GEA: Die Aussage, das Reutlinger Nachtleben ist tot, hält sich hartnäckig. Wie stehen Sie dazu?
Soufiane Behar: Mal abgesehen davon, dass es aktuell wieder bergauf geht, ist im Vergleich zu damals, als ich jung war, heute deutlich weniger los. Aber das ist kein Reutlinger Phänomen. Ich habe mich mit dem Thema wirklich beschäftigt und dabei zum Beispiel gelesen, dass es in London mal 1.800 Clubs gab. Heute sind es noch 600. Oder schauen Sie nach Stuttgart und Tübingen, auch dort ist im Nachtleben teilweise ziemlich tote Hose.
Welche Erinnerungen haben Sie an das Reutlinger Nachtleben in Ihrer Jugend?
Behar: Es gab damals einfach ein unglaublich großes Angebot. Das fing in der Schule an. Da hatten wir Tanzveranstaltungen, Schwoofs, später in der Oberstufe auch, um Geld zu verdienen. Da wurde man irgendwie an das Nachtleben herangeführt. Auch in den einzelnen Stadtteilen gab es viele kleine Locations, wo Veranstalter was starten konnten. Legendär waren natürlich das Black Mustang, die Färberei oder die »Schinkenstraße«. Dort haben donnerstags gefühlt so viele Menschen in Reutlingen gefeiert wie heute in einem Monat.
Warum hat sich das geändert?
Behar: Aus meiner Sicht ist das ein Generationen-Thema. Ü30er oder Ü35er sind eher Menschen, die gerne rausgehen, tanzen, neue Leute kennenlernen. Die genießen es, wenn irgendwo eine Party ist und sie feiern können. Das Smartphone hat da viel verändert. Heute ist es wichtig, auf Social Media präsent zu sein. Darüber läuft die Kommunikation und darüber kannst du innerhalb von 15 Minuten zehn neue Leute kennenlernen. Früher hat sich das draußen abgespielt, im Fußballverein, in der Disco oder im Restaurant. Dort hast du Freunde oder den Partner fürs Leben gefunden.
Was war für Sie der Anlass, sich für eine Belebung des Reutlinger Nachtlebens einzusetzen?
Behar: Angefangen hat es eigentlich mit meinem Podcast. Da kam dann relativ oft das Thema Nachtleben auf, was schließlich zu meiner ersten Veranstaltung »Sofas Flashback, ein Rückblick auf das Nachtleben in Reutlingen« in der Kreissparkasse geführt hat. Danach kam eins zum anderen. Die Resonanz war groß und ich habe gemerkt, dass bei diesem Thema wirklich Bedarf herrscht. Gleichzeitig wurde auf Social Media so viel Mist geschrieben und kritisiert, dass mich das extra motiviert hat, etwas zu tun und dann auch mit meiner Reichweite die positiven Seiten, Aktionen und Veranstaltungen ins Rampenlicht zu stellen. Ich wollte zeigen: In Reutlingen kann noch mehr gehen.
Sie haben mittlerweile viele Aktionen und Events geplant. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt?
Behar: Ich habe gelernt: Die Stadt gibt es so nicht. Die Stadt ist eine Institution mit verschiedenen Abteilungen und Bereichen, alle mit eigenem Budget, Kostenrechnungen und Verantwortlichen. Und ich habe gelernt, dass man da nicht einfach eine E-Mail an ein Postfach schicken darf, weil das dann entweder untergeht oder lange braucht. Durch meinen Podcast hatte ich irgendwann ein großes Netzwerk und wusste, wen ich zu welchem Thema ansprechen muss. Wann brauche ich das Ordnungsamt, wann das Stadtmarketing, wann eine Genehmigung? Wenn man das alles weiß und beachtet, läuft es eigentlich ganz geschmeidig.
Es gibt Personen, die sich überlegen, wie ermögliche ich etwas, das eigentlich nicht möglich ist
Wurde eine Veranstaltung mal nicht genehmigt?
Behar: Nur einmal. Ich wollte ein Tischtennisturnier auf dem Marktplatz veranstalten und es war nicht klar, wer die Versicherung zahlt. Dabei ging es nicht um viel Geld. Aber mir ging's am Ende ums Prinzip. Ich wollte das für Reutlingen machen, hätte keine Einnahmen gehabt und zusammen mit Freunden und Familie einiges an Zeit investiert. Deshalb habe ich das am Ende gelassen. An diesem Beispiel habe ich auch gesehen, es gibt Leute, die sagen, das ist möglich und das nicht. Und es gibt solche, die sich überlegen, wie ermögliche ich etwas, das eigentlich nicht möglich ist. Gesetze sind oft unterschiedlich interpretierbar. Und da braucht es in der Stadt mutige Personen in leitenden Positionen, die ihren Ermessensspielraum erkennen und dann auch ausnutzen.
Zur Person
Soufiane Behar (40) arbeitet als Projektleiter bei einem Pharmagroßhandel, ist verheiratet und hat zwei Kinder. In der Region war er jahrelang als talentierter Fußballer bekannt, schnupperte beim SSV Reutlingen sogar Oberliga-Luft. Nach seiner aktiven Karriere engagierte er sich als Trainer im Amateurfußball. Mittlerweile tritt er in Reutlingen als Organisator zahlreicher Formate in Erscheinung. Zu den bekanntesten gehören sein Podcast »Sofagelaber« und das »Beats and Love«-Festival. Jüngst moderierte er das Sommerfest der Reutlinger Gastro-Initiative, im September will er auf dem Marktplatz einen Tischtennis-Weltrekord aufstellen. (GEA)
Haben Sie diesbezüglich positive Erfahrungen gemacht?
Behar: Auf jeden Fall. Es gab vor einigen Jahren einen Leerstand an einer prominenten Stelle. Da wollte ich für einen Monat eine Pop-up-Bar an den Start bringen, die jeweils am Wochenende geöffnet hat. Das Problem war, dass ich keine gastronomische Lizenz hatte. Ich hätte mir eine Ausschankgenehmigung holen können, die wäre aber nur vier Tage lang gültig gewesen. Im Gesetzestext war aus meiner Sicht aber Interpretationsspielraum. Damit bin ich dann zum Ordnungsamt und wir haben eine unkomplizierte, pragmatische Lösung gefunden. Das ist für mich ein super Beispiel für einen lösungsorientierten Ansatz, den viele Leute bei der Stadt auch verfolgen.
Wie reagieren die Gastronomen auf Ihr Engagement in der Innenstadt?
Behar: Ganz unterschiedlich. Ich habe schon die ein oder andere böse Whats-App-Nachricht bekommen. Da ging es dann aber um Details. Beispielsweise hatte ich auf einen Flyer geschrieben, dass es Getränke zu fairen Preisen gibt. Die Formulierung konnte dann so verstanden werden, als ob die Preise der anderen nicht fair seien. Aber wenn ich meine Hintergründe erkläre, lassen sich Missverständnisse meist ausräumen. Grundsätzlich bekomme ich aber viel Unterstützung. Bei meiner Pop-up-Bar durfte ich zum Beispiel die Toiletten des Alexandre mitnutzen. Sonst hätte das Projekt nicht stattfinden können. Ich glaube, erfolgreiche Unternehmer sind meistens die Typen, die gerne unterstützen, weil sie wissen, dass jedes Engagement dazu beiträgt, dass insgesamt mehr los ist.
Das Thema Kleingeld habe ich beim Beats and Love-Festival brutal unterschätzt.
Viele Ihrer Projekte machen Sie zum ersten Mal, 2023 beispielsweise das Festival mit mehr 1.200 Teilnehmern. Bezahlt man da viel Lehrgeld?
Behar: Es geht immer etwas schief. Bei kleineren Veranstaltungen kann man das meistens locker nebenher managen. Aber wenn 1.000 Leute da sind und du merkst, dass du nur für 30 Aperol Spritz Orangen gekauft hast, dann kannst du nicht schnell selber zum Supermarkt fahren (lacht). Auch das Thema Kleingeld habe ich beim Beats and Love-Festival brutal unterschätzt. Wir haben extra zwei Euro Pfand für einen Becher genommen, damit sie wieder zurückkommen. Aber, dass man dann immer wieder und vor allem am Ende in großer Menge Zwei-Euro-Münzen braucht, hatten wir nicht beachtet. Oder, dass folgendes passiert: Man hat zwei Bars an unterschiedlichen Stellen. Die Getränke, die bei der einen gut verkauft werden, laufen bei der anderen nicht und andersherum. Wir hatten aber nicht an Springer gedacht, deshalb mussten dann zwei Kumpels Kisten schleppen. Rückblickend ist das lustig. In der Situation ist das aber hart.
Wie finanzieren Sie Ihre Veranstaltungen?
Behar: Das ist unterschiedlich. Oft muss ich nicht unbedingt Geld investieren, weil zum Beispiel der DJ ein Kumpel ist, der mich unterstützen und etwas beitragen will. Manches wird über Eintrittsgelder finanziert, die bekommt man halt erst hinterher. In diesen Fällen muss ich in Vorleistung gehen. Das sind aber keine großen Batzen. Manchmal bleibt am Ende etwas hängen, oft geht das aber auf null auf. Und manche Events sind ohnehin nicht kommerziell. Grundsätzlich geht es mir nicht ums Geld. Es geht eher um Spaß, etwas auszuprobieren und zu erschaffen.
Tischtennis-Weltrekord, Festival, Pop-up-Bar: Woher nehmen Sie diese Ideen?
Behar: Ich bin generell ein kreativer Mensch, der sich gerne neue Formate ausdenkt. Ich will immer irgendwas machen, was so ein bisschen aus der Reihe tanzt. Die Grundfrage ist für mich: Worauf hätte ich Lust? Was würde ich mir als Gast oder Kunde wünschen? Das probiere ich dann. Und da ich mich für einen Mainstream-Mensch halte, denke ich, wenn es mir gefällt, gefällt es auch anderen. Ich will anderen dadurch auch zeigen, dass es möglich ist, in Reutlingen etwas an den Start zu bringen. Und ich hoffe auch auf Nachahmer. Leute, die einfach mal sagen: »Ich habe eine Idee und ich setze sie um.«
Welche Tipps würden Sie Nachahmern geben?
Behar: Hör auf dein Bauchgefühl, mach nur das, worauf du selber Bock hast. Das strahlst du dann aus und das registrieren Leute bei einem Event oder schon während du das organisiert. Der zweite Punkt lautet Netzwerk. Besuche Events, gehe auf Veranstalter und Gastronomen zu. Die haben Erfahrung, viele sind für einen Austausch offen oder geben wertvolles Feedback, wenn man eine Idee hat. Ich war manchmal zu forsch und habe später gemerkt, ich hätte vorher jemanden um Rat bitten sollen. Wichtig sind auch gute Beziehungen zu Stadtmarketing und Stadt. Du kommst nur ins Gespräch, wenn du vor Ort bist, die Leute dich kennen und deine Motivation verstehen. Am Ende arbeiten dort ganz normale Menschen. Wenn die dich sympathisch finden, hat dein Anliegen vielleicht auch mal eine höhere Priorität. (GEA)

