REUTLINGEN. Thorsten Jansings Tätigkeitsfeld ist schnell umrissen: Herkulesaufgabe. Seit einem knappen Jahr ist der 51-jährige Geschäftsführer der Reutlinger Fair-Netz. Damit gehört er zu den zentralen Akteuren, die im lokalen Bereich die Energiewende mitgestalten sollen.
Zur Tätigkeitsbeschreibung des Bau- und Wirtschaftsingenieurs zählt dabei auch ein bisschen das Hellsehen angesichts der zahllosen Unbekannten, die die Arbeit des gebürtigen Dortmunders so spannend machen. »Die Energiewende stellt uns vor Herausforderungen«, sagt der Chef der Fair-Energie-Tochter, die für Betrieb, Unterhalt und Ausbau der gesamten Versorgungsleitungen zuständig ist (siehe Infobox). Das macht schon eine Zahl deutlich, die fürs Fair-Netz-Versorgungsgebiet im Raum steht: 1,2 Milliarden Euro an Investitionen sind geschätzt, um dort bis 2045 das Ziel Klimaneutralität zu erreichen.
Immer mehr Strom geht rein
Zu den Herausforderungen zählt zunächst der Ausbau der Stromnetze: Einerseits nimmt die Einspeisung durch Photovoltaik-Anlagen stetig zu. »Der Bereich boomt.« In Reutlingen sind es vor allem Hausdachanlagen, die die Kraft der Sonne sammeln. So betrug im Jahr 2022 allein der Zubau durch Dach-PV-Anlagen 100 Megawatt (MW).
Die Prognose der Fair-Netz geht bis 2028 von einer Erhöhung auf 250 MW aus. Große PV-Anlagen betreffen die Fair-Netz als nachgelagerten Verteilnetzbetreiber nicht. Sie speisen den Strom direkt in die Leitungen der vorgelagerten Netze BW ein. Auch in Reutlingen produzierter Windstrom würde direkt ans Hochspannungsnetz angeschlossen.
Immer mehr Strom geht raus
Absehbar mehr Einspeisung, aber auch mehr Entnahme aus dem Netz durch Lademöglichkeiten für E-Fahrzeuge und Wärmepumpen. Jansing geht davon aus, dass besonders Letztere eine immer größere Rolle spielen werden: Bis 2028 werden schätzungsweise 15.000 Pumpen im gesamten Unternehmensbereich Strom beziehen, so die Prognose – allein in Reutlingen geschätzte 10.000. Auch die Wallboxen werden bis dahin höhere Anforderungen ans Netz stellen. Im Unternehmen geht man bis 2028 von 30.000 E-Fahrzeugen im Netzgebiet aus. Allein im Reutlinger Stadtgebiet sind rund 20.000 prognostiziert (aktuell: 3.000 bis 5.000).
Intelligente Antworten suchen
Die Krux: PV-Anlagen bringen die höchste Leistung um die Mittagszeit. Die Meisten wollen’s aber beim Aufstehen warm haben. Ab 4 Uhr in der Früh laufen die Wärmepumpen an. Wo keine hauseigenen Batteriespeicher vorhanden sind, ist das Netz gefordert. Die Autos an den Wallboxen sind bis dahin geladen – immerhin. »Diese Spitzen überlagern sich nicht«, sagt der Geschäftsführer.
Dynamische Stromtarife sind eine Antwort, um das Netz zu entlasten. Sie schaffen Anreize, dass der Kunde seinen Verbrauch in Zeiten mit insgesamt geringer Abnahme verlagert. Auch netzdienliches Laden schaffe »perspektivisch« Entspannung. Dabei greift der Netzbetreiber beispielsweise für die Frühmorgen-Spitze auf E-Auto-Speicher zu, um das Netz zu stabilisieren. Der Besitzer bekommt dafür eine Vergütung. In diesen Batteriespeichern liege »großes Speicherpotenzial«, weiß Jansing. Es fehle aber bei Weitem noch an einer ausreichenden Anzahl von E-Fahrzeugen: »Die E-Mobilität muss hochfahren.« Auch fehlten die technischen Voraussetzungen fürs netzdienliche Laden noch weitestgehend.
Kontinuierlicher Ausbau
Die Stromnetzlänge ohne Hausanschlüsse beträgt allein schon im Reutlinger Stadtgebiet einschließlich der Teilorte insgesamt 1.392 Kilometer (8 Kilometer Hochspannung, 486 Kilometer Mittelspannung, 908 Kilometer Niederspannung). Auf die Zunahme der Belastung bereite sich das Unternehmen vor: »Wir bauen das Netz kontinuierlich aus, verlegen Leitungen mit größeren Querschnitten.« Idealerweise geschieht dies zusammen mit Arbeiten von Stadt oder Stadtentwässerung etwa an Kanälen oder Straßen. »Wir schauen uns an, ob wir da mit reingehen, um Synergieeffekte zu erzielen.« Die kontinuierliche Ertüchtigung des Netzes sei an sich keine Extra-Anforderung. Nur: »Es muss jetzt schneller gehen als früher.«
Weitere Baustellen
Eine weitere Baustelle sind die Ortsnetzstationen, in denen Nieder- auf Mittelspannung gewandelt wird und umgekehrt. Die rund 800 Anlagen seien an ihren Kapazitätsgrenzen, berichtet der Fair-Netz-Chef, müssten sukzessive ausgetauscht werden. Auch die vier bestehenden Umspannwerke müssen erweitert werden. Drei Neue sollen hinzukommen.
Wann wird das Gas abgestellt?
Die Mannheimer Stadtwerke haben angekündigt, bis ins Jahr 2035 ihre Gasleitungen stillzulegen. Wann plant dies die Fair-Netz? Jansing winkt ab. Die Mannheimer Voraussetzungen seien andere. Die Stadt verfüge über ein »besonders großes« Fernwärmenetz, das in den letzten Jahren stark ausgebaut worden sei. Im hiesigen Verbreitungsgebiet werde das Gros der Wohnungen mit Gas beheizt. Das kommt nach der Energiekrise größtenteils aus Norwegen. Über das Hochdruck-Transportnetz der Terranets BW gelangt es zum hiesigen Verteilnetzbetreiber. Es gebe noch keine gesetzlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen für eine Leitungsstilllegung, erklärt der Experte. Klar sei aber: Wenn es eines Tages Straßenzüge gibt, in denen nur noch ein, zwei Kunden am Gas hängen, werde dort die Versorgung unwirtschaftlich.
Fair-Netz: Eine Tochter der Fair-Energie
Die Fair-Netz ist eine Tochtergesellschaft der Reutlinger Fair-Energie. Von der Mutter hat sie die Strom-, Gas-, Fernwärme- und Wasserleitungen gepachtet, sorgt für ihren Betrieb, Unterhalt und Ausbau. Die GmbH ist in 13 Strom- und 23 Gasnetzgebieten der jeweilige Betreiber. Zu den Netzkunden gehören private Haushalte, Unternehmen, Kommunen und Stadtwerke. 382 Mitarbeiter sind im 2015 gegründeten Unternehmen beschäftigt. Schon vorher waren in der Fair-Energie Netz und Vertrieb getrennt. Ab 100.000 Netzkunden mussten die beiden Unternehmensbereiche dann wegen gesetzlicher Vorgaben gänzlich getrennt werden. (GEA)
Die Gasnetze an sich seien »vom Material her wasserstofftauglich«. Es müssten lediglich Regel- und Messanlagen teilweise ausgetauscht werden. In den Sternen steht allerdings, wann der Hoffnungsträger ankommt, ob er in ausreichenden Mengen ankommt – und zu welchem Preis. »Da sind wir vom vorgelagerten Netzbetreiber abhängig.« Schon heute werde mancherorts im Transportnetz dem Erdgas bis zu 20 Prozent Wasserstoff beigemischt. Er werde teils mittels deutscher Sonnen- und Windkraft erzeugt, teils kommt er aus dem Ausland.
Bedeutung des Wasserstoffs
Sinnlos, gefährlich, teuer: Skeptiker halten die Bedeutung des Wasserstoffs fürs Heizen nicht nur für überbewertet. Das Protegieren dieses Energieträgers sei nur der Versuch, zu verhindern, dass Gasnetze zu wertlosen Röhren werden. »Die Technologie stellt nach heutigem Wissensstand einen wichtigen Baustein zum Gelingen der Energiewende dar«, entgegnet Jansing. Deshalb denke man auch in der Hauffstraße bei der Erstellung von Zukunftskonzepten immer den Wasserstoff mit. Verändere sich die Marktentwicklung eines Tages dann zugunsten der Verbraucher, könne er auch in der Wärmeerzeugung durchaus Thema werden.
Die Rolle der Fernwärme
Neben der individuellen Versorgung mit Wärmepumpen soll die Fernwärme eine wichtige Rolle bei der hiesigen Versorgung spielen. Im Energienutzungsplan für die Stadt Reutlingen steht beispielsweise der Zielwert 25 Prozent der Haushalte, die mittelfristig zentral wärmeversorgt werden könnten.
Hoher Preis, intransparente Preisgestaltung, Abhängigkeit von einem Versorger: Der Fernwärme haften Makel an. Auch das jüngste Nahwärme-Projekt der Fair-Energie in Reicheneck war keine Werbung für diese Heizform. Nach langem Vorlauf fanden sich nur wenige Kunden. Jansing sieht in Reutlingen gleichwohl »hohes Potenzial«, das Netz zu verdichten. Es gebe viele Leitungen, an denen bisher nur wenige Hausanschlüsse hingen.
Als »bedeutendes« Neubauprojekt nennt er die Kaiserstraße, in der gerade der erste Bauabschnitt begonnen wurde. »Wir schließen die Lücke von der Beutterstraße bis zur Karlstraße.« Die Gespräche mit anschlussinteressierten Hauseigentümern liefen. Über die Kaiserstraße hinaus gibt es allerdings derzeit kein größeres Fernwärmevorhaben. Der Fokus liege auf Straßen, in denen schon Kunden sind, auf Mehrfamilienhäusern und großen Verwaltungsgebäuden. »Wir machen den Ausbau dort, wo es wirtschaftlich ist.«
Großflächigen Umbau hält Jansing ohnehin für unrealistisch. Fernwärme sei von den leitungsgebundenen Arbeiten die teuerste. Und: »Sie können nicht die ganze Stadt aufreißen. Das wäre auch verkehrstechnisch ein riesiger Eingriff«. Der schlechte Ruf der Fernwärme in Sachen Verbraucherkosten werde sich indes relativieren, prognostiziert er: »Gas und Öl werden perspektivisch allein schon durch die steigenden CO2-Kosten teurer.«
Wasserstoffbereite neue Kraftpakete
Auf dem Betriebsgelände von Fair-Netz und Fair-Energie in der Reutlinger Hauffstraße arbeitet man derweil daran, die Fernwärme CO2-neutral zu erzeugen. Fünf alte Blockheizkraftwerks-Motoren werden aktuell für sechs Millionen Euro durch drei modernere effizientere ersetzt, die zu einem Großteil auch mit Wasserstoff betrieben werden könnten.
Der Kunde zahlt für die Wende
Begrenzte Personalkapazitäten, verlängerte Lieferzeiten, weil alle gleichzeitig das Gleiche wollen, steigende Materialkosten – die Zusatzkomplikationen sind erheblich. Für die Klimatransformation gibt es Mittel vom Bund. »Letztlich finanziert werden unsere Investitionen jedoch durch die von der Bundesnetzagentur genehmigten Netzentgelte.« Sprich, der Kunde zahlt Um- und Ausbau der Netze. Auch deshalb sollte er möglichst »nah am Bedarf« orientiert werden, sagt Jansing.
Mahnung an die Politik
Thorsten Jansing sieht »keine Strategie beim Zubau der Erneuerbaren Energien«. So passiere beispielsweise der PV-Ausbau völlig unkontrolliert: »Jeder darf machen, was er will.« Negativbeispiel ist ihm auch das viel gescholtene Gebäudeenergiegesetz: Das »Heizungsgesetz« habe für viel Verunsicherung gesorgt, aber auch seine Rücknahme würde nicht für Entspannung sorgen. Kommt die Wärmepumpe so wie durchs Heizungsgesetz zu erwarten, kommt sie nicht? Da tappen auch die Versorger im Dunkeln. Und so wünscht man sich in der Reutlinger Hauffstraße einen Planungshorizont, der über eine Legislatur hinausgeht: »Es muss eine langfristige und verlässliche Strategie für die Energieversorgung in Deutschland entwickelt werden.« (GEA)


