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Was ein Reutlinger in Nähe der Wolfsschanze erlebte

Zeitzeuge des Zweiten Weltkrieges: Der Reutlinger Heinz-Ulrich Schipper wuchs in der Nähe der Wolfsschanze auf. Der 94-Jährige erinnert sich noch genau an Begegnungen mit der Entourage von Nazigrößen

Heinz-Ulrich Schipper, 94, mit Dokumenten aus Ostpreußen.
Heinz-Ulrich Schipper, 94, mit Dokumenten aus Ostpreußen. Foto: Stephan Zenke
Heinz-Ulrich Schipper, 94, mit Dokumenten aus Ostpreußen.
Foto: Stephan Zenke

REUTLINGEN. Er sieht die Gegenwart verschwommen, aber die Vergangenheit glasklar. Die Augen schwächeln, der Geist ganz und gar nicht. Wenn Heinz-Ulrich Schipper erzählt, was er in 94 Jahren so alles erleben musste und durfte, kommt einem das eigene Dasein reichlich belanglos bis langweilig vor. Schippers Biografie ist eine Reise an Orte, die traurige Weltgeschichte geschrieben haben, bis zur äußerst bewegten Karriere in Reutlingen. Aus Pappschachteln und Mappen zieht er Schwarz-Weiß-Fotos, Landkarten, Zeugnisse und viele Ausweise, die alles dokumentieren. Die ersten Jahrzehnte seines Lebens ist er in Sensburg zu Hause. Nur wenige Menschen kennen diese Kreisstadt in Ostpreußen. Im kollektiven Gedächtnis erhalten hat sich aber der Tarnname Wolfsschanze für Adolf Hitlers Führerhauptquartier, 34 Kilometer von Sensburg entfernt und ein dem jungen Schipper durchaus bekannter Ort.

Kommissbrote für die Wehrmacht

Sein Onkel Fritz wohnte ganz in der Nähe in Masehnen. Vater Albert liefert als Bäckermeister täglich hunderte Kommissbrote an die Wehrmacht. Da ist der kleine Heinz-Ulrich ein Bub mit drei Brüdern. Einer, der sich bis in die Gegenwart präzise an weitere Begegnungen mit der Entourage von Nazigrößen erinnern kann. »Die Leibwache von Luftwaffengeneral Hermann Göring kam einmal die Woche zu uns in den Laden, um Brot und Kuchen abzuholen. Die hatten Luftwaffenuniformen an. Ich war 13, die alle um die 20«, sagt er. Was diese Nazis für Verbrecher und Massenmörder sind, das ist dem jungen Menschen unbekannt - ihm gefallen die Luftwaffenuniformen, »goldene Vögel mit weißen Spiegeln am Kragen«. Seine Eltern und die ganze Familie haben in diesen Jahren noch das Glück, weit entfernt von den Schrecken des Krieges leben zu dürfen.

Das hätte auch ganz anders laufen können. Als Reservist wird sein Vater 1939 zu einer Militärübung eingezogen. Als der Senior zwischendurch kurz nach Sensburg kommen kann, meint er zu den Daheimgebliebenen: »Ich glaube, das wird eine längere Übung«. Womit er Recht behält, denn am 1. September 1939 überfällt die Wehrmacht des nationalsozialistischen Deutschlands das Nachbarland Polen - der Zweite Weltkrieg beginnt. Albert Schipper, erinnert sich sein Sohn, musste als Spieß in der Versorgungskompanie »nicht kämpfen«. Beim Frankreichfeldzug ist Schipper-Senior noch dabei, aber dem Angriff auf die Sowjetunion entrinnt er durch gute Beziehungen und seinen Beruf.

Der Krieg ist lange weit entfernt

»Weil Vater fürs Militär Brot gebacken hat«, schreibt der Bürgermeister Albert Schipper unabkömmlich. Der »Status UK« ist viele Jahre eine Art Lebensversicherung. »Krieg war keiner bei uns«, sagt Sohnemann Heinz-Ulrich Schipper heute am Esstisch seiner Reutlinger Wohnung. Bilder zeigen sowohl die Bäckerei und Konditorei Schipper mit der Adresse »Großer Markt 2« als auch ihn auf dem Fahrrad. Das große Unglück trifft den kleinen Jungen 1941, als seine Mutter auf dem Bahnhof tödlich verunglückt. Der Vater heiratet erneut.

Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad sowie sein polnischer Führerschein liegen auf der Karte mit seiner Hei
Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad sowie sein polnischer Führerschein liegen auf der Karte mit seiner Heimatstadt Sensburg. Foto: Stephan Zenke
Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad sowie sein polnischer Führerschein liegen auf der Karte mit seiner Heimatstadt Sensburg.
Foto: Stephan Zenke

Was der in diesen Jahren laufende Ostfeldzug der Wehrmacht bedeutet, bekommt Schipper-Junior erst 1941 mit. Russische Kriegsgefangene werden durch Sensburg getrieben. Auf einer Wiese in der Nähe der elterlichen Bäckerei sieht er, »wie die auf dem Misthaufen Kartoffelschalen sammelten«. Entsetzen macht sich bei ihm breit. »Ich habe einige Brote über den Zaun geworfen. Dann kamen Parteibonzen, brachten die Polizei mit. Die haben mich verhaftet, denn ein deutscher Junge füttere keine Sowjetsoldaten«, berichtet er. Weil sein Vater selbst einmal Polizist war, kommt er schnell wieder frei.

Ein Rotarmist erschießt den Vater

Im Januar 1945 hat die Rote Armee Ostpreußen erreicht. Er und sein Vater bleiben dennoch, während Teile der Familie in Richtung Westen fliehen. Als ein Rotarmist das Elternhaus betritt - »der wollte meine Stiefmutter vergewaltigen« - wird Ehemann Albert Schipper erschossen. »Die Brieftasche mit den Einschusslöchern der Kalaschnikow bewahren wir bis heute auf«, sagt sein Sohn. Als dann noch das Hotel Masovia neben der Bäckerei brennt, flüchten auch Heinz-Ulrich und seine Stiefmutter mit Familie und Nachbarn vor den Russen, »bei minus 22 Grad«. Er und ein anderer Junge brechen ein Wochenendhaus auf, um sich zu verstecken. »Meine Oma und die Tante saßen zwei Tage und Nächte ohne Heizung, Essen und Trinken in der Leichenhalle«, erzählt er weiter.

Ein Jahr nach Kriegsende, Ostpreußen ist unter polnischer Verwaltung, macht er eine Zimmererlehre. »Nebenbei war ich nächtelang Fischer, damit wir etwas zu essen hatten«. Er lernt Polnisch, macht die mittlere Reife und findet wie viele andere Deutsche schnell eine Arbeit. Als Bauleiter ist er Handwerker bei der polnischen Armee. Viel wichtiger als der Posten ist in der Nachkriegszeit etwas anderes: »Ich durfte im Offizierskasino essen gehen«. Als sich die Stimmung im Land gegen die deutschen Bevölkerungsteile wendet, wirft ihn das Militär raus. Heinz-Ulrich Schipper verdient seinen Lebensunterhalt in der Inkassoabteilung für eine Landmaschinenfirma sowie später bei einer Sensburger Baufirma.

Als Heimatvertriebener in die DDR

Am 26. August 1956, dieses Datum geht ihm flüssig über die Lippen, kommt er als »Heimatvertriebener mit Flüchtlingsausweis A« in Potsdam an. Wieder findet er schnell eine Anstellung, diesmal bei der Bauunion der DDR. Es gelingt ihm, nach über einem Jahrzehnt, seine Stiefmutter und die Brüder in Hamburg wiederzusehen, er kehrt aber nach dem Besuch zurück in den Arbeiter- und Bauernstaat. Doch dann soll er beim Aufbau des »VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe« helfen. Das gigantische Kombinat dient der Energieversorgung der DDR. Doch darauf hat Schipper keine Lust, »zwei Tage später war ich in West-Berlin«. Von dort aus geht es über Hannover und das Grenzdurchgangslager Friedland nach Reutlingen. Weil er dort einen Bekannten hat, der ihn im heutigen Carlo-Schmid-Haus unterbringen kann.

Karriere in Reutlingen gemacht

Jetzt beginnt eine Karriere auf Baustellen und in diversen Architektenbüros, die atemberaubend wirkt. Erst kann Schipper als Zimmerer arbeiten. Am bis in die Gegenwart hinein zu sehenden ausgebauten Dach des Carlo-Schmid-Hauses ist er beteiligt. Im Oktober 1958 beginnt er sein Studium an der Staatsbauschule Stuttgart, das ihn zum staatlich geprüften Bauingenieur macht. Dann folgen im Abstand von wenigen Jahren Anstellungen bei namhaften Architekten. Unter anderem ist er Mitarbeiter von Eugen Riehle, dessen Sohn Wolfgang, bis heute ebenfalls ein höchst geschätzter Architekt, »saß damals hin und wieder auf meinem Schoß«.

Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad  liegt  auf der Karte mit seiner Heimatstadt Sensburg.
Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad liegt auf der Karte mit seiner Heimatstadt Sensburg. Foto: Stephan Zenke
Das Foto des jungen Heinz-Ulrich Schipper auf dem Fahrrad liegt auf der Karte mit seiner Heimatstadt Sensburg.
Foto: Stephan Zenke

»Alle zwei bis drei Jahre eine neue Baustelle«, sagt Schipper schmunzelnd. Sein letzter Arbeitgeber ist dann zwei Jahrzehnte lang das Staatliche Hochbauamt. Im Privaten heiratet er 1963 seine geliebte Edith. Das Paar bekommt eine Tochter und einen Sohn. Heute freut sich der Urgroßvater über mittlerweile fünf Enkel. Seine älteste Enkelin Helen meint mit ihren 22 Jahren öfters, »Opa, reiß dich am Riemen, du musst 100 werden«. Gefragt, was ihn durchs Leben getragen hat, sagt er nur einen Satz: »Geht nicht, gibt's nicht. Es geht immer - man muss nur wollen«. (GEA)