REUTLINGEN. Für Christa und Georg Henrich gibt es diesbezüglich kein Vertun: Ließe sich das Rad der Geschichte um drei Dekaden zurückdrehen, würden sie ihre berufliche Zukunft abermals in der Hausmeister-Branche suchen. Denn dieser Job war für die heute 61-Jährige und ihren fünf Jahre älteren Mann entschieden mehr als bloßer Broterwerb. Mit Herzblut sind sie ihm nachgegangen. Mit Akkuratesse, Anspruch und Verlässlichkeit. Kurz: mit einem Engagement, das - wie Insider sagen - weit über das hinausgeht, was von dienstbaren Geistern an kommunalen Schulen erwartet werden kann.
Dabei war's für beide »nur« eine Berufung im zweiten Anlauf. Allerdings eine äußerst nachhaltige. Worüber die Henrichs »sehr dankbar« sind. Ist es doch keine Selbstverständlichkeit, auf ein erfülltes und obendrein geglücktes Berufsleben zurückblicken zu dürfen. »Das ist nicht jedem vergönnt«, wissen die Beinahe-Rentner.
Seit 1999 mit Leib und Seele am AEG
Nur noch wenige Tage trennen das Hausmeister-Ehepaar, das seit 1999 im und ums Reutlinger Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) mit Leib und Seele tätig war, vom neuen Lebensabschnitt. Ob sich die Henrichs darauf freuen? Durchaus. Wiewohl beiden klar ist, dass da ein enormer Einschnitt auf sie zukommt: raus aus der Trubeligkeit einer über tausend Schüler zählenden Bildungseinrichtung und rein in die Zweisamkeit des Ruhestands, der für sie indes alles andere als Stillstand bedeutet. Einbringen wollen sie sich und ihre Talente nämlich weiterhin - innerfamiliär bei der Enkelbetreuung und ehrenamtlich im kirchlichen Gemeindeleben. »Langweilig wird es uns garantiert nicht werden«, sind sich die Eheleute sicher. Wiewohl ihnen das AEG »fehlen wird«. Also, weitgehend. Denn auf eines können die Rentner in spe locker verzichten: auf die mit ihrem Arbeitsalltag verbundene 7/24-Rufbereitschaft.
Sie nämlich war zuweilen anstrengend. Obschon »wir mit diesem Rund-um-die-Uhr gut leben konnten« - nachdem sich der ausgebildete Schlosser und die gelernte Chemielaborantin anno 1996 dazu entschlossen hatten, beruflich umzusatteln. Zwei kleine Söhne galt es damals, liebvoll zu versorgen. Was einem logistischen und finanziellen Kraftakt gleichkam. Denn die Kinder brauchten - mangels lückenloser professioneller Betreuungsmöglichkeiten - ihre Mutter. Und die Familie als Ganzes brauchte ein zweites Einkommen, um nicht jeden Cent mehrmals umdrehen zu müssen.
Erst Wink des Schicksals, dann Sprung ins eiskalte Wasser
Vor diesem Hintergrund kam für Christa und Georg Henrich die Ausschreibung einer kommunalen Hausmeisterstelle einem Wink des Schicksals gleich. Wiewohl dieser für sie zunächst zum Sprung ins eiskalte Wasser geraten sollte. Vollzogen wurde er bei Dienstantritt an der Jos-Weiß-Schule und folgte dem Prinzip »Learning by Doing«. Denn von einer geordneten Arbeitsübergabe durch erfahrene Vorgänger konnten die frisch gebackenen »Facility Manager« allenfalls träumen.
Nichtsdestotrotz krempelte das Duo die Ärmel hoch und fuchste sich zügig in Anforderungen und Strukturen rein, hatte den »Laden« binnen Kurzem im Griff und hielt ihn souverän am Laufen. Und zwar so lange, bis den Henrichs ob ihrer überzeugenden Leistungen eine neue Herausforderung angedient wurde: die Hege und Pflege des AEG.
Strammes Programm mit Schrubber und Schraubzwinge
Seither kümmert sich Georg Henrich um den technischen Bereich des Bildungsbetriebs an der Rommelsbacher Straße: »um Heizung und Lüftung«. Er ist Bindeglied zwischen kommunalem Gebäudemanagement und Schule sowie erster Ansprechpartner für Handwerker aller Art. Selbstverständlich erledigt er überschaubare Reparaturen auch in Eigenregie und säubert den Pausenhof. Derweil seine Frau Verwaltungs-, Lehrer- und Klassenzimmer, Sanitärbereiche, Korridore und Gemeinschaftsräume in Schuss hält.
Uiuiui, das ist stramm - und nur mit externer Unterstützung zu schaffen, wie die 61-Jährige betont. »Zur Seite stehen mir fünf Putzhilfen«, erklärt sie. Hinzu kommt ein Fensterreinigungsservice. Dessen ungeachtet sei ihr das G’schäft aber niemals ausgegangen. Denn tausend und mehr Menschen hinterlassen nunmal tausend und mehr Spuren. Sogar dann, wenn sie nicht mutwillig mit Müll um sich werfen.
Das tun sie offenbar auch nicht. Zumal Christa und Georg Henrich zeit ihres AEG-Engagements ein ebenso herzliches wie strenges Regiment führten. »Bei uns gibt es klare Ansagen«, so die Hausmeisterin. »Wenn mir etwas gegen den Strich geht, dann halte ich damit nicht hinterm Berg.« Beispielsweise als sie einige Gymnasiasten dabei ertappte, wie sie im Aufenthaltsraum auf Esstischen rumhockten und zu allem Übel auch noch ihre in Straßenschuhen steckenden Füße auf den Sitzflächen von Stühlen abstützten. Hallo? Geht’s noch?!
Derlei Flegeleien sind Christa Henrich ein Dorn im Auge. »Das ist unhygienisch. Und das habe ich denen direkt, aber trotzdem nett gesagt. Genau so, wie ich es meinen eigenen Kinder gesagt hätte.« Ergebnis: ein Teil-Erfolg. Als die Demnächst-Ruheständlerin nämlich jüngst an besagtem Gemeinschaftsraum vorbeilief, verlagerten sich sämtliche »Tischhocker« schwuppdiwupp auf die Stühle, guckten knuddelig und winkten. Das schlechte Gewissen, so viel steht fest, guckte und winkte in diesem Moment mit. Fazit: Botschaft angekommen, allerdings noch nicht vollständig verinnerlicht.
Wunderschöne Wiedersehensfreude
Christa Henrich schmunzelt. Für sie sind es solche Augenblicke, die das Berufsleben bereichern. Ebenso wie jeder Schuljahresbeginn, wenn nach den Sommerferien die Schülermassen ins Gebäude zurückströmen. »Diese große Wiedersehensfreude ist wunderschön.« Auch deshalb, weil es ein ums andere Mal Veränderungen zu bestaunen gibt: Die einen Schüler sind in die Höhe geschossen, andere haben sich Haare oder Bart wachsen lassen, wieder andere Make-up und Lippenstift entdeckt ... »Das zu beobachten, macht Spaß.«
Ganz und gar nicht spaßig hingegen: der 12. September 2007, der Georg Henrich bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben ist. Gegen 3 Uhr in der Früh war’s, als im Albert-Einstein-Gymnasium Feuer ausbrach. Flammen loderten im Fachbereich Chemie, die Wehr rückte - dank innovativer und kurz zuvor installierter Meldeanlage - selbsttätig an.
Technischer Defekt, keine Brandstiftung
»Ursache des Brandes dürfte ein technischer Defekt gewesen sein. Brandstiftung lag gottseidank keine vor. Aber der Sachschaden durch das Feuer, den Rauch und die Löschmittel hatte es in sich.« Was folgte war eine Kugelfuhr', die sämtliche Hausmeisterroutinen durcheinanderwirbelte. Denn die betroffenen Bereiche mussten komplett leer geräumt und bis zum Rohbau rückgebaut werden. Kosten: 500.000 Euro.
Apropos Kosten. Haben sich die städtische Sparzwänge der jüngeren Vergangenheit negativ auf den Hausmeister-Alltag im Albert-Einstein-Gymnasium ausgewirkt? Antwort: ja. Wiewohl Georg Henrich mit keiner Silbe darüber klagen möchte, dass mittlerweile mehr geflickt als erneuert wird und er neben Facility- längst auch Mangel-Management betreiben muss(te).
Wichtig: Geregelte Übergabe
Eine Rotstift-Konsequenz, die seine Nachfolger von Anbeginn zu spüren bekommen werden. Aber erstens dürfte denen der dürftige Füllstand des Stadtsäckels bekannt sein und zweitens bleibt ihnen zumindest jener Sprung ins eiskalte Wasser erspart, der Christa und Georg Henrich einst zugemutet worden war. »Diese unangenehme Erfahrung wünschen wir niemandem. Deshalb ist uns eine geregelte Übergabe wichtig.«
Dafür setzen sich beide übrigens aus freien Stücken ein. Was definitiv beweist, dass das, was Insider über die scheidenden Hausmeister sagen, zutrifft: Ihr Engagement ging und geht weit über Erwartbares hinaus. Akkuratesse, Anspruch und Verlässlichkeit sind ihnen bis zum letzten Meter ihrer beruflichen Laufbahn treue Weggefährten geblieben. (GEA)


