REUTLINGEN. Lederstraße, Gartenstraße, Alte Honauer Bahntrasse: In seiner letzten Sitzung dieses Jahres, am 16. Dezember, soll der Reutlinger Gemeinderat über eine der zentralen offenen Fragen der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb (RSBNA) entscheiden. Auf welcher Neubaustrecke soll sie durch die Reutlinger Innenstadt fahren?
Entscheidungsgrundlage sind die Ergebnisse der Standardisierten Bewertung, die jüngst vorgestellt wurde. Sie zeigt Schwächen und Stärken der einzelnen Trassen in Bezug auf zentrale Parameter wie Kosten, Fahrgastpotenzial, Fahrzeiten oder Streckenlänge auf. Die Ergebnisse stießen den früheren Favoriten von Verwaltung und Gemeinderat vom Thron: die Lederstraße. Die Gartenstraße punktet unter anderem als günstigste und städtebaulich am wenigsten invasive Variante.
Am Dienstag, 18. November, werden die Trassen erneut im Rathaus in öffentlicher Sitzung diskutiert, bevor im Dezember dann die finale Entscheidung fällt. Der GEA hat vorab ein Stimmungsbild eingeholt.
CDU (9 Mitglieder): Erst Nachweis über solide Finanzierbarkeit
Die endgültige Entscheidung über die Trassenführung kann nach Ansicht der CDU-Fraktion nur in unmittelbarem Kontext zum Doppelhaushalt getroffen werden. Das Projekt enthält trotz der 90-prozentigen Förderung ein hohes finanzielles Risiko für den städtischen Haushalt in den nächsten Jahren. Zur fundierten Bewertung erwartet die CDU-Fraktion die aktuellen Zahlen, Prognosen zu Einsparpotenzialen sowie die konkreten Auswirkungen auf die zukünftigen Haushalte. Die finanziellen Folgewirkungen des Projekts müssen im Doppelhaushalt 2026/2027 transparent ausgewiesen werden. Unabhängig von diesem Doppelhaushalt können wir vorab vor der Einbringung des Doppelhaushalts keine endgültige Festlegung treffen, da bereits jetzt deutlich ist, dass es zu erheblichen Kürzungen, Streichungen und Einsparungen kommen wird. Die Diskussion zur Festlegung der präferierten Innenstadttrasse ist in der CDU-Fraktion noch nicht abgeschlossen. Bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung für unsere Region besteht die CDU-Fraktion auf den Nachweis einer soliden Finanzierbarkeit.
Grüne und Unabhängige (8 Mitglieder): Favorit Gartenstraße
Von uns kommt ein klares Ja zur Regionalstadtbahn. Die RSB steht nicht nur für moderne Mobilität und Klimaschutz, sondern auch für eine starke, selbstbewusste, zusammenwachsende Region Neckar-Alb. Sie bietet den Menschen hier die Chance, an Staus und an belasteten Kreuzungen vorbei schneller und umweltfreundlicher an ihr Ziel zu kommen. Sie bietet auch die Chance, unsere Reutlinger Innenstadt besser zu erreichen – zum Nutzen von Einzelhandel, Gastronomie und einer belebten Stadt. Das ist Lebensqualität! Durch die Kernstadt favorisieren wir die Gartenstraßen-Trasse. Baukosten und laufender Betrieb sind über diese Variante am günstigsten. Sie würde die Bereiche, in denen die Menschen wohnen, arbeiten und einkaufen, am besten erschließen. Und nicht zuletzt vermeidet sie am Hauptbahnhof tiefe, teure und zerschneidende Eingriffe ins Stadtbild durch Rampen und Querung von Grünflächen, wie die beiden anderen Varianten. Die Gartenstraße ist damit auch städtebaulich am attraktivsten. Lasst uns die RSB aufs Gleis bringen!
SPD (5 Mitglieder): Garten- oder Lederstraße
Die Regionalstadtbahn ist die zukunftsfähige umweltfreundliche Mobilität. Viele Menschen können rasch, bequem und mit leisen Fahrzeugen in die Stadt hinein oder in die Region hinausfahren. Handel, Wandel, Kultur, Versorgung und Begegnungen werden für viele Menschen rasch und gefahrlos möglich. Weniger schlechte Luft und Verkehrslärm, das wird ein Gewinn für Reutlingen. Pkw und Bus können dies nicht besser. Busse in die Stadtbezirke müssen die Stadtbahn ergänzen. Wir bauen die Bahn für künftige Generationen. Wir votieren für Gartenstraße oder Lederstraße. Die Bahn muss in die Mitte der Stadt, dahin, wo das Ziel der Menschen ist. Wir haben noch Fragen zu den Innenstadttrassen, auf deren Beantwortung wir warten. Aus finanzieller Sicht erscheint die Gartenstraße alternativlos. Das hinterfragen wir, denn auch in der Lederstraße sind Investitionen dringend nötig - auch ohne Bahntrasse. Wir wollen auch wissen, ob die Investitionen in die Bustrasse Gartenstraße umsonst waren, wenn erneut umgebaut wird.
AfD (5 Mitglieder): Ablehnung wegen ungeklärter Finanzierung
Wir als AfD-Fraktion haben im Oktober eine Anfrage gestellt nach den Kosten für die Stadt, die nicht vom Zweckverband und den Bundes- und Landeszuschüssen übernommen werden. Bisher hat die Stadt überhaupt nichts vorgelegt, wie die -zig Millionen Investition als Beitrag der Stadt und der jährliche Zuschussbedarf im Betrieb finanziert werden sollen. Reutlingen hat mit der Ausweitung des Bussystems 2019 (»Alles wird busser«) ein finanzielles Waterloo erlebt. Aus geplanten 3,3 oder 5,7 Millionen Anlaufverlust wurden 10 bis 11 Millionen jährlicher Zuschussbedarf - unter anderem durch »Planungsfehler« in Höhe von über 5 Millionen, die nie aufgeklärt wurden. Solange die Stadtverwaltung keine seriöse Finanzierung vorlegt, müssen wir als AfD-Fraktion aus Verantwortung für die finanzielle Zukunft der Stadt, die Erfüllung der Pflichtaufgaben und aus haushaltsrechtlicher Sicht das Projekt ablehnen.
FWV (5 Mitglieder) : Tendenz zur Lederstraße
Die FWV-Fraktion steht der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb positiv gegenüber. Sie verknüpft im positiven Sinne - wie der Name schon sagt - die Region (zum Beispiel Echaztal bis Reutlinger Alb) mit dem städtischen Bereich. Die FWV-Fraktion votiert in der Tendenz weiterhin für die Trasse »Lederstraße«. Sie möchte aber ihre in einer Fraktionsanfrage aufgeführten Fragen noch abschließend geklärt haben. Darunter unter anderem die Frage nach einer alternativen Trassenführung zur Anbindung an die bestehende Bahnstrecke aus der Lederstraße unter Umgehung der Bahnbrücke Unter den Linden und die Anbindung der Trasse Gartenstraße an die Bahnstrecke im Bereich der Briefpost, was den eventuellen Abbruch von Gebäuden bedeuten würde. Grundsätzlich ist die Lederstraße aus Sicht der Fraktion die sinnvollere Trasse, da sie weniger Gesamtaufwand bedeutet.
WiR (3 Mitglieder): Stadtbahn nicht Zukunft der Mobilität in Reutlingen
Modul 1 und 2 der Regional-Stadtbahn haben absolut zu einer Entspannung im regionalen Verkehr beigetragen. Jedoch sind wir grundsätzlich der Meinung, dass eine Innenstadtbahn nicht die Zukunft der Mobilität in Reutlingen ist, zumal Reutlingen eine sehr enge Innenstadt hat. Leider haben die Planer wohl keinen Einblick, was die Bürgerinnen und Bürger mehrheitlich denken. Die Wenigsten werden überhaupt einen Nutzen von der Innenstadtstrecke - und in der derzeitigen Haushaltssituation auch keinerlei Verständnis - haben, dass eine Stadtbahn geplant wird, und dass deren Folgefinanzierung auch immens hohe Kosten aufweisen wird. Jede Trasse ist ein mehr oder weniger fauler Kompromiss. Wollen wir den Pendlerverkehr reduzieren, ist ausschließlich die Honauer Trasse zielführend, die jedoch bisher eine schwierige Gleisführung am Bahnhof aufweist. Aber, warum sollen die Reutlinger für die Innenstadtstrecke, von der sie nahezu keinen Nutzen haben, auch noch doppelt bezahlen, als Stadt und dann als Teil des Landkreises?
Die Linke/Partei (3 Mitglieder): Favorit Gartenstraße
Die Regionalstadtbahn wird als komfortables, durchgängiges, umweltfreundliches und schnelles Verkehrsmittel ein Gewinn für Pendler, Einwohner und Touristen in der Region. Sie verbindet die Vorteile einer engmaschigen Straßenbahn innerhalb der Städte mit den kurzen Fahrzeiten auf den Abschnitten dazwischen. Aus Engstingen, Albstadt, Herrenberg oder Bad-Urach bequem in unserer Innenstadt ankommen: Das fördert Tourismus, stärkt Einzelhandel und Gastronomie und entlastet die Straßen. Der Reutlinger Betriebshof generiert außerdem Arbeitsplätze und Einnahmen. Die Kosten werden fair im Regionalverband geteilt. Reutlingen leistet seinen Anteil und investiert in seine Zukunft. Wir stimmen für die Variante Gartenstraße. Sie erschließt die Innenstadt am besten und bietet mit der gemeinsamen Bus-Achse hervorragende Umsteigemöglichkeiten. Außerdem ist sie in Hinblick auf Kosten versus Fahrgastpotenzial die wirtschaftlichste Option.
FDP (2 Mitglieder): Favorit Gartenstraße
Wir stehen der Regionalstadtbahn positiv gegenüber. Die Chance, die Kundenfrequenz für den Handel zu erhöhen, muss genutzt werden. Das ist am besten möglich, wenn sie nahe der Fußgängerzone verläuft. Wir bevorzugen daher als Trasse die Gartenstraße. Ebenso gehen wir davon aus, dass der Autoverkehr in Reutlingen um die rein durchfahrenden Verkehrsteilnehmer reduziert werden kann. Für die zu erwartende Bundesgartenschau sollten wir auch die Bäume am Echazufer als schöne Allee im Sommer erhalten. Die Gartenstraße ist im übrigen die kostengünstigste Variante. Trotz der finanziell angespannten Lage lehnen wir auch Überlegungen, das Projekt gänzlich einzustellen, grundsätzlich ab. Es wird uns voranbringen, sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Luftreinhaltung und dem Lärmschutz. Ein Projekt, das vor vielen Jahren bereits aufgelegt wurde und viele Kosten durch Machbarkeitsstudien, Gutachten, Planungsleistungen, geologische Untersuchungen, Ingenieurleistungen und juristische Beratungen sowie Verwaltungsaufwand durch unzählige Sitzungen in drei Landkreisen und zwei großen Städten verursacht hat, kann und sollte auf keinen Fall gestoppt werden. Im Hinblick darauf, dass auch die Züge bereits gebaut werden, macht das überhaupt keinen Sinn. (GEA)

