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Wie das Pilotprojekt »Housing First Reutlingen« läuft

Erst eine vernünftige Unterkunft, dann der Rest: Das ist der Ansatz des Modellprojektes »Housing First«. In Reutlingen geht es vorrangig um jüngere Menschen.

Kundgebungen für mehr Wohnraum fanden dieses Jahr bundesweit statt. Gerade der soziale Wohnraum ist absolute Mangelware.
Kundgebungen für mehr Wohnraum fanden dieses Jahr bundesweit statt. Gerade der soziale Wohnraum ist absolute Mangelware. Foto: Archiv/Christian Charisius/dpa/
Kundgebungen für mehr Wohnraum fanden dieses Jahr bundesweit statt. Gerade der soziale Wohnraum ist absolute Mangelware.
Foto: Archiv/Christian Charisius/dpa/

REUTLINGEN . Die Wohnungsnot ist eine der drängendsten sozialen Fragen in unserem Land. Denn wer keine oder keine menschenwürdige Wohnung hat, der hat auch sonst Schwierigkeiten, sich in seinem Leben zurechtzufinden. »Eine Wohnung ist Heimat, sie bietet einen Rückzugsort, an dem man sich sicher und geborgen fühlt«, sagt Daniel Bergers von Hilfe zur Selbsthilfe. Er ist Projektleiter von »Housing First Reutlingen«, von Januar 2024 bis Ende 2026 wird das Projekt an sechs Standorten im Land gefördert. Das Konzept beruht darauf, dass Menschen, die in Obdachlosigkeit leben oder die davon bedroht sind, zunächst einmal Wohnraum vermittelt wird, bevor andere Unterstützung angeboten wird. Das sei, sagt der Sozialarbeiter Bergers, eigentlich ein Paradigmenwechsel der sozialen Arbeit. Üblicherweise sei eine eigene Wohnung das Endziel und nicht der Startpunkt. Vor allem in der Jugendarbeit.

Doch das Prinzip »Housing First« wird seit vielen Jahren in anderen Ländern erfolgreich umgesetzt, etwa in den USA, aber auch in Finnland und Österreich. Die Erfolgsquote ist groß, sie liege bei mehr als 90 Prozent, sagt Projektmitarbeiter Andreas Lude. Das Besondere am Projektstandort Reutlingen ist, dass man sich speziell um Menschen kümmert, die jünger als 27 Jahre sind.

»Der Mann hatte ein WG-Zimmer unter wirklich üblen Bedingungen«

Sozialpädagoge Andreas Lude betreut die Kandidaten auf Wohnungssuche - und bekommt oft unmittelbar mit, wie deren Lebensumstände sind. So etwa die einer 22-Jährigen, die noch zuhause lebte. Das Verhältnis dort sei sehr angespannt gewesen, berichtete Lude. Laut ihren eigenen Angaben gab es mehrere polizeiliche Einsätze. Da sie noch keine 25 Jahre alt war, musste das Jugendamt informiert werden. Dieses musste dann über das »Bleiberecht« entscheiden. Die junge Frau wollte aber nicht warten, haute von daheim ab und war für mehrere Monate wohnungslos. Irgendwann kam sie zu »Housing First«, und es ist tatsächlich gelungen, ein WG-Zimmer für sie zu finden - verbunden mit einer FSJ-Stelle.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: ein Mann, 23 Jahre jung, der als Handwerker nicht schlecht verdiente, der aber einfach keine Wohnung finden konnte. Er lebte in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, die als sozialer Brennpunkt bekannt ist. »Er hatte ein WG-Zimmer unter wirklich üblen Bedingungen«, erzählt Andreas Lude. Im Haus war es laut und schmutzig, er fand nachts keinen Schlaf und konnte sich kaum mehr aufraffen, zur Arbeit zu gehen. Doch auf seine Bewerbungen um eine neue Wohnung hagelte es Absage um Absage.

Junge Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, ist das Ziel des Projekts »Housing First«.
Junge Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, ist das Ziel des Projekts »Housing First«. Foto: Archiv/Martin Gerten/dpa/dpa
Junge Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, ist das Ziel des Projekts »Housing First«.
Foto: Archiv/Martin Gerten/dpa/dpa

Bereits am Namen sei seine Herkunft ersichtlich gewesen, erzählt Lude, hinzu kamen eine dunkle Hautfarbe und die Meldeadresse an einem Brennpunkt. Das sind oft Gründe für eine Ablehnung - auch wenn dies kaum ein Vermieter offen zugeben würde. Die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt sei groß, weiß Lude, vorgehen kann dagegen niemand, denn es ist Privatsache des Vermieters, wem er seinen Wohnraum überlässt. Aber zurück zu dem jungen Mann: »Der war irgendwann völlig hoffnungslos«, so Andreas Lude. Dann holte er »Housing First« mit ins Boot. Andreas Lude hat eine gute Bleibe für den 23-Jährigen gefunden. »Ein wirklich aufgeweckter Kerl, der dann völlig aufblühte«, sagt er. Eine Erfolgsgeschichte.

»Die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt ist groß«

Auch einer jungen Familie konnte er helfen. Die jungen Eltern hausten mit ihren zwei kleinen Kindern in einer kleinen Dachgeschosswohnung. Der Treppenabgang war ungesichert, die Wohnung an vielen Stellen mit Schimmel übersät. »Sie waren in großer Sorge um ihre Kinder.« Mithilfe der GWG, der Reutlinger Wohnungsgesellschaft, konnten sie in eine Vier-Zimmer-Wohnung ziehen. Die GWG konnte nämlich vor Kurzem als Kooperationspartner gewonnen werden. Ein Fortschritt, wobei es an der grundlegenden Problematik nichts ändert - es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum.

Da wundert es auch nicht, dass das Projekt »Housing First Reutlingen« im vergangenen Jahr so richtig an Fahrt aufgenommen hat, die Nachfrage sei nahezu explodiert, berichten Lude und Bergers. Der Bedarf sei riesengroß, um die 50 Beratungsgespräche hat Andreas Lude in den vergangenen Monaten geführt. Helfen konnte auch er bei Weitem nicht allen - für neun Personen konnte er bislang neuen Wohnraum finden. Es fehle einfach an Wohnungen oder auch an Vermietern, die bereit sind, sie zu vermieten, bedauert er. Aktuell drohe einem seiner Klienten sogar, dass er ab Jahresanfang 2026 auf der Straße landet. »Da hoffen wir noch auf ein kleines Wunder.«

»Housing First«: die Ansprechpartner

Träger des Projekts ist die gGmbH »Hilfe zur Selbsthilfe«, die in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Calw für viele Hilfs- und Beratungsangebote für Jugendlich zuständig ist. Wer eine Beratung benötigt oder wer Wohnraum zur Verfügung stellen will, kann sich bei den Verantwortlichen von »Housing First« melden. Projektmitarbeiter ist Andreas Lude, Telefon 0176/96304049, Mail: a.lude@hilfezurselbsthilfe.org. Projektleiter ist Daniel Bergers, Telefon 0157/75843106, d.bergers@hilfezurselbsthlfe.org.

Die Aufgaben von »Housing First« sind umfangreicher als die reine Wohnungsvermittlung. Der Sozialpädagoge schaut nicht nur, ob die finanzielle Situation der Mieter geklärt ist und unterstützt beim Umzug, sondern das Projekt bietet auch eine Mietausfallgarantie oder ist als Ansprechpartner für die Vermieter da. Für einige junge Menschen ist es die erste eigene Wohnung, da sei er dann in einigen Bereichen des alltäglichen Lebens ebenfalls als Berater gefordert, erzählt Andreas Lude mit einem Schmunzeln. Und sei es nur, um die Jugendlichen auf die Bank zu begleiten, um einen Dauerauftrag einzurichten.

»Die Notunterkunft ist kein Ort für junge Menschen«

Gerade für jüngere Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, gibt es kaum spezielle Programme, das Reutlinger Projekt ist einzigartig im Land. Dabei ist es besonders wichtig, schnell zu agieren, bevor junge Menschen auf der Straße oder in einer Notunterkunft landen. Eine solche gibt es in Reutlingen, in der Glaserstraße, betrieben von der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Hier bietet die AWO mit viel Engagement und großem Einsatz Obdachlosen einen warmen Schlafplatz für akute Notsituationen, sowie die Möglichkeit zum Duschen und Wäsche waschen oder eine Beratung. »Das ist aber kein geeigneter Ort für junge Menschen«, sagt Bergers.

Die jungen Leute, bei denen ihre Arbeit erfolgreich war, können sich nun auf ihr Leben und ihre Berufsausbildung konzentrieren, ohne in ständiger Sorge um ihre Unterkunft sein zu müssen. »Jeder einzelne, den ich vermitteln konnte, ist ein großer Gewinn«, zieht Lude Bilanz. Bis Jahresende 2026 wird das Landesprojekt weitergeführt. Eine Fortsetzung ist eher unwahrscheinlich. Doch die Verantwortlichen hoffen, dass sie bis dahin viele junge Menschen vermitteln können - »dafür müssten sich aber noch einige mehr Wohnungsbesitzer bei uns melden«. (GEA)