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Aktuell Warnstreik

Warnstreik für mehr Lohn und Anerkennung

REUTLINGEN. 800 Beschäftigte von Sozial- und Erziehungsdiensten aus Reutlingen und Tübingen nahmen gestern an einem Warnstreik der Gewerkschaft Verdi teil, 600 kamen zur Kundgebung auf den Reutlinger Marktplatz. Verdi will eine Verbesserung der Eingruppierung der Beschäftigten erreichen, die in der Wirkung eine Erhöhung von durchschnittlich zehn Prozent bedeutet. »Angesichts gestiegener Anforderungen und anspruchsvoller Ausbildungen soll es in der Tarifrunde um eine Aufwertung gehen«, so ein Gewerkschaftssprecher.

Marsch Richtung Innenstadt: 600 Sozialarbeiter und Erzieher gingen gestern für mehr Lohn auf die Straße. GEA-FOTO: MARKUS NIETHA
Marsch Richtung Innenstadt: 600 Sozialarbeiter und Erzieher gingen gestern für mehr Lohn auf die Straße. Foto: Markus Niethammer
Marsch Richtung Innenstadt: 600 Sozialarbeiter und Erzieher gingen gestern für mehr Lohn auf die Straße.
Foto: Markus Niethammer

2 600 Kinder ohne Betreuung

Mit Trillerpfeifen und Transparenten zogen die Streikenden um die Mittagszeit vom Streiklokal im franz.K durch die Wilhelmstraße vor das Rathaus, wo sie ihrem Ärger lautstark Luft machten. »Ich hoffe, die Oberbürgermeisterin hört uns«, sagte Verdi-Sprecher Martin Gross. Am Streiktag waren 53 Kindertageseinrichtungen in Reutlingen ganztägig geschlossen.

Unter den Streikenden waren zahlreiche Erzieherinnen, aber auch Sozialpädagogen, unter ihnen Sabine Schultheiß-Wirsum vom Jugendamt des Landratsamts. Sie beklagte die schleichende Entwertung ihres Berufsstandes. »Wir brauchen eine hohe fachliche Qualifikation und sind bereit, in diese zu investieren, aber die entsprechende Bezahlung bekommen wir nicht.« Eine Teilzeitkraft mit 50 Prozent erhalte 700 bis 800 Euro netto.

Suse Wizgall-Lawan aus Reutlingen, seit 40 Jahren Erzieherin, hält ihren Beruf in der Gesellschaft für unterbewertet. »Wir fördern und begleiten Jugendliche und geben ihnen Bildung. Doch unser Arbeitgeber bezahlt uns seit vielen Jahren unter Wert.« Ähnlich äußerte sich ihre Kollegin Andrea Schühle aus Tübingen. »Die Kluft zwischen dem, was die Öffentlichkeit von uns fordert und dem, was sie bereit ist, uns zu geben, ist riesig.«

Reiner Müller, Heilerziehungspfleger in Rappertshofen, beschrieb die ständig steigenden Anforderungen seiner Kollegen in der Behindertenhilfe. Man dürfe die Aufgaben nicht zum Sparprogramm machen. »Wir haben diesen Beruf gewählt, weil wir Menschen mit Beeinträchtigungen ein gutes Leben mit ihren Mitmenschen ermöglichen wollen.«

Von dem Warnstreik waren beinahe alle städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen mit 2 600 Kindern betroffen. Der Gesamtelternbeirat Reutlinger Kindergärten und Kindertagesstätten (Gerk) rechnet mit weiteren Streiks. Mehrtägige Aktionen seien nicht ausgeschlossen. Um Familien zu unterstützen, die während der Streiktage auf eine Unterbringung angewiesen sind, will der Gesamtelternbeirat gemeinsam mit Eltern und in Zusammenarbeit mit der Stadt eine Notbetreuung durch freiwillige Eltern auf die Beine stellen.

Der Gerk lädt interessierte Eltern zu einer Versammlung am morgigen Freitag, 20. März, um 18 Uhr zum DRK-Ortsverein, Lederstraße 92, ein. Ziel sei es, Ideen zu entwickeln und zu organisieren, »um für den nächsten Streik gewappnet zu sein«.

In einer Pressemitteilung weist der Gerk darauf hin, dass es nicht Ziel der Eltern sei, »die Wirkung der Streiks auf die Arbeitgeber abzuschwächen«. Hauptbetroffene seien aber Eltern und Kinder. Zu den ohnehin bestehenden 30 Schließtagen pro Jahr müssten nun noch die Streiks abgefangen werden – »für viele Eltern eine schwer organisierbare Situation, die der Gerk zusammen mit Freiwilligen verbessern möchte«. (GEA)