Logo
Aktuell Umfrage

Wie denken Reutlinger über das neue Wehrdienstmodell?

Union und SPD haben sich auf Veränderungen im Wehrdienst geeinigt. Wie stehen junge Menschen in Reutlingen zum neuen Modell und was halten sie allgemein von der Wehrpflicht? Der GEA hat nachgefragt.

Vom neuen Wehrdienstmodell verspricht sich die Bundesregierung freiwillige Rekruten.
Vom neuen Wehrdienstmodell verspricht sich die Bundesregierung freiwillige Rekruten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Vom neuen Wehrdienstmodell verspricht sich die Bundesregierung freiwillige Rekruten.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

REUTLINGEN. Lange wurde diskutiert, nun gibt es einen Kompromiss. Union und SPD haben sich über den Wehrdienst geeinigt. Wie kommt diese Entscheidung bei jungen Menschen in Reutlingen an? Der GEA hat bei vier Mitgliedern des Jugendgemeinderats nachgefragt und sich auf der Straße umgehört.

Doch was wurde überhaupt beschlossen? Ab 2026 sollen sowohl alle Männer als auch Frauen, die ab dem 1. Januar kommenden Jahres 18 Jahre alt werden, einen Fragebogen zugeschickt bekommen. Dieser soll Motivation und Eignung für die Bundeswehr erfassen. Das Ausfüllen ist ebenso wie die anschließend geplante Musterung nur für Männer verpflichtend. Bis 2035 soll die Zahl der aktiven Soldaten in der Bundeswehr so auf 260.000 steigen. Sollten sich nicht ausreichend Freiwillige zum Dienst melden, soll der Bundestag - unter Abwägung der sicherheitspolitischen Lage - entscheiden, ob eine Bedarfswehrpflicht eingeführt werden soll. Dabei könnte ein Zufallsverfahren zur Auswahl eingesetzt werden.

»Wir wollen uns verteidigen können, damit wir es nicht müssen«

Simon Benz steht der Wehrdienst-Debatte positiv gegenüber: »Die muss man führen, wenn ein Krieg nur 2.000 Kilometer entfernt von uns wütet. Wir wollen uns verteidigen können, damit wir es nicht müssen«, meint das Mitglied des Jugendgemeinderats. »Deutschland bietet uns so viel, da kann man sich auch mustern lassen. Dabei gibt es ja auch Vorteile, wie den Gesundheitscheck.«

Simon Benz hält das neue Wehrdienstmodell für einen Schritt in die richtige Richtung.
Simon Benz hält das neue Wehrdienstmodell für einen Schritt in die richtige Richtung. Foto: Privat
Simon Benz hält das neue Wehrdienstmodell für einen Schritt in die richtige Richtung.
Foto: Privat

Deshalb hält der 19-Jährige das neue Modell für einen Schritt in die richtige Richtung. Ob die Bundeswehr damit ihr Ziel von 260.000 aktiven Soldaten im Jahr 2035 erreicht, müsse sich aber erst noch zeigen. Benz selbst ist von der neuen Regelung aufgrund seines Alters jedenfalls nicht betroffen. Er habe überlegt, freiwillig zur Bundeswehr zu gehen, möchte sich aber erst auf seine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement konzentrieren.

»Ich glaube, das würde unsere Generation stärken. Sowohl körperlich als auch geistig«

Der 16-jährige Lennox Ahlskog, der ebenfalls in dem Gremium ist, hat eine ähnliche Meinung. »Einer generellen Wehrpflicht wäre ich nicht abgeneigt. Ich glaube, das würde unsere Generation stärken. Sowohl körperlich als auch geistig«, sagt der Schüler, der in den nächsten Jahren von der Musterung betroffen sein wird. Das jetzige Modell sei aber eine gute Alternative zur Wehrpflicht, meint Ahlskog.

Lennox Ahlskog würde auch eine generelle Wehrpflicht befürworten.
Lennox Ahlskog würde auch eine generelle Wehrpflicht befürworten. Foto: Privat
Lennox Ahlskog würde auch eine generelle Wehrpflicht befürworten.
Foto: Privat

So habe die Bundeswehr die Möglichkeit - vorerst auf freiwilliger Basis - mehr Soldaten zu rekrutieren. Bei einem verpflichtenden Zufallsverfahren würden sich viele Jugendliche aber querstellen und protestieren, vermutet er. Ahlskog selbst hat vor, sich freiwillig für einen Dienst zu melden. Aufgrund seiner doppelten Staatsbürgerschaft - deutsch und finnisch - weiß er aber noch nicht, für welches Land.

»Viele wollen das nicht, und die sollte man auch nicht dazu zwingen«

Mubariz Goraya stört an dem neuen Beschluss, dass die Möglichkeit besteht, dass junge Menschen zu einem Wehrdienst verpflichtet werden könnten. »Viele wollen das nicht, und die sollte man auch nicht dazu zwingen«, meint der 19-Jährige Jugendgemeinderat. Auf der anderen Seite findet der angehende Bauzeichner die Stärkung der Bundeswehr sinnvoll, »um der Nato im Notfall helfen zu können.«

Mubariz Goraya hat eine geteilte Meinung zum Thema Wehrdienst.
Mubariz Goraya hat eine geteilte Meinung zum Thema Wehrdienst. Foto: Privat
Mubariz Goraya hat eine geteilte Meinung zum Thema Wehrdienst.
Foto: Privat

Goraya hat Freunde und Verwandte, die ab dem kommenden Jahr 18 werden. Bei ihnen gehen die Meinungen auseinander: »Manche wollen freiwillig zur Bundeswehr, manche sind sich unsicher und andere wollen gar nicht.« Den mit der Musterung verbundenen Gesundheitstest hält Goraya jedenfalls für sinnvoll.

»Es wäre viel wichtiger, Gespräche zu führen und den Zusammenhalt innerhalb der EU zu stärken«

Rundheraus ablehnend steht Helena Gessert der Wehrdienstdebatte gegenüber. »Ich finde, damit setzt man an einem falschen Punkt an. Es wäre viel wichtiger, Gespräche zu führen und dadurch den Zusammenhalt innerhalb der EU zu verstärken«, sagt die 20-jährige Studentin der Erziehungswissenschaft und fährt fort: »Meiner Meinung nach ist das neue Modell das falsche Signal, aber wenigstens besser als eine richtige Wehrpflicht. Ich finde es schwierig, dass die jungen Leute - die beispielsweise durch Corona sowieso schon so viele Päckchen zu tragen haben - sich nun auch noch mit dieser Situation auseinandersetzen müssen.« Mit der Diskussion löse man bei vielen jungen Menschen Angst vor Krieg aus, meint Gessert. Außerdem stecke man zu viel Zeit und Geld in die Causa Bundeswehr, während »Themen wie der Klimaschutz oder die Rente mit Füßen getreten werden«.

Helena Gessert steht der Wehrdienstdebatte ablehnend gegenüber.
Helena Gessert steht der Wehrdienstdebatte ablehnend gegenüber. Foto: Privat
Helena Gessert steht der Wehrdienstdebatte ablehnend gegenüber.
Foto: Privat

Die Meinungen der vier Jugendgemeinderatsmitglieder gehen also auseinander. In einem Punkt stimmen sie aber überein: Dass das Ausfüllen des Fragebogens und die Musterung nur für Männer verpflichtend ist, geht in Ordnung. »Frauen sind in vielen Dingen immer noch benachteiligt. Ich würde mich bei der Bundeswehr auch nicht wohlfühlen, da es für mich einfach immer noch ein Männerbund ist«, sagt Gessert. Auch Benz, Goraya und Ahlskog haben kein Problem mit dieser Regelung.

»Wenn es schon eine Pflicht gibt, sollte diese für Männer und Frauen gelten«

Und wie ist die Stimmung auf den Straßen Reutlingens? Der 16-jährige Arne Bauer hat nichts gegen das Ausfüllen des Fragebogens und die Musterung einzuwenden, solange »der Wehrdienst freiwillig ist. Wenn dieser zur Pflicht wird, würde ich das nicht gut finden.« Die Freiwilligkeit finden auch Nadia Russi und Marc Seidel, beide 22 Jahre alt, besonders wichtig. »Ich finde den Ansatz des neuen Modells gut. So können sich die Betroffenen auch gut über einen möglichen Wehrdienst informieren«, sagt Russi. Seidel stimmt dem zu und weist darauf hin, dass man ja auch ein freiwilliges Jahr statt eines Wehrdiensts absolvieren könne. Dass die neue Regelung nur für Männer verpflichtend ist, finden beide richtig. »Ich bin für Gleichberechtigung, aber nicht für Gleichstellung. Die Männer nutzen immer noch einige Vorteile, deshalb finde ich gut, dass Frauen in diesem Fall einen Vorteil haben«, meint Russi.

Ila Wiedenroth würde eine rein freiwillige Musterung bevorzugen. »Aber wenn es schon eine Pflicht gibt, sollte diese für Männer und Frauen gelten«, so die 19-Jährige. Dem stimmt der ebenfalls 19-Jährige Noah Radelic zu. Allerdings müsse man dazu eine Änderung am Grundgesetz vornehmen: »Das ist ein zu großer Aufwand. Deshalb ist es nicht gut, aber okay«. Das neue Wehrdienstmodell findet Radelic aufgrund der Sicherheitslage angemessen. »Die verpflichtende Musterung finde ich okay. Das mussten unsere Väter auch machen«, meint er. Allerdings hätte die Bundesregierung die jungen Menschen seiner Meinung nach mehr mit einbeziehen sollen, anstatt über deren Köpfe hinweg zu entscheiden. (GEA)