REUTLINGEN. Im Zuge der Energiewende sollen die Gasheizungen sukzessive ausgemustert werden. Energieexperten erwarten, dass große Teile des deutschen Gasnetzes nach 2045 nicht mehr verwendet werden. Wie geht es mit der Gasversorgung in Reutlingen weiter? Wann beginnen die Stadtwerke, erste Bereiche vom Netz zu nehmen? Die Fraktion der Grünen und Unabhängigen im Reutlinger Gemeinderat hat eine Reihe von Fragen zu einem Thema gestellt, dass viele Immobilienbesitzer brennend interessieren dürfte. Eine Kernfrage dabei: »Welche aktuellen Zeitpläne hat die Fair-Netz für den Rückzug des Gasnetzes in Reutlingen?«
Die meisten Reutlinger Heizungen werden aktuell noch mit Gas (58 Prozent) und Öl (34 Prozent) gespeist. Gemäß der städtischen Wärmeplanung soll jedoch der Einsatz fossiler Brennstoffe unter der Achalm bis 2040 gen Null gehen. Das Gros der Häuser soll dann laut Szenario mit Wärmepumpen beheizt werden, gut 25 Prozent der Heizungen an ein (noch zu ertüchtigendes) Wärmenetz angeschlossen sein. Holzverbrennung und Solarthermie werden laut Szenario zehn Prozent der Versorgung ausmachen.
Nachfrage nach Gasheizungen »eher verhalten«
Die öffentliche Anfrage im Finanzausschuss beantwortete die Verwaltung in Abstimmung mit den Reutlinger Stadtwerken in einer Mitteilungsvorlage lediglich schriftlich. Danach gibt es bereits »Präferenzen für Leitungsabschnitte, die tendenziell in der Zukunft stillgelegt werden könnten«, dennoch existiere hierfür aktuell »keine rechtliche Grundlage«.
Gleiches gelte für eine Anschlussverweigerung. Die Fair-Netz sei zum Anschluss von Kunden, die einen Gasanschluss wünschen, verpflichtet. Die Nachfrage von Verbrauchern nach Netzanschlüssen sei jedoch derzeit - wohl aufgrund der unsicheren Rechtslage - »eher verhalten«.
Auch in Bereichen, in denen die Fernwärme ausgebaut wird, erfolge bisher kein Rückzug aus der Gasnetzversorgung. Auch hier fehlten die rechtlichen Voraussetzungen. Sobald sie vorliegen, solle jeweils geprüft werden, ob und wann im Zuge des Wärmenetzausbaus eine Stilllegung des Gasnetzes möglich ist. Diskutiert werden müsse dabei unter Umständen auch das Thema Anschluss- und Benutzungszwang.
Über die Antwort wurde im Ausschuss nicht weiter diskutiert. Grünen-Rat Dr. Karsten Amann monierte, dass die Versorgung mit Gas von der Fair-Energie weiter beworben werde. Dabei handele es sich um »einen Energieträger ohne Zukunft«. Die Grünen wünschen sich unter anderem ein offensiveres Vorgehen des Reutlinger Versorgers mit Information.
Räte fordern öffentliche Diskussion
Finanzbürgermeister Roland Wintzen zeigte jedoch wenig Neigung, in öffentlicher Sitzung näher in das Thema einzusteigen. Er wies mehrfach darauf hin, dass diese Fragen in den Fach- und Aufsichtsgremien des Versorgers thematisiert werden müssten – die bekanntlich hinter verschlossenen Türen tagen.
Der SPD-Vorsitzende Helmut Treutlein sprang Karsten Amann bei. Auch die Sozialdemokraten wünschen einen offensiveren Umgang mit dem Thema: »Tausende Heizkunden wissen nicht, was sie machen sollen.« Besonders ratlos seien derzeit Eigentümer in Mehrfamilienhäusern mit einzelnen Gasthermen. Treutlein verlangte auch konkretere Ansagen, wann, wo und ob überhaupt weitere Fernwärmeleitungen in bestimmten Quartieren oder Straßen ankommen.
Auch AfD-Stadtrat Hansjörg Schrade kritisierte die Nicht-Öffentlichkeit. Ein so »hochpolitisches Thema« müsse öffentlich im Gemeinderat diskutiert werden.
Werden Wasserstoff und Methan in den Leitungen fließen?
Die Grünen haben auch gefragt, wann dem Stadtwerke-Aufsichtsrat, in dem auch Gemeinderäte vertreten sind, die laut EU-Binnengasrichtlinie bis 2026 zu erstellenden Stilllegungspläne vorgelegt werden. Auch hierzu gibt das Unternehmen lediglich an, zunächst warten zu wollen »auf einen verlässlichen, gesetzlichen Rahmen, um Infrastruktur sinnvoll planen, ausbauen sowie gegebenenfalls wieder zurückbauen zu können«.
Die Bundesregierung müsse die EU-Vorgaben aus der Europäischen Gas- und Wasserstoffrichtlinie bis August nächsten Jahres in nationales Recht umsetzen. Diese Zeit nutze man im Unternehmen, um einen »Gasnetz-Transformationsplan« zu erstellen. Dabei werde auch untersucht, welche Leitungsteile für einen Weiterbetrieb mit Wasserstoff oder Bio-Methan in Betracht kommen, um beispielsweise Industriekunden weiterversorgen zu können.
Die Fragezeichen bleiben also vorerst weitgehend stehen. Doch vielleicht könnte schneller Bewegung ins Thema kommen als gedacht: Dieser Tage meldet T-Online, dass in Berlin seit einigen Wochen ein Referentenentwurf des Gesetzes zur Umsetzung der EU-Gas- und Wasserstoffrichtline aus dem Ministerium von CDU-Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche kursiere, indem es auch um Gasausstieg und Verbraucherrechte gehen wird. (GEA)

