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Wie ein Arzt aus Reutlingen für mehr Sicherheit in der Medizin sorgt

Der Reutlinger Arzt Marcus Rall hilft Klinikbelegschaften beim Fehlervermeiden. Dafür hat er jetzt eine Auszeichnung erhalten.

Fehler beim Operieren, Therapieren oder bei der Pflege sollen möglichst ausgeschlossen sein: Dafür muss ein hoher Sicherheitsauf
Fehler beim Operieren, Therapieren oder bei der Pflege sollen möglichst ausgeschlossen sein: Dafür muss ein hoher Sicherheitsaufwand betrieben werden. FOTO: ANSPACH/DPA
Fehler beim Operieren, Therapieren oder bei der Pflege sollen möglichst ausgeschlossen sein: Dafür muss ein hoher Sicherheitsaufwand betrieben werden. FOTO: ANSPACH/DPA

REUTLINGEN. Ärzte und Pflegekräfte wollen das Beste für ihre Patienten. Sie bemühen sich nach Kräften, ihnen zu helfen. Und trotzdem können im oft hektischen und belastenden medizinischen Klinikalltag Fehler passieren – zum Beispiel bei der intravenösen Medikamentengabe, wenn aus Versehen der falsche Wirkstoff oder die falsche Dosierung gespritzt wurde. Der »Stop-inject Check« soll das verhindern: Indem die Mitarbeiter vor der Injektion kurz innehalten (stop inject) und sich kurz fragen (check): »Bin ich mir ganz sicher, dass ich den richtigen Zugang, das richtige Medikament in der richtigen Konzentration für den richtigen Patienten in den Händen halte?«

Dr. Marcus Rall weiß, dass das auf den ersten Blick banal erscheint, aber so selbstverständlich ist es eben doch nicht. Sonst würde der »Stop-inject Check« im Alltag nicht so starke Wirkung zeigen. Der Reutlinger Arzt hat das Konzept entwickelt, der Klinikbetreiber Asklepios setzt es bundesweit in seinen Krankenhäusern ein, andere Kliniken ebenfalls. Bei einer ersten Evaluation gaben 26 Prozent der befragten Mitarbeiter an, mit »Stop-inject Check« innerhalb von vier Wochen einen oder mehrere Fehler verhindert zu haben; bei einer zweiten Befragung sagten dies sogar 39 Prozent. Für das Konzept gab es dieses Jahr einen 2. Platz beim »Deutschen Preis für Patientensicherheit«.

»Wir machen mehr Fehler, als wir denken«

Marcus Rall hat das Thema Patientensicherheit zu seinem beruflichen Schwerpunkt gemacht und verfolgt es mit großer Leidenschaft. Er betreibt das InPASS-Institut in Reutlingen, das bundesweit medizinisches Personal schult mit dem Ziel, die Behandlungsqualität dadurch zu verbessern, dass Fehlerquellen entdeckt, analysiert und künftig vermieden werden. Europaweit ist er dazu als Experte unterwegs. Der Mediziner ließ sich parallel zum Studium als Rettungssanitäter ausbilden, war Anästhesist und Notarzt an der Universitätsklinik Tübingen, bevor er sich auf das Thema Patientensicherheit konzentrierte. Er weiß: Behandlungsfehler im Klinikalltag sind durchaus nicht immer den Abläufen und dem Stress geschuldet, sondern oft den menschlichen Faktoren im Team (Human Factors).

Dr. Marcus Rall.  FOTO: PRIVAT
Dr. Marcus Rall. FOTO: PRIVAT
Dr. Marcus Rall. FOTO: PRIVAT

Zum einen, sagt Rall, sind Menschen nicht zum Multitasking geboren. Wenn ein Arzt konzentriert das EKG im Auge hat, kann es schon sein, dass er eine Information der Pflegekraft zum Patienten überhört. Und: »Wir machen mehr Fehler, als wir denken.« Ein wichtiges Thema bei seinen Team-Trainings ist daher auch die Interaktion und die Kommunikation. Ist das, was man gesagt hat, beim anderen so angekommen, wie es gemeint war? Gibt es Hemmungen, nachzufragen, ob zum Beispiel der Blutzucker gemessen wurde, weil der Kollege oder die Kollegin das als Bevormundung sehen und in den falschen Hals kriegen könnte? Spielt die Hierarchie eine Rolle? »Eine Pflegekraft hinterfragt den Arzt nicht gern, ein Assistenzarzt den Oberarzt auch nicht – schon gar nicht vor dem Patienten.« Wenn aber innerhalb eines Teams konsequentes Nachfragen als Strategie zur Fehlervermeidung akzeptiert und erwünscht ist, trägt das viel zur Patientensicherheit bei.

Eines versteht Marcus Rall auch nach Jahrzehnten der Tätigkeit in diesem Bereich nicht: warum in Deutschland keine höheren Standards bei der Aus- und Weiterbildung gelten. Jeder Pilot, sagt Rall, müsse zwei Mal im Jahr bei Simulationstrainings unter Beweis stellen, dass er kritische Situationen beherrschen kann – in der Medizin gibt es solche Vorschriften nicht. Da ist es den einzelnen Kliniken überlassen, ob und wie viel sie in solche Fortbildungen investieren. Tun sie es nicht, werde im Zweifelsfall am Patienten »geübt«. Andere Länder sind da weiter als Deutschland. Wohl auch deshalb, weil andernorts das Gesundheitssystem zentralistischer organisiert ist als in Deutschland, wo Ärztekammern und Berufsverbände in vieler Hinsicht mehr zu sagen haben als der Bundesgesundheitsminister. Rall findet am Zentralismus beileibe nicht alles gut: Aber in Australien zum Beispiel, lobt er, müssten Anästhesisten mehrmals im Jahr Notfalltrainings an Simulatoren absolvieren.

DEFINITION

Was versteht man eigentlich unter Patientensicherheit?

Patientensicherheit wird in der Medizin definiert als »Abwesenheit unerwünschter Ereignisse«. Dabei geht es um vermeidbare und unvermeidbare Vorfälle, die nicht mit der Erkrankung, sondern mit der Behandlung zu tun haben. Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), eine Einrichtung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, nennt ein Beispiel für ein unvermeidbares schädliches Ereignis: Ein Patient erhält Penicillin und entwickelt eine allergische Reaktion dagegen. Er hatte zuvor noch nie allergisch auf Medikamente reagiert. Wenn in der Patientenakte jedoch vermerkt ist, dass eine Allergie gegen Penicillin besteht und der Patient den Stoff trotzdem erhält, dann wäre dieser Fehler vermeidbar gewesen.

Um Schäden zu verhindern, braucht es laut ÄZQ eine »Sicherheitskultur«. Die beinhalte das Bewusstsein, dass die Medizin ein Arbeitsfeld mit hohen Risiken ist. Nötig sei eine Atmosphäre, in der Mitarbeiter ohne Angst über Fehler oder Beinahe-Schäden berichten dürfen, damit daraus gelernt werden kann. Außerdem erforderlich sei die Zusammenarbeit über Hierarchien und Disziplinen hinweg, um Sicherheitslücken zu schließen – und es müsse Zeit und Geld in die Sicherheit investiert werden. (GEA)

Die Kreiskliniken Reutlingen, sagt Rall, »zählen inzwischen zu den innovativen Kliniken, was Simulationstrainings angeht«. So wurde der Anästhesie-Abteilung schon 2008 ein Simulationstraining im echten OP unter der Leitung von Marcus Rall ermöglicht. Auch in der Kinderklinik und im Kreißsaal wurde bereits mehrfach simuliert. Seit zwei Jahren läuft ein Programm für die Intensivstationen. »Die Kreiskliniken verfügen über ein kleines Simulationszentrum an der Akademie in Pfullingen, wo schon Auszubildende realitätsnah simulieren können, und planen ein neues großes multidisziplinäres Simulationszentrum.«

Liegt es am Kostendruck, dass nicht alle Kliniken ihr Personal zu Schulungen in Sachen Patientensicherheit schicken? »Jein«, sagt Rall. Man wisse aus Untersuchungen anderer Länder, dass Simulations- und Teamtrainings volkswirtschaftlich gesehen eine Menge Kosten sparen können – weil es bei Behandlungen dann viel weniger Komplikationen gibt. Zwar profitierten von diesem Vorteil zunächst nicht die Kliniken finanziell, sondern die Krankenkassen oder die Renten- oder Haftpflichtversicherung. Aber man weiß inzwischen auch, dass gerade Team-Trainings die Arbeitszufriedenheit erhöhen, weil sie Stress reduzieren und die Arbeitsqualität verbessern. Das lässt die Fluktuationsrate beim Klinikpersonal sinken. Fachkräfte zu verlieren und neue zu suchen auf einem leer gefegten Arbeitsmarkt ist für die Kliniken auch teuer – »deshalb investieren seit Kurzem viele in Teamtrainings«, sagt Rall.

Der Reutlinger Arzt zieht noch einmal den Vergleich mit der Luftfahrt. Dort gibt es das Bundesamt für Flugsicherheit, das als unabhängige Stelle zum Beispiel Flugunfälle untersucht und im Zweifelsfall bindende Anweisungen geben kann, welche Maßnahmen von Fluglinien oder Flughäfen getroffen werden müssen, um ähnliche Situationen nach Möglichkeit zu vermeiden. Ein Bundesamt für Patientensicherheit gibt es nicht – nötig wäre es in Ralls Augen aber sehr.

Unfälle in der medizinischen Behandlung werden in der Regel dort diskutiert, wo sie passieren: intern in der betroffenen Klinik. Wenn Patienten ein Krankenhaus verklagen, weil sie einen Behandlungsfehler vermuten, kümmert sich die Justiz. Die sucht einen Schuldigen, aber nicht nach Wegen, um den Fehler künftig zu vermeiden. Medizinische Gutachten, die in diesen Fällen oft eine Rolle spielen, werden innerhalb der Ärzteschaft erstellt und nicht von einer unabhängigen Analysestelle. »Wenn das Bundesamt für Flugsicherheit eine Unfalluntersuchung macht, dann ist kein Pilot dabei, der noch fliegen muss, und die Untersuchungskommission wird auch nicht von jemandem geleitet, der bei einer Fluggesellschaft arbeitet«, sagt Rall.

»Das ist eine extrem befriedigende Geschichte«

Hört sich nach viel Frust an für einen, der sich dem Thema Patientensicherheit so verschrieben hat wie Rall. »Ja, damit kämpft man schon hin und wieder«, gesteht der Reutlinger Mediziner. Aber es freut ihn auch sehr, dass es deutliche Verbesserungen gab in den vergangenen Jahrzehnten. Und es begeistert ihn, wenn Ärzte oder Pflegekräfte berichten, dass seine Trainings im Alltag positive Effekte haben. Rall bildet auch sogenannte Instruktoren aus, die das Wissen dann weitergeben an ihre Kollegen. »Wir schulen vielleicht drei Ausbilder, und die tragen das weiter an dreihundert andere: Das ist eine extrem befriedigende Geschichte.« (GEA)