Auch hat er festgestellt, dass die Pferde auf seinem Hof bereits auf die Knallerei reagieren würden, die vor dem Silvesterabend einsetze: »Viele, die sich Knaller gekauft haben, scheinen ja offensichtlich nicht abwarten zu können, bis zum Silvesterabend. Dann knallt's auch schon am 28. Dezember.« Schon dann würden manche Pferde darauf reagieren. Erich Diebold hat in jüngster Zeit viel in eine neue Haltungsform investiert. Seine Pensionspferde sind in sogenannten Padockboxen untergebracht. Das heißt, sie haben einen Außenbereich und einen überdachten Stallbereich und können entscheiden, wo sie sich lieber aufhalten: draußen oder drinnen. »Am Silvesterabend wird es interessant: Suchen die Pferde Schutz, oder bleiben sie lieber draußen?« Er habe festgestellt, dass manche Tiere auch recht gelassen auf das große Böllern an Silvester reagieren könnten. Eine gewisse Unsicherheit bleibe, wie an jedem Jahreswechsel. (GEA)

