REUTLINGEN. Während andere Schüler Kuchen verkaufen, Autos waschen oder im Supermarkt die Einkäufe der Kunden verpacken, um Klassenfahrten zu finanzieren, haben sich die Fünftklässler von Arnim Emmert etwas anderes überlegt: Die 28 Schülerinnen und Schüler der Eichendorff-Realschule in Reutlingen haben ein Zigarettenpfand-Projekt ins Leben gerufen und bessern damit nicht nur ihre Klassenkasse auf, sondern tun gleichzeitig etwas für die Umwelt.
Ausgangspunkt war, dass sich Lehrer und Schüler geärgert hatten, wie viele Zigaretten überall auf dem Boden herumliegen und die Umwelt verschmutzen. »Die Leute gehen an die schönen Orte in die Natur und genießen das. Und zum Dank schmeißen sie ihre Kippen hin. Das kann eigentlich nicht sein«, findet Emmert, dem die Problematik zum ersten Mal während der Coronazeit aufgefallen war, als sich die Reutlinger vermehrt im Freien getroffen hatten. So hatte er sich überlegt, wie man Raucher motivieren könnte, ihre Kippen nicht mehr in die Natur zu werfen. Aber auch, wie man die Bevölkerung im Allgemeinen dazu bringen könnte, die Hinterlassenschaften aufzusammeln. In Emmert keimte die Idee: »Wenn es Pfand darauf gäbe, würden wahrscheinlich weniger Zigaretten rumliegen.«
»Ein Herz für Kippen«
Mit Flyern, betitelt mit »Ein Herz für Kippen«, zog die 5a los, um die Reutlinger von ihrem Projekt zu überzeugen und um Spenden zu bitten. Denn das Prinzip hinter der Aktion ist Folgendes: Für jeden von den Schülern gesammelten Zigarettenstummel zahlt Klassenlehrer Arnim Emmet zehn Cent in die Klassenkasse. Durch die Werbung hatte Emmert in kurzer Zeit schlappe 400 Euro zusammen, die die Fünftklässler freisammeln konnten. Bewaffnet mit Zangen, Eimern und Handschuhen war die Klasse nun bereits zum zweiten Mal unterwegs, um an den Hotspots rund die Schule wie bei der Stadthalle, im Volkspark oder am ehemaligen ZOB Kippen vom Boden aufzusammeln. Bei der ersten Sammlung hatten die Schülerinnen und Schüler in gerade mal 40 Minuten mehr als 1.400 Zigaretten aufgelesen und damit 140 Euro für ihre Klassenkasse verdient.
»Ein Zigarettenfilter hat über 100 Giftstoffe aufgesaugt und verpestet etwa 40 Liter Wasser«
Bei der zweiten Aktion war die Klasse in »Konkurrenz« mit Mitarbeitern der Stadt gekommen, die ihrer alltäglichen Arbeit nachgingen und ebenfalls Kippen aufklaubten. »Sie sagten: Eigentlich ist es ein Problem, dass sie jeden Morgen sammeln, weil die Leute ihre Zigarette achtlos wegschnippen und am nächsten Tag ist sie wie von Zauberhand verschwunden«, erinnert sich Emmert. »Wenn die mal zwei Tage streiken würden, sähe es furchtbar auf den Straßen aus.« Trotz »Konkurrenz« fanden die Schüler auch bei ihrer zweiten Sammelaktion fast 2.500 Kippen – ganz genau 2.478 – im Bereich um die Stadthalle und am alten ZOB.
Wasser schützen
Die zehnjährige Derin findet das Projekt absolut sinnvoll, "damit die Welt nicht so verschmutzt". Als sie am Morgen bei der Stadthalle aus dem Bus gestiegen war, waren ihr dort bereits richtig viele Zigarettenkippen aufgefallen. Mayara, elf Jahre alt, hofft, dass einige Menschen durch das Projekt lernen, dass sie ihre Zigaretten nicht einfach auf die Erde schnipsen. Denn das ist das eigentliche Ziel von Emmert und seinen Schülern: Den Raucherinnen und Rauchern bewusst zu machen, was sie mit einer achtlos weggeworfenen Zigarette anrichten. »Ein Zigarettenfilter hat über 100 Giftstoffe aufgesaugt und verpestet etwa 40 Liter Wasser«, erklärt Emmert, der an der Eichendorff-Realschule Deutsch, Kunst, Ethik und Politik unterrichtet. Der BUND spricht gar von 1.000 Litern. "So gesehen haben wir durch unsere beiden Sammlungen also mehr als 150.000 Liter Wasser geschützt."
Um den Schutz der Umwelt und des Grundwassers geht es auch dem elfjährigen Wadah. »Ich finde es eklig, dass die Leute ihre Kippen einfach wegwerfen.« Und obwohl ihm das Projekt großen Spaß macht, findet er es auch eklig, die Stummel aufzulesen, weshalb er trotz Greifzange und Handschuhe nach getaner Arbeit gründlich die Hände wäscht. Eklig wird es auch im Klassenzimmer, denn ungeachtet der geöffneten Fenster stinkt es im Klassenzimmer nach Auszählung sämtlicher Eimer unangenehm nach Aschenbecher.
Die Reaktionen der Reutlinger Bürger, wenn die Schüler sie von ihrem Projekt überzeugen wollen, fallen laut Emmert unterschiedlich aus. »Viele haben sich angegriffen gefühlt, obwohl die Schüler sehr freundlich waren – vor allem Raucherinnen und Raucher.« Dabei geht es weder Emmert noch seinen Schützlingen darum, irgendjemanden anzuklagen. »Die Idee des Rauchens – also eine Pause machen, tief durchatmen, nichts tun und innehalten – finde ich eigentlich sehr sympathisch. Das machen wir viel zu selten«, überlegt Emmert. »Dumm nur, dass man dabei die Natur und sich selber vergiftet.« Die meisten Reaktionen seien aber »total überwältigend: Eine Dame hat aus dem Stand 100 Euro gespendet, weil sie die Aktion so gut fand«. (GEA)



