REUTLINGEN. Am 16. Dezember soll der Reutlinger Gemeinderat die Trassenführung der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb auf Reutlinger Gemarkung beschließen, dabei steht insbesondere die Innenstadtstrecke im Fokus mit den drei Varianten Garten-, Lederstraße und Alte Honauer Bahntrasse. Nach den Ergebnisse der Standardisierten Bewertung schlägt die Verwaltung die Umsetzung der Gartenstraßen-Trasse vor. Welche Trasse bevorzugen die Bürger, wie stehen sie überhaupt zum Mammutprojekt? Der GEA hat Bürger auf dem Reutlinger Markplatz befragt. Der Andrang war groß, viele gut informierte Bürgerinnen und Bürger hatten dezidierte Meinungen.
Leser-Forum zur Stadtbahn online
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Beate Strehle und Martin Weber sind »eindeutig pro Stadtbahn«. Ihr Favorit ist die Lederstraße, um die südlichen Stadtbereiche besser zu integrieren und den innerstädtischen Autoverkehr zu reduzieren mittels der Reduktion auf Einspurigkeit. Dass die Lederstraßentrasse deutlich teurer kommt, ficht die beiden nicht an: Bei einem solchen Jahrhundertprojekt dürfe man nicht nach den Kosten schauen. Sie könnten allerdings auch mit der Gartenstraße leben: »Hauptsache, es kommt was.«
Wolfgang Locher findet die Stadtbahn gut, ärgert sich aber, wenn sie an den Menschen vorbeifährt – was konkret in Betzingen geschehen werde, wenn man nicht die Wildermuthtrasse realisiere. Durch die Reutlinger City ist die Lederstraße sein Favorit. Vor allem, weil sie reichlich Platz biete, so man denn dem Autoverkehr jeweils eine Fahrspur reduziere. Auch ihn schrecken die Mehrkosten dieser Variante und komplexe Bauten im Bahnhofsbereich nicht: »Wenn Stadtbahn, dann richtig.« Für ihn steht eine Zukunftsentscheidung an, deren Auswirkungen so mancher, der jetzt dagegen spreche, gar nicht mehr erleben werde. »Man sollte nach der Jugend schauen.«
Auch Hans Wucherer hebt diesen Aspekt hervor: »Wir machen die Stadtbahn für die nächste Generation.« Für ihn gehört die Bahn auf die Gartenstraße - aus Kostengründen, aber auch weil sich in ihrer Nähe eine Reihe von Schulen, Praxen und Büros befänden.
Olaf Linkwitz kann sich beide Trassen vorstellen. Die Lederstraße punkte mit der größeren Nähe zum Krankenhaus. Die Gartenstraße liege schön zentral für Einkäufer in der Altstadt. Der Einzelhandel werde sich so oder verändern - je nach Trassenlage. Die Hauptsache für ihn: dass nicht die entlegene Honauer Bahntrasse kommt. »Das wäre der Horror.«
»Honauer Bahntrasse, das wäre der Horror«
Auch Lisa Heller-Busemann sieht die Varianten Garten- und Lederstraße als zielführend an, keinesfalls die Alte Honauer Bahntrasse: »Die Bahn muss an die Menschen ran.« Nur so könne eines der wichtigen Ziele erreicht werden: die Reduzierung des Autoverkehrs. Der Umstieg auf die Schiene werde nur gelingen, wenn das Alternativ-Angebot schnell und fußläufig erreichbar sei.
Peter Schrade möchte, dass das Projekt Stadtbahn abgeblasen wird. »Ich sehe da keinen Sinn drin.« Und: Die Stadt schaue nur auf die Fördergelder. Dass 80.000 Fahrgäste täglich einsteigen, hält er für einen »Witz, eine Fantasiezahl«. Zu oft sehe er die langen leeren Dehnbusse umherfahren. Es fürchtet sich auch vor »10 bis 15 Jahren Baustelle in der Stadt«.
»Wir machen die Stadtbahn für die nächste Generation«
Ein klares »Ja« zur Stadtbahn äußert Carsten Busemann. Er sieht im Vorantreiben des Projekts ein »wunderbares Zeichen der Verkehrswende« in Reutlingen, erwartet Umweltentlastung, Entlastung von Autoverkehr, Innenstadtbelebung und Einzelhandelsstärkung. Aus Kostengründen bevorzugt er die Variante Gartenstraße. Auch seine Sorge ist, dass die Honauer Bahn »als schlechter Kompromiss« aber kleinster gemeinsamer Nenner noch das Rennen macht.
»Ich bin sehr skeptisch«, sagt Adolf Seidel, »das könnte ein Millionengrab werden – wie Stuttgart 21, die Kosten sind nicht abzuschätzen«. Deshalb hätte er sich gewünscht, dass die Bürger gefragt werden, bevor es in Angriff genommen wird. Zwar sei eine Straßenbahn ein gutes Verkehrsmittel, aber auch nicht ungefährlich: »Es passieren viele Unfälle, der Bremsweg ist lang«.
»Das könnte ein Millionengrab werden«
»Ich halte es für großen Schwachsinn:« Bernhard Budke sieht in der Regional-Stadtbahn »die Reaktivierung eines Konzepts aus dem letzten Jahrtausend«. Dabei ist der Architekt und Stadtplaner selbst jahrelang mit dem Zug nach Stuttgart gependelt, kennt also den ÖPNV. Zudem habe er dabei »S 21 von Beginn an verfolgt«. Seine Sorge: »Die Regionalstadtbahn könnte etwas Ähnliches geben.« Sein Tipp: Lieber auf den flexibleren Bus setzen.
Ebenfalls Gegner der Regional-Stadtbahn sind Ewald und Lucrecia Haussmann, die einige Gründe aufzählen: »Es kommen zu viele Kosten auf die Stadt zu, und wir denken, dass diese noch steigen, plus die Folgekosten. Außerdem wird es jahrelang Baustellen geben, ein kleineres Stuttgart 21.« Aber falls gebaut werde, würden sie die Alte Honauer Bahntrasse bevorzugen: »Es geht ja um ein schnelles Vorwärtskommen der Pendler.«
Gespalten ist die Meinung von Dr. Thomas Steinmayer: »Das Projekt ist schon gut, aber ich bin nicht sicher, ob wir es uns leisten können.« Vor allem habe er Zweifel am errechneten Passagieraufkommen. Sollte es jedoch umgesetzt werden, hofft er auf die Alte Bahntrasse. Dort sei zum einen schon alles vorhanden, zum anderen findet er eine schnelle Verbindung das Entscheidende.
Voll und ganz hinter der Regionalstadtbahn steht Gabriele Vollmar, »trotz der Kosten – Autos kosten schließlich auch viel, das rechnet nur keiner aus.« Wie soll sie fahren? »Die Bahn sollte so bequem wie möglich sein«, sagt Vollmar, »sie muss durch die Innenstadt fahren, damit die Leute nicht umsteigen müssen.« Bei der Variante Lederstraße hat sie Sorge, dass die Platanen gefällt werden müssen – »das wäre ein Unding«. Also: Gartenstraße.
»Nur ein Nice-to-have «
Ebenfalls einen positiven Blick auf die Regionalstadtbahn hat Claudia Dietz: »Ich finde es grundsätzlich gut«, betont sie, »auch wenn es viel Geld kostet«. Die gebürtige Stuttgarterin weiß aus ihrer Zeit dort, wie es ist, überall mit der S-Bahn hinzukommen. Klar ist für sie deshalb: »Es muss durch die Stadt gehen und nicht dran vorbei.« In der Lederstraße fürchtet auch sie um den Baumbestand, daher Favorit Gartenstraße.
Anders hingegen die Meinung von Joachim Schulz: »Das könnte man sich schenken, wir haben kein Geld und hauen es raus.« Allerdings wäre auch er für eine Strecke durch die Innenstadt, wenn die Bahn kommt. Mit ein paar Haltepunkten könnte das die Innenstadt beleben. »Also wenn, dann durch die Gartenstraße.«
Dr. Claus Schneider zeigt sich vor allem angesichts der vorgelegten Zahlen skeptisch. »Ich glaube nicht daran, dass diese belastbar sind.« Oft werde die Beharrlichkeit der Autofahrer unterschätzt, er wünscht sich deshalb ein Gegengutachten. Alles in allem sieht er das Projekt als ein »Nice-to-have«, aber eben kein Muss, wobei er zugibt, dass ihm eine »faire Bewertung« schwerfalle.
Klaus-Hinrich Ziehm (78) lebt seit 1973 in Reutlingen, »ich kenne also noch die Straßenbahn in der Wilhelmstraße«. Er habe nie verstanden, weswegen die Straßenbahn abgebaut wurde. »Jetzt hat man so viel Geld, dass man sie wieder aufbaut. Nur braucht man sie heute nicht mehr. Unser ÖPNV ist gut«, kritisiert er die Stadtbahn. »Ich habe gelesen, wer das alles bezahlen soll: Hauptsächlich Land und Bund – doch die sind pleite«.
Der Degerschlachter Peter Schweikert (69) spricht sich mit Blick auf die klammen Kassen »für die Honauer Trasse ohne Listplatz-Schleife« aus. Dies würde »enorm Kosten sparen«. Für Reutlingen wünscht sich Schweikert »nur drei Haltestellen: Südbahnhof, Berufsschulen und Hauptbahnhof«. Der überzeugte Radfahrer betont, »wenn schon die Bahn sein muss, dann so abgespeckt«.
»Das braucht die Welt nicht«
Zwei Schülerinnen sind durch den Spitalhof auf dem Weg zum Friedrich-List-Gymnasium. Pauline (11) meint, »es wäre schön, wenn es eine Bahn geben würde, falls es Glatteis hat. Dann kann ich nicht Rad fahren«. Elisa (11) sagt, »eine Straßenbahn wäre hübsch in der Stadt«. Beide sind sich jedoch einig: »Das Geld sollte man lieber in Schulen stecken. Bei uns sind die Toiletten, Tische und Pinnwände kaputt«.
Bettina Gokenbach (63) ist klar gegen die Stadtbahn. "Das braucht die Welt nicht. Man kann eine Stadt auch verschandeln, etwa die schöne Gartenstraße. Nächstes Gegenargument: "Viel zu teuer alles. Der ganze Unterhalt und so". Die Reutlingerin fragt sich auch, "was die dann mit den ganzen Bussen machen". Schließlich befürchtet sie "ein Verkehrschaos während der Bauzeit".
Die junge Mutter Heike Otto (35) mit Töchterchen Romy (1) im Kindersitz des Fahrrades hat so ihre Zweifel. »Für mich nicht realistisch. 80.000 Passagiere am Tag, damit es wirtschaftlich ist, werden wir nicht erreichen«. Sie fürchtet auch um den kostenlosen Samstagsbus. »Man sollte das Geld lieber in die Senkung der Reutlinger Kindergarten-Gebühren stecken, da wäre den Eltern erheblich mehr geholfen«.
»Ich bin gegen die Innenstadtvarianten. Egal ob Leder- oder Gartenstraße. Ich bin für die alte Bahntrasse«, sagt Peter Müggenburg (71). Die Pfullinger hätten eine kluge Trassenentscheidung gefällt. »Die Bahn muss einen Zeitvorteil haben«, begründet er seine Aussage. Daneben hat er seine Zweifel an den geplanten Fahrgastzahlen, die seien viel zu hoch angesetzt. »Ich glaube schon, dass die versuchen, das Projekt umzusetzen. Für mich gibt es noch viele offene Fragen«, betont Müggenburg.
Felicitas Metzger (77) hat eine klare Meinung: »Bei unserem Sanierungsstau ist ein schienengestütztes Regionalbahnsystem der finanzielle Wahnsinn«. Die Dame ist sich sicher, »das Fahrgastaufkommen von der Alb ist viel zu gering für eine solche Investition«. Sie spricht sich klar für einen weiteren Ausbau des ÖPNV in der Region aus, »aber nicht mit der Schiene«.
Karl-Heinz Krauß und Florian Müller geben ihr Statement für die Oststadt-Initiative Ilos ab. Klarer Favorit: die Gartenstraße. Die Trasse sei die beste für die Oststadt, in Bezug auf ihre Bau- und Folgekosten auch die für Gesamtstadt. Die Stadtbahn insgesamt sei ein »zukunftsweisenden Projekt für Reutlingen und die Region. Es entlastet die Straßen und ermöglicht die Aufwertung des öffentlichen Raums.«
»Ein finanzieller Wahnsinn«
Auch Ernst Wittel ist Betzinger und Befürworter der Wildermuthtrasse. »Mehr Fahrgäste, mehr Akzeptanz«, sagt er. »Zudem eine Haltestelle mehr.« Er kritisiert den Umgang der Stadtbahn-Planer und der Verwaltung mit der Kosten-Transparenz. »Man muss doch bei jedem Bauprojekt ein Risiko einpreisen«, befindet er. Das sei bei der Stadtbahn bislang nicht ausreichend geschehen.
»Ich war anfangs absolut für die Stadtbahn«, sagt die Betzingerin Bettina Gekeler. »Aber was nun passiert ist absolut nicht vertrauensbildend.« Sie kritisiert schlechte Kommunikation in puncto Eingriff in Privateigentum, die hohen Kosten - und die Priorisierung der Stadt. »Meine Kinder gehen auf städtische Gymnasien«, sie würden den dort herrschenden Sanierungsstau täglich am eigenen Leib erleben.
Der Reutlinger Jürgen Heinrich positioniert sich gegen die Stadtbahn: »Ich sehe das aus Kostengründen absolut kritisch, weil wir pleite sind. Außerdem: Wer trägt am Ende die Verantwortung? Siehe Stuttgart 21 und Berliner Flughafen.«
»Die Gomaringer Spange macht keinen Sinn«
Differenziert blickt der 78-jährige Reutlinger Reinhard Willenberg aufs Projekt: »Die Bahn durchs Echaztal auf die Alb macht absolut Sinn«, findet er. Die Gomaringer Spange dagegen nicht. »Die Gomaringer sind nach Tübingen orientiert, das sieht man schon jetzt in den Bussen. Das werden zu wenige Menschen nutzen«, prophezeit er. Auch die Reutlinger Innenstadtstrecke findet er nicht gut. »Menschen, die weit abseits der Strecke leben, werden das nicht nutzen.«
Sabine Reichel hält ein klares Plädoyer für die Stadtbahn: »Mut machen, statt meckern!« Ihr Favorit ist die Gartenstraßen-Trasse, »das bietet die beste Anbindung an den Bahnhof«. Sie sieht's als Investition in die Zukunft: »Wenn wir nie Geld in die Hand nehmen, geht's auch nie voran.« Und der kostenfreie Samstag im Busverkehr sei »jetzt schon der Hit«.
»Ich finde die Gartenstraße jetzt als Busachse schon gut«, sagt Carolin Bleher. Deshalb favorisiert sie die Stadtbahn auf dieser Strecke. »Jugendliche müssen gut an die Stadt angebunden werden«, sagt die Mutter zweier Kinder. »Ich denke, dass sie die Bahn eher nutzen würden als den Bus.« Sie gibt aber auch zu bedenken, dass man andere Baustellen nicht aus dem Blick verlieren darf: Stichwort Sanierungsstau in den städtischen Schulen.
»Mut machen statt meckern«
Herbert Maier wünscht sich die Stadtbahn auf der Alten Honauer Bahntrasse. "Die ist noch gewidmet - das birgt einen enormen zeitlich Vorteil. Die Baumaßnahmen würden hier auch nicht die ganze Stadt für Monate und Jahre lahmlegen. Ja, sie liege abseits vom Zentrum - "aber das ist alles nur eine Frage der guten Anbindung mit Bussen beispielsweise."
»Reutlingen ist eine klassische Einpendlerstadt«, sagt Achim Wurst. Deshalb sei die Stadtbahn wichtig und angebracht. »Ich sehe die Vorteile der Gartenstraße - aber dann muss wirklich der Durchgangsverkehr raus.« Auch müsse dann unbedingt die Ampelschaltung noch mehr für ÖPNV priorisiert werden. (awe/igl/kk/zen)






