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Wie sich die Altkleidersammlung in Reutlingen verändert

Die Stadt Reutlingen wird künftig die Altkleidersammlung übernehmen. Das, was bislang gemeinnützige Organisationen wie das DRK, die Malteser oder die Aktion Hoffnung übernommen haben, wollen dann die Technischen Betriebsdienste (TBR) leisten. Das alles vor dem Hintergrund eines Altkleidermarktes, der gerade zusammenbricht.

Die Aufschrift »Altkleidersammlung« ist auf einem Container für Altkleider und Stoffe angebracht. Immer mehr dieser Container ve
Die Aufschrift »Altkleidersammlung« ist auf einem Container für Altkleider und Stoffe angebracht. Immer mehr dieser Container verschwinden nach und nach, auch in Reutlingen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Die Aufschrift »Altkleidersammlung« ist auf einem Container für Altkleider und Stoffe angebracht. Immer mehr dieser Container verschwinden nach und nach, auch in Reutlingen.
Foto: Bernd Weißbrod/dpa

REUTLINGEN. Schon im Januar warnte der GEA: »Die Altkleidersammlung in der Region steht vor dem Kollaps«. Jetzt, am Ende des Jahres 2025, sieht es so aus, als wenn dies mehr und mehr eintritt. »Die Gründe, warum das jahrzehntelange System der Alttextilsammlung nicht mehr funktioniert, sind vielfältig«, sagt Marcus Majer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Tübingen. Als einen der Hauptgründe führt er an, dass der Hauptabsatzmarkt für Altkleidung aus der Region weggebrochen sei: »Das waren Osteuropa und vor allem die Ukraine. Der Krieg hat das Geschäft nahezu zunichtegemacht.«

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Der Altkleidermarkt in der Region steckt in der Krise. DRK, Malteser und Aktion Hoffnung ziehen sich immer mehr zurück. Die technischen Betriebsdienste Reutlingen werden daher ein eigenes, städtisches Sammelsystem aufbauen.

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Einen anderen wesentlichen Grund für den Kollaps nennt Anton Vaas, Vorsitzender der Aktion Hoffnung, ein gemeinnütziger Verein der Diözese Rottenburg-Stuttgart: »Es ist die schiere Menge an Textilien, die unsere Container zum Überquellen bringen. Zudem wird der Anteil an nicht mehr verwertbaren, sogenannten Fast-Fashion-Textilien immer größer.« Auch die Stadtverwaltung sieht diese Entwicklung: »Dies hat dazu geführt, dass die früher hohen Erlöse deutlich zurückgegangen sind und mittlerweile nicht mehr ausreichen, um die Erfassungskosten der Sammelunternehmen zu decken.«

»Hinzu kommt, dass Alttextilcontainer zunehmend mit Restmüll, Windeln oder Tierkadavern verunreinigt werden«

Alle Beteiligten bemängeln zudem, dass Altkleidercontainer von einigen Menschen offenbar als Entsorgungsstation für Müll aller Art missbraucht werde. Das unterstreicht die Stadt Reutlingen: »Hinzu kommt, dass Alttextilcontainer zunehmend mit nicht zugelassenen Abfällen wie Restmüll, Windeln oder Tierkadavern verunreinigt werden«, heißt es aus dem Rathaus.

Die Altkleidercontainer am Reutlinger Festplatz Bösmannsäcker werden nahezu täglich als regelrechte Mülldeponien missbraucht. Da
Die Altkleidercontainer am Reutlinger Festplatz Bösmannsäcker werden nahezu täglich als regelrechte Mülldeponien missbraucht. Das ist mittlerweile an nahezu allen Sammelstellen so. Foto: Ralf Rittgeroth
Die Altkleidercontainer am Reutlinger Festplatz Bösmannsäcker werden nahezu täglich als regelrechte Mülldeponien missbraucht. Das ist mittlerweile an nahezu allen Sammelstellen so.
Foto: Ralf Rittgeroth

Während DRK und Malteser sich immer mehr aus dem Altkleidergeschäft zurückziehen wollen, plante die Aktion Hoffnung bis vor Kurzem, in Reutlingen weiterzumachen. Doch zum Jahreswechsel verschwinden ihre Sammelstellen wohl aus der Stadt. »Auslöser ist die Entscheidung der Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR), in Zeiten einer historischen Krise des Altkleidermarktes ein eigenes Sammelsystem aufzubauen, obwohl die Aktion Hoffnung angeboten hatte, die Sammlung gemeinsam weiterzuführen«, steht in einer Mitteilung des Vereins. Der Vereinsvorsitzende Anton Vaas prognostiziert deshalb, dass es für die Reutlinger teuer wird: »Statt gemeinsam eine Lösung zu finden, setzt die Stadt auf eine eigene, teure Erfassung der Alttextilien.« Dabei habe das Bundesumweltministerium erst im April alle Kommunen aufgerufen, karitative Sammler angesichts der extremen Rahmenbedingungen ausdrücklich zu unterstützen. Vaas befürchtet, dass Reutlingen dadurch »unwiderruflich ein flächendeckendes, seit Jahrzehnten akzeptiertes Sammelsystem, eine bestehende Logistik und eingespielte Abläufe verliert.«

»Die TBR werden an den bekannten Plätzen städtische Container aufstellen«

Tatsächlich hatte die Stadtverwaltung Reutlingen bereits Anfang des Jahres angekündigt, mit den eigenen Technischen Betrieben ein eigenständiges Sammelsystem aufbauen zu wollen. Dazu heißt es aus der städtischen Pressestelle: »Dabei setzen die TBR auf Grundlage des 2024 vom Gemeinderat beschlossenen Abfallwirtschaftskonzepts künftig auf eine städtisch organisierte Sammlung, in die auch karitative Firmen wie die Aktion Hoffnung eingebunden werden sollen.« Deshalb zeigt sich Reutlingen auch erstaunt über die deutliche Reaktion der Aktion Hoffnung. Die Presseabteilung des Rathauses schreibt: »Der Vorschlag der Stadt, die bestehende Zusammenarbeit weiterzuführen, wurde von Aktion Hoffnung nicht aufgegriffen.«

Um weiterzumachen, hätte sich die kirchliche Hilfsorganisation an einer gesetzlich vorgeschriebenen Ausschreibung beteiligen müssen. Das sei nicht erfolgt. Zugleich widerspricht die Stadt Reutlingen dem Vorsitzenden des Hilfsvereins, für die Reutlinger werde die zukünftige Altkleidersammlung teurer: »Die Einschätzung lässt sich nicht nachvollziehen. Nach den bisherigen Berechnungen der TBR wird die geplante städtische Alttextilsammlung für die Bürgerinnen und Bürger sogar günstiger sein.«

Auf Anfrage des GEA teilt die Stadt Reutlingen mit, dass es auch in Zukunft eine Altkleidersammlung und -entsorgung geben werde. Dazu seien die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger seit Anfang des Jahres gesetzlich verpflichtet. Sie müssten dann »... auch solche Textilien verwerten, mit denen keine Erlöse erzielt werden können.« Die genaue Anzahl der Container sowie deren Standorte nannte die Stadt Reutlingen nicht. Dazu heißt es lediglich: »Die TBR werden an den bekannten Plätzen städtische Container aufstellen und die darüber erfassten Textilien hochwertig verwerten lassen.« Brauchbare Altkleidung geht als potenzielle Second-Hand-Ware an Firmen wie beispielsweise Striebel-Textil in Langenenslingen im Kreis Biberach. Die Textilien, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, wie Fast-Fashion und Ultra-Fast-Fashion, dürften zu Ersatzbrennstoff verarbeitet werden, der zum Beispiel in Albstadt hergestellt wird. (GEA)