REUTLINGEN. Leise rieselt der Schnee. Nach einem sonnigen Tag ist es eisig kalt geworden. Noch glänzt die Nässe auf den Straßen. Es könnte auch gefährlich glatt werden.
Auf dem Gelände der Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR) Am Heilbrunnen brennt gegen 19 Uhr Licht. Damit sich wesentliche Straßen und Gehwege der Stadt nicht in Rutschbahnen verwandeln, beginnt jetzt der Winterdienst mit seiner Arbeit. Alles fängt mit einem Anruf und ganz vielen Schlüsseln an.
Hinter einer gläsernen Durchreiche steht Einsatzleiter Enrico Gärtner: mit schwarzem Pulli, Kurzhaarfrisur und einem entschlossenen Blick auf die Wetterlage sowie mehreren Reihen Fahrzeugschlüsseln vor sich. Die gelben Exemplare passen für kleinere Mobile, die schwarzen für Großgeräte, zusammengezählt sind es genau 13. »Mit dem Einsetzen des Schneefalles habe ich um 18.40 Uhr den Winterdienst alarmiert«, erklärt Gärtner. Nach und nach treffen Männer in orangen Einsatzjacken ein. Das sind die insgesamt 28 Mitarbeiter des Bereitschaftsdienstes, die sich nach der Alarmierung umgehend auf den Weg gemacht haben. Jeder weiß genau, welche Route er zu fahren hat. Einer der Kollegen, für die Väterchen Frost den Feierabend eisig beendete, ist der Metzinger Andreas Ketterling.
15 Gramm pro Quadratmeter
Gärtner reicht Ketterling und seinen Kollegen die Schlüssel, sagt dazu immer wieder »15 bis 20 Gramm«. Die Männer verstehen sofort – das ist die heute pro Quadratmeter zu verteilende Salzmenge. Ketterling rückt sich die blaue Mütze mit den drei Buchstaben TBR zurecht, läuft einmal nach links in die Fahrzeughalle. Dort stehen in langen Reihen die motorisierten Helfer des Winterdienstes: Unimogs mit Schneepflug, kleine und große Streufahrzeuge. Manche sind schon besetzt, haben Licht und orange Warnleuchten auf dem Dach angeschaltet. Der 50-jährige Familienvater geht zielstrebig auf den großen MAN Lastwagen mit drei Achsen zu, umrundet das Fahrzeug einmal, tritt zur Kontrolle kurz gegen die Reifen, schaut sich den Aufbau mit dem Behälter für Trockensalz in der Mitte an. Auf beiden Seiten sind gelbe Tanks für Feuchtsalz angebracht, die heute nicht gebraucht werden.
Salzstreuer mit Fernsteuerung
Andreas Ketterling nimmt auf dem Fahrersitz Platz. Im Innenraum des MAN sorgt ein Wunderbaum für frischen Geruch in der Nase. Der Diesel des Lastwagens startet sofort, fällt in einen zufrieden brabbelnden Leerlauf. Mehrere Bildschirm erwachen zum Leben. Einer wirkt wie eine Rückfahrkamera, zeigt die Straße hinter dem Fahrzeug. In der Mitte des Armaturenbretts fällt ein kleines Steuerpult mit vielen Knöpfen und bunten Monitor auf, das symbolisch den Salzstreuer am Heck zeigt. Ketterling stellt hier schon mal die Salzmenge – 15 Gramm pro Quadratmeter – ein. Dann steigt er nochmals aus, um hinten den schwenkbaren Streuteller nach unten zu klappen. Jetzt kann's losgehen.
Einmal um die Halle mit angeschalteter Streuanlage. "Wir machen einen kleinen Testlauf", erklärt Ketterling. Aus dem Radio tönt "Blue Hotel on a lonely Highway", bis zur Tagesschau ist noch eine gute Stunde Zeit. Was liegt an? Die Tour Nummer 11. "Die ist immer meine Route"", sagt der Fahrer. "Den Plan habe ich im Kopf. Im Winterdienst bin ich seit 1998". Abgefahren werden zunächst die Straßen der Dringlichkeitsstufe 1: "Hauptstraßen, Busspuren und Landstraßen". Deswegen lenkt der Metzinger den 26-Tonner, beladen mit 4,5 Tonnen Streusalz, zunächst auf die Rommelsbacher Straße.
Bedeutet eine Fahrt mit dem Streuwagen Tatenlosigkeit hinter dem Lenkrad? Alles andere als das. Ständig verändert der Fachmann die Salzmenge und das Streubild – und aus dem kleinen Steuerpult bestätigt eine Frauenstimme umgehend jede Anweisung. Mal »3,5 Meter, rechtsbündig«, dann wieder »5,5 Meter, linksbündig«. Gemeint ist damit, wie breit die Spur des Streugutes ist. Busspuren fährt Ketterling sorgfältig durch.
Man muss schon wissen, wo und wie man streut. Auf der Rommelsbacher Straße die angewiesenen 15 Gramm pro Quadratmeter, aber im Tunnel etwas mehr als nichts. Wieso das? »Wir hatten auch schon mal Glatteis im Tunnel«, begründet Ketterling. Am Ortseingang von Rommelsbach nimmt er den Kreisverkehr, dreht um. Jede Straße wird in beiden Richtungen gestreut, beide Fahrspuren bekommen präzise genug Salz verpasst.
»Minusgrade so wie jetzt hatten wir lange nicht mehr«, sagt der Streuwagenfahrer. Um die vier Grad unter Null dürften es jetzt sein. Zwar hat der Schneefall mittlerweile aufgehört, aber ohne den Winterdienst wäre es jetzt gefährlich glatt. Der Verkehr hat schon merklich nachgelassen, nur rote Ampeln behindern die Fahrt.
Keine Klagen über Autofahrer
Auf die Frage nach seinen Erfahrungen mit Autofahrern im Winter hat Andreas Ketterling eine diplomatische und eine lustige Antwort. Ganz allgemein spricht er von »mal so, mal so« ohne groß klagen zu wollen. »Aber am Samstagmorgen, wenn die Leute Brötchen holen, gibt's für die keine Hindernisse. Die fahren einfach vor einem rein, haben keine Geduld«, meint er lächelnd. Es gebe da allerdings eine Wetterlage, die für Frieden sorge: »Wenn gut Schnee liegt, sind sie alle brav und warten, bis jemand vom Winterdienst kommt«.
Ketterling ist mittlerweile im Storlach angekommen, fährt durch die Mittnachtstraße. Passagiere und Fahrer der Stadtbuslinie werden es ihm danken. Das Radio meldet in ganz Baden-Württemberg mittlerweile »verbreitet Glätte« sowie einen Unfall auf der Autobahn A5. »Die Leute sollen ganz normal fahren können«, erklärt Ketterling den Sinn des Winterdienstes. Wobei aber eben kein Salzteppich gestreut werde, sondern nur das Notwendige. 15 Gramm pro Quadratmeter, das ist die Menge von drei Zuckertütchen im Kaffeehaus. »Schwarzräumen ist das Ziel, aber mit Rücksicht auf die Umwelt«, ergänzt er.
Die Ersten auf der Straße
Heute Abend ist die Straße schwarz, reicht das bisschen Salz fürs komplette Abtauen. »Wenn der Schnee liegt, wird's schwieriger. Denn wohin mit ihm, mitnehmen kann man den ja nicht«, beschreibt der TBR-Mitarbeiter die Herausforderungen extremer Wetterlagen. Und was sieht der Fahrer eines Streuwagens aus seiner erhöhten Sitzposition sonst noch? »Manchmal sind wir morgens die Ersten auf der Straße. Dann begegnen uns gelegentlich Discogänger – ordentlich angeheitert«. Bei Einsätzen am Tag »winken manchmal die Kinder«. Klar, wer hätte nicht gerne so einen schicken orangen Lastwagen in seiner Spielzeugkiste?
Gut eine Stunde nach der Abfahrt ist die erste Runde für Andreas Ketterling geschafft. Was auf seiner Tour in der Dringlichkeitsstufe 1 liegt, ist korrekt abgestreut. Feierabend hat er aber noch lange nicht. Denn jetzt kommen die übrigen Straßen dran, die weniger dringlich eingestuften.
Einsatzleiter Enrico Gärtner ist natürlich auch noch im Dienst. Alle Schlüssel auf der Theke sind weg, der komplette Winterdienst unterwegs. Zeit über die Wetterlage zu plaudern. »Verhalten« sei die eisige Jahreszeit bis jetzt, »da hatten wir schon schlimmere Winter«. Was am Zeitaufwand für die TBR in dieser Nacht wenig ändert. Bis der Letzte nach Hause kann, wird es nach Mitternacht werden. (GEA)




