REUTLINGEN. Was haben die Bürger davon, wenn sich zum Reutlinger Mutscheltag ihre Gemeinderäte und Bürgermeister zu einem feucht-fröhlichen Spieleabend treffen? Das Ergebnis einer kleinen Fragerunde zu feucht-fröhlicher Stunde im Café Sommer überrascht. Es ist mehr Ernst im Spiel als gedacht.
Die Antworten lassen ebenso tief blicken wie das Erlebnis der Spielernaturen. Bürgermeister Robert Hahn, dem ansonsten beim Blick auf das Ergebnis von Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst im vergangenen Jahr durchaus das Lachen vergehen konnte, strahlt wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd. Beim Zocken um das Reutlinger Traditionsgebäck stellt er entspannt fest: »Das Entscheidende ist bei Zahlen immer, wo das Komma sitzt«. Spricht's, und greift zum Lederbecher mit Würfeln drin. Noch ein Schlückchen Spätburgunder zu den hausgemachten Maultaschen, schon ist die Welt in Ordnung.
Wenigstens einen Abend lang vergessen, was einem als Volksvertreter und Verantwortungsträger so alles auf den Schultern drückt. Beispielsweise harte Debatten um schmerzliche Kürzungen im Haushalt. »Das Gemeinschaftsgefühl stärken. Es ist wichtig, auch auf anderen Ebenen miteinander zu reden«, sagt die grüne Stadträtin Katharina Ernst, womit sie vielen aus der Seele spricht. Beim Mutscheltag spielen Fraktionen und Parteifarben keine Rolle. Die grünen Servietten in den Gläsern an jedem Platz seien, versichert amüsiert Pressesprecherin Sabine Külschbach, »nicht politisch gemeint«.
»Wir werden anstrengende Themen haben«
Ausgelassen um Mutscheln zu spielen, das sei »ganz wichtig fürs Klima«, meint Sozialdemokratin Edeltraut Stiedl, die seit 32 Jahren im Gemeinderat sitzt. »Als ich gekommen bin, ist man respektvoller miteinander umgegangen«, fügt sie nachdenklich hinzu. »Ich finde das wunderbar - gerade zu Beginn des Jahres. Wir werden ja anstrengende Themen haben«, sagt Baubürgermeisterin Angela Weiskopf. Nicht weit entfernt ist für Anna Bierig, Geschäftsführerin der Stadtmarketing und Tourismus GmbH Reutlingen, der Mutscheltag eine der Seiten Reutlingens, für die man die Stadt frei nach ihrer Werbekampagne nur lieben könne. Fun-Fact für alle, die nicht würfeln konnten oder wollten: Es gibt Postkarten mit dem Aufdruck »Mein Mutschel-lingen« kostenlos bei der Touristinformation.
»Das Miteinander tut gut«
Kostenlos, was für ein reizendes Wort für Finanzbürgermeister Roland Wintzen, der seit Jahren jeden städtischen Euro dreimal umdrehen muss. »Ich glaube, das Miteinander tut gut - gerade bei den anstehenden Haushaltsberatungen«, sagt der Kämmerer, dem trotz der finanziellen Ebbe der Appetit nicht vergangen ist, wiewohl er nachdenklich von einer Besorgnis spricht: »Was machen Streichen, Schieben, Kürzen mit der Stadtgesellschaft?« Mit dem ihr eigenen Humor nimmt es die Liberale Regine Vohrer. »Das Geld ist sowieso schon weg«, äußert sie lachend. Ganz im Ernst sei die Haushaltslage »schon bitter, aber wir werden es überstehen«. Nebenbei bemerkt Vohrer, ihre grün lackierten Fingernägel und der rote Pullover seien kein Koalitionsangebot. Nebensitzerin Gabriele Janz (Grüne) kommentiert das schmunzelnd mit den Worten, »man sollte Farben nicht überbewerten. Es kommt auf die Inhalte an«.
Am Nebentisch sitzend betont Oberbürgermeister Thomas Keck grundsätzliche Werte. Was der Bürger vom Mutschelabend seiner demokratischen Vertreter hat? »Der Gemeinderat gibt ein Vorbild, wie positive Traditionen hochgehalten werden. Es hat etwas Soziales, es bringt die Leute zusammen«. Dem schließt sich FWV-Rat Georg Leitenberger an: »Der Bürger soll's uns nachmachen. In die Stadt gehen und mutscheln«. Oder wie seine Fraktionskollegin Jenny Winter-Stojanovic - zweifellos die Frau mit den buntesten Haaren im Raum - meint, »es ist vorbildlich, gemeinsam zu spielen und miteinander zu sein«. (GEA)





