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Warum der Löwen in Sickenhausen seit 25 Jahren läuft

Dirk Maier und Frank Sautter übernehmen im Jahr 2000 das alte Gasthaus für 99 Jahre in Erbpacht. Mittlerweile steht ein Verein hinter dem Projekt - und die Löwen-Freunde sind weiter voller Tatendrang. Rückblick auf ein Vierteljahrhundert Kulturkneipe.

Engagiert und darum bemüht, dass der Löwen in Sickenhausen weiterbestehen kann (von links): Michael Brucklacher, Elke Döttinger,
Engagiert und darum bemüht, dass der Löwen in Sickenhausen weiterbestehen kann (von links): Michael Brucklacher, Elke Döttinger, Dirk Maier, Günter Reicherter und Frank Sautter. Foto: Kathrin Kammerer
Engagiert und darum bemüht, dass der Löwen in Sickenhausen weiterbestehen kann (von links): Michael Brucklacher, Elke Döttinger, Dirk Maier, Günter Reicherter und Frank Sautter.
Foto: Kathrin Kammerer

REUTLINGEN-SICKENHAUSEN. Alles ist schlicht, ohne großen Schnickschnack. Und trotzdem kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn man sich im Löwen in Sickenhausen mal genauer umschaut. An den holzgetäfelten Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos vom alten Gasthaus und den alten Wirten. Ganz einfache Holz-Tische werden von ebenso einfachen Holz-Stühlen umrahmt. Bierkrüge mit Snack-Stängeln auf dem Tisch, ein uriger Ofen - und auch die Lampen, die von der Decke hängen, haben schon einige Jahre auf dem Buckel. Im Gang hängt eingerahmt eine ziemlich alte Speisekarte, an der der Zahn der Zeit sichtbar genagt hat. Rostbraten mit Röstkartoffeln und Salat? 5 Mark. Ein Pärchen Bratwurst mit Salat? 3,20 Mark. Reisen in eine längst vergangene Wirtshaus-Zeit, die so vermutlich auch nie wiederkommen wird: Im Herzen von Sickenhausen ist's möglich. Und das ist maßgeblich Dirk Maier und Frank Sautter zu verdanken.

Die beiden sind 27 und 30 Jahre alt, als sie den Löwen im Jahr 2000 auf 99 Jahre in Erbpacht übernehmen. Das Gasthaus in der Eichgartenstraße ist mindestens 150 Jahre alt. Eigentümerin Marianne Töpfer aus Rommelsbach ist die Enkelin eines einstigen Wirtes und dazu auch noch die ehemalige Kindergärtnerin von Maier und Sautter. Werden die Sickenhäuser das Angebot annehmen? Wird der Löwen laufen? Die beiden jungen Männer wissen es damals nicht - und wagen den Sprung ins Unbekannte. Mit Erfolg!

»Die letzten Jahre sind wir auf Null rausgekommen«

Heute, 25 Jahre später, gibt's die Kultkneipe noch immer. Mittlerweile steht ein Verein dahinter, circa 200 Mitglieder sichern mit ihren Jahresbeiträgen - 15 Euro pro Einzelperson, 20 Euro pro Familie - den Fortbestand des Gasthauses maßgeblich mit. Denn reich wird man mit der Kulturkneipe nicht, »die letzten Jahre sind wir immer so auf Null rausgekommen«, sagt Maier. Und auch wenn das Interieur weit entfernt von Luxus ist - Neuanschaffungen stehen auch hier immer wieder an. Und die müssen bezahlt werden.

Da ist ihr Projekt fünf Jahre alt: Dirk Maier (rechts) und Frank Sautter 2005 an der Theke im Löwen.
Da ist ihr Projekt fünf Jahre alt: Dirk Maier (rechts) und Frank Sautter 2005 an der Theke im Löwen. Foto: Markus Niethammer
Da ist ihr Projekt fünf Jahre alt: Dirk Maier (rechts) und Frank Sautter 2005 an der Theke im Löwen.
Foto: Markus Niethammer

In den ersten Jahren hat der Löwen jeden Tag geöffnet. Eine Mammutaufgabe für Maier, Sautter und ihre Mitstreiter - schließlich arbeiten alle hauptberuflich in anderen Jobs. Anfangs sind noch Bedienungen angestellt, später stemmen die Vereinsmitglieder alles alleine. »Noch bis Corona hatten wir jeden Tag geöffnet, außer Mittwoch«, erinnert sich Elke Döttinger. Doch Lockdowns und Pandemie-Folgen lassen die Besucherzahlen einbrechen.

Heute hat der Löwen nur noch freitags geöffnet. Am ersten Freitag im Monat findet »Vesper & Bier« statt. Der einzige Tag, an dem noch Essen zubereitet wird, meistens deftige, einfache Kost. Anmelden muss man sich übers »Eventhandy«, das wandert jeden Monat zu einem anderen Verantwortlichen. Werbung macht der Verein über Whatsapp-Status, Facebook und Mund-zu-Mund-Propaganda. Pragmatisch und auf möglichst viele Schultern verteilt: Nach diesem Credo arbeitet der enge Kreis der Löwen-Freunde seit vielen Jahren zusammen. Als Maier und Sautter den Vertrag mit der Brauerei kündigen, nur wenige Jahre nach ihrem Start im Löwen, demontiert diese anschließend die Theke. Die Suche nach einem Ersatz führt Maier schließlich in den Osten: In Leipzig holt er höchstpersönlich eine Theke ab, für die er nur 500 Euro bezahlt, der Online-Verkaufsplattform Ebay sei Dank. Als eine Rommelsbacher Bäckerei schließt, ergattern die Sickenhäuser deren drei Tonnen schweren Ofen, aus den Restbeständen der Gaststätte Falken in Reutlingen stammen Bänke. Und so weiter, und so weiter.

»Nur Gastro alleine trägt sich nicht«

Trotz solcher Schnäppchen muss der Verein penibel auf die Finanzen schauen. »Nur Gastro alleine trägt sich nicht«, sagt Maier. Deshalb vermieten er und Sautter die Wohnung über dem Löwen an eine Familie, ein weiteres Zimmer an den TSV Oferdingen, der dort Dart spielt. »So wird das finanzielle Risiko kleiner.« Als Maier und Sautter noch Kinder waren, saßen die Rommelsbacher Gäste im Löwen an einem eigenen Tisch, von den Sickenhäusern spöttisch »Seckel-Tisch« genannt. Von Animositäten zwischen den Nordraum-Gemeinden ist heute im alten Gasthaus nichts mehr zu spüren: Aus der ganzen Umgebung kommen mittlerweile Leute, erzählen die Vereinschefs. Sogar aus München stammen Mitglieder des Fördervereins. »Die waren halt einmal, oft zu einem Fest, hier, und fanden es so toll, dass sie Mitglied geworden sind«, sagt Maier.

Der Freitag ist für den Gasthaus-Betrieb geblockt, an allen anderen Tagen kann man den Löwen mieten. 2012 stößt Michael Brucklacher zum Team dazu. Er hat sich das Bierbrauen hobbymäßig selbst beigebracht - und tut es seitdem auch für den Löwen. Nicht viele Dorfkneipen können mit eigenem Bier punkten.

»Ich möchte das hier am liebsten nochmal 25 Jahre machen«

Eigentlich alles perfekt, oder? »Es ist halt wie in jedem Verein: Uns fehlen die Aktiven«, sagt Günter Reicherter, der neben seiner Thekentätigkeit im Verein auch für allerlei andere Sonderaufgaben zuständig ist. Er entwirft und druckt Speisekarten und Eventplakate, kümmert sich maßgeblich um die Beschaffung von besonderen Kuriositäten für die Kulturkneipe. Auch wenn man den Vereinsmitgliedern den Spaß anhört und ansieht - ohne helfende Hände geht eben nichts. »Die Zeiten haben sich gewandelt - ein Selbstläufer ist es leider nicht mehr«, sagt Frank Sautter. Der Verein versucht neue Unterstützer zu locken. Und die haben durchaus Vorteile, sagt Maier: Vereinsmitglieder dürfen einmal pro Jahr den Stall, den hinteren Gastraum, kostenlos mieten. Neben den zwei Indoor-Gasträumen haben die Ehrenamtlichen im Laufe der Zeit auch noch einen kleinen und schlichten Biergarten auf der Rückseite des Hauses realisiert.

Erinnerung an alte Wirtshaus-Tage: Diese Speisekarte, die im Gang des Löwen hängt.
Erinnerung an alte Wirtshaus-Tage: Diese Speisekarte, die im Gang des Löwen hängt. Foto: Kammerer
Erinnerung an alte Wirtshaus-Tage: Diese Speisekarte, die im Gang des Löwen hängt.
Foto: Kammerer

Und sie freuen sich jetzt riesig aufs Viertjahrhundert-Jubiläumsfest am ersten Augustwochenende - und aufs Vehikel-Treffen, das am 3. August zu diesem Anlass auf dem Festplatz in Sickenhausen stattfindet. »Die Arbeit im Löwen macht so unglaublich Spaß«, resümiert eine gut gelaunte Elke Döttinger am Ende des Gesprächs mit dem GEA. »Ich möchte das hier am liebsten nochmal 25 Jahre machen!« (GEA)

Jubiläumsfest und Vehikel-Treffen

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das 25-jährige Jubiläum des Löwen gemeinsam mit den Mitgliedern des Vereins »Erhalt alter Gasthaustradition« zu feiern. Zum einen am Samstag, 2. August, beim alljährlichen Hoffest: Beginn ist beim Löwen um 17 Uhr, es gibt unter anderem Spanferkel und Salate.

Am Sonntag, 3. August, wird's dann in doppelter Hinsicht nostalgisch: Um 11 Uhr beginnt das vom Verein organisierte Vehikeltreffen auf dem Sickenhäuser Festplatz. Schicke Oldtimer sind gefragt, genauso wie neue Fahrzeuge. »Egal ob Auto, Motorrad, Traktor, Fahrrad oder Mofa: Wir freuen uns über jedes außergewöhnliche Vehikel«, heißt es in der Ankündigung des Vereins. Die orginellsten Gefährte und Piloten werden prämiert, Übergabe der Urkunden um 16 Uhr. Die Narrenzunft Sickenhausen bewirtet.

Wer mit seinem Gefährt zum Treffen kommen will, muss sich anmelden, damit genügend Parkplätze zur Verfügung gestellt werden können. Mehr Infos zur Anmeldung gibt's unter info@loewen-sickenhausen.de. Über diese Mail-Adresse kann man übrigens auch Mitglied im Verein werden. (kk)