REUTLINGEN. »Anfangs haben wir uns echt gefreut, dass da wieder was los ist.« Als am 29. Mai 2024 das »Nullsechs« an der Ecke Oberamtei-/Kanzleistraße eröffnete, war die Frau, die nur wenige Häuser entfernt wohnt, neugierig. »Wir waren sogar selbst mal dort was trinken«, sagt sie. Es folgte ein lauer Frühling und ein schöner Sommer, viele Abende, an denen nicht nur das Nullsechs geöffnet hatte, sondern auch Modecafé Benz, Genusswerkstatt und Kanzleirat. Hunderte Menschen verschiedenen Alters standen und saßen auf der Straße, sie tranken, feierten. Reutlingen, über dessen Nachtleben junge Einwohner jahrelang nur gespottet haben, schien wieder hip zu sein. Was man auch in der Verwaltungsspitze im Rathaus wahrnahm und zunächst wohlwollend goutierte.
Doch mit dem wieder aufgekeimten Nachtleben hatte die nächtliche Ruhe für die Anwohnerin und ihre Nachbarn - vor allem am Wochenende - schnell ein Ende. »Es ist uns nicht mehr möglich gewesen, im Sommer mit offenem Fenster zu schlafen«, erzählt sie. Bis weit nach Mitternacht seien Menschentrauben vor dem Nullsechs gestanden, was stellenweise ziemlich Lärm verursacht habe. Die Sperrstunde besagt für die Ecke Oberamtei-/Kanzeistraße: Ab 23 Uhr darf draußen nicht mehr bewirtet werden. Der Gastwirt muss die Besucher hereinbitten und das Hinaustragen ausgeschenkter Getränke verbieten. Was hier offensichtlich von Beginn an nicht geschehen ist - lange Zeit auch ersichtlich auf Videos auf der Instagramseite des Lokals.
Sperrstunde: Die Regelungen in Reutlingen
Die Sperrstunden-Regelung in Reutlingen ist zerstückelt - was verschiedene Gründe hat. Generell gilt für die Betriebe in der Stadt: Sonntag bis Mittwoch ist um 23 Uhr draußen Schluss mit Bewirtung, Donnerstag bis Samstag um 24 Uhr. Sperrstunden-Regelungen gelten immer nur für wenige Monate und müssen dann neu beantragt werden.
In Reutlingen können Betriebe eine Erweiterung der Außengastro-Sperrstunden um eine Stunde beantragen, dafür müssen sie dem Rathaus nachweisen, dass es keine Kollision mit den Interessen von Anwohnern gibt. Fünf bis zehn Betriebe in Reutlingen machen von dieser Regelung nach GEA-Informationen regelmäßig Gebrauch, darunter Nua, Alte Bank und Alexandre am Marktplatz. Sie dürfen donnerstags bis samstags bis 1 Uhr draußen bewirten. (kk)
Was die Anwohner anfangs noch als »Hype der ersten Wochen« einordnen, wurde zur Normalität. Das Nullsechs hatte sich etabliert, das Lokal war auch im Herbst und im Winter bestens frequentiert. »Wir haben den ersten Sommer noch durchgehalten«, sagt die Anwohnerin im Gespräch mit dem GEA. »Aber als wir dann im Herbst vom Urlaub zurückkamen und gesehen haben, dass dort Heizstrahler draußen aufgebaut wurden, kamen mir die Tränen.«
Verzweiflung, das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, der Eindruck, dass man im Rathaus bezüglich der Problematik monatelang beide Augen zugedrückt hat: Mehrere Anwohner, mit denen der GEA gesprochen hat, scheinen mittlerweile resigniert zu haben. Denn auch im Frühling und im Sommer 2025 haben die Nullsechs-Betreiber immer wieder gegen die Sperrstunde verstoßen - und das stellenweise eklatant. Video- und Bild-Material, Dezibel-Messungen, Mail-Verkehr mit dem Rathaus, sowie diverse Polizeieinsätze dokumentieren das. »Hat das Ordnungsamt die Kontrolle über die Altstadt aufgegeben?«, fragt eine Anwohnerin rhetorisch.
»Hat das Ordnungsamt die Kontrolle über die Altstadt aufgegeben?«
Das dementieren Finanzbürgermeister Roland Wintzen und Ordnungsamtschef Albert Keppler vehement. »Wir haben die Augen nicht zugedrückt. Wir sind eingeschritten. Aber eben nicht nach der ersten Beschwerde. Ich bin der Meinung, dass man hier auf ein System gegenseitiger Rücksichtnahme setzen muss. Wenn wir direkt mit dem schärfsten Schwert draufhauen, ist das Nachtleben schnell wieder kaputt«, sagt Wintzen. Die Attraktivität einer Stadt für junge Menschen ist ein wichtiger Standortfaktor, so wurde das neu erblühte Nachtleben an dieser Stelle erstmal begrüßt.
Doch das Nullsechs ist mittlerweile so beliebt bei Nachtschwärmern, dass die vielen Gäste ab 23 Uhr oft gar keinen Platz im recht kleinen Innenraum hätten. Die Sperrstunde ist mit diesen Menschenmassen also nur schwer einzuhalten. »Wir haben in den vergangenen Monaten mehrfach intensiv das Gespräch mit den Betreibern gesucht. Nachdem diese Gespräche nicht so zufriedenstellend waren, sind wir irgendwann dazu übergegangen, Sanktionen zu verhängen«, sagt Albert Keppler.
Die Beschwerden der Anwohner nahmen auch im zweiten Sommer nicht ab - und die Regelverstöße offenbar auch nicht. Zudem etablierte sich vor dem Buchladen Fuhr ein »kleiner Autoposertreff«, wie Anwohner kopfschüttelnd berichten. Gäste, teilweise aus Stuttgart und Esslingen, fuhren mit ihren hochwertigen Autos fast direkt vors Lokal - und parkten dort. Immer wieder seien sie nachts mit heulendem Motor durch die Altstadtstraßen gefahren, schildern die Anwohner weiter. Auch Nullsechs-Mitarbeiter hätten dort geparkt.
»Es gibt acht Bußgeldbescheide gegen das Nullsechs, die zum Teil bezahlt wurden«
Mittlerweile äußern Beteiligte in verschiedenen Bereichen hinter vorgehaltener Hand die Angst, dass einer oder mehrere Anwohner sich für den Klage-Weg entscheidet. Was dann passieren kann, hat der Fall Heidelberg gezeigt: Dort haben Anwohner wegen Ruhestörung gegen die Sperrzeiten der Stadt geklagt - und vor dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg Recht bekommen. »Ich kann den Ärger der Anwohner verstehen. Da hat sich was zu Ungunsten der Anwohner verschoben«, so Bürgermeister Wintzen. »Es gab in den vergangenen Monaten einige Punkte, an denen wir sagen mussten: Es ist jetzt gut. Und dann sind wir auch in der Wahl unserer Mittel immer schärfer geworden.«
Konkret bedeutet das: »Es gibt acht Bußgeldbescheide gegen das Nullsechs, die zum Teil bezahlt wurden«, sagt Albert Keppler. Die Polizei Reutlingen gibt auf GEA-Anfrage bekannt, dass seit Frühling 2024 »elf Verstöße gegen die Sperrzeit festgestellt und bei der Stadt Reutlingen zur Anzeige gebracht« wurden, zudem habe man eine »mittlere einstellige Zahl an Ruhestörungen erfasst«. Bei Anwohnern kursiert das Gerücht, dass die Summe dieser Bußgeldbescheide insgesamt mittlerweile im fünfstelligen Bereich liegt. »Ich möchte das weder bestätigen noch dementieren«, so Ordnungsamtschef Keppler.
Ein weiteres Gerücht dementiert Roland Wintzen jedoch vehement: »Es stimmt definitiv nicht, dass die Stadt hier Bußgeldbescheide zurückgenommen hat.« Ein Bußgeldbescheid entsteht, wenn die Polizei vor Ort einen Sperrzeitverstoß festgestellt hat. Also wenn Beamten Beweise dafür haben, dass auch nach Sperrstunden-Beginn weiter draußen bewirtet wurde. »Generell ist es relativ selten, dass Bußgeldbescheide gegen Gastronomen ausgestellt werden. Die Größenordnung, die wir hier haben, ist wirklich ungewöhnlich«, so Keppler.
»Man hat gesehen, dass das Auftauchen von Polizei und Ordnungsamt in den letzten Monaten wenig gebracht hat«
Anwohner schildern im Gespräch mit dem GEA, dass man bei der Polizei stellenweise genervt auf ihre Anrufe reagiere - und manchmal schlichtweg auch keine Streife zur Verfügung habe, »was wir ja auch verstehen können«. Auf der anderen Seite habe man von Ordnungsamt-Seite schon im Sommer 2024 klar kommuniziert, dass ein Anruf bei der Polizei der einzige Weg wäre. »Es muss ein Anzeigendruck da sein, damit das Ordnungsamt handeln kann«, habe es geheißen. Die Dienstzeiten der Ordnungsamtsmitarbeiter enden in Reutlingen mit Eintritt der Sperrstunde - sie können Verstöße gegen diese also nicht dokumentieren.
»Man hat gesehen, dass das Auftauchen von Polizei und Ordnungsamt in den letzten Monaten wenig gebracht hat. Deswegen glaube ich auch, dass eine Verlängerung der Dienstzeiten nicht zielführend ist«, sagt Finanzbürgermeister Wintzen. Und so entschied sich die Stadt im Frühsommer für einen anderen Weg. Stadt und Stadtmarketing (StaRT) verteilten rund 200 Flyer mit Gesprächsangeboten in den Briefkästen im ganzen Quartier. Fünf Anwohner hätten sich gemeldet, so die Stadt. Nach der Sommerpause fand dann ein Gespräch mit allen Gastronomen des Straßenzugs statt, man habe die Anliegen der Anwohner weitergegeben.
»Die letzte polizeiliche Anzeige ist zweieinhalb Monate her«
Auch darüber kann eine Anwohnerin nur den Kopf schütteln. »Warum andere Gastronomen, die das Problem überhaupt nicht betrifft, bei diesen Gesprächen dabei sind – außer um von dem Verursacher 06 abzulenken – ist schwer nachvollziehbar«, schrieb sie im Oktober per Mail ans Ordnungsamt. »Wir haben den Verantwortlichen klar gemacht, dass man alles tun sollte, um das Vertrauen der Anwohner wieder zu gewinnen«, betont Finanzbürgermeister Wintzen. »Und das kann aus meiner Sicht nur im Zusammenspiel mit allen Gastronomen in diesem Bereich geschehen.«
Ein zweites Gastronomengespräch fand dann vor wenigen Wochen statt. Nach GEA-Informationen haben die Betreiber des Nullsechs, Onur Sönmez und Tobias Schumacher, federführend eine Selbstverpflichtung ausgearbeitet, die von allen sechs Wirten unterschrieben wurde. In dem Schriftstück wird aufgelistet, was bereits verbessert wurde. Der "Posertreff" ist beispielsweise Geschichte, »Die letzte polizeiliche Anzeige ist zweieinhalb Monate her«, sagt Albert Keppler. Auch die Musikanlage ist eingepegelt - allerdings erst, nachdem die Stadt dies "verwaltungsrechtlich durchgesetzt" hat, so Keppler. Im Rathaus ist man vorsichtig zuversichtlich, dass Sönmez und Schumacher den Ernst der Lage verstanden haben. Eine Anwohnerin sieht dagegen keine Besserung: Auch im Oktober habe es noch eklatante Verstöße gegen die Sperrzeit gegeben, berichtet sie. Der GEA hat die Nullsechs-Betreiber für ein Gespräch angefragt, diese wollen sich allerdings erst kommende Woche äußern, wenn auch die Selbstverpflichtung veröffentlicht wird. (GEA)


