REUTLINGEN. »Für mich und meine Familie war das Gütle an der Achalm immer ein Kraft- und Ruheort«, berichtet Stefan Kehrer. Seit 30 Jahren kennt er das Grundstück mit seinem schönen Ausblick hinab auf die Stadt, seit 25 Jahren gehört es ihm. Viele schöne Erinnerungen verbindet er damit: Es ist ein idyllisches Plätzchen, um Feste unter freiem Himmel zur feiern, für die Familie, zum Krafttanken. Aber: »Das hat sich alles verändert.« Seit geraumer Zeit gibt es auf einigen Grundstücken auf der Achalm immer wieder unschöne Zwischenfälle - Vandalismus, wild abgelagerter Müll, Hausfriedensbruch und mehr.
Begonnen hat alles im April 2022, erinnert sich Stefan Kehrer. Der Sohn eines Freundes feierte damals auf dem Grundstück seinen Geburtstag, an jenem Tag kam ein Mann erstmals auf das Grundstück, und bat darum, dort übernachten zu dürfen, da seine Unterkunft abgerissen worden sei, berichtet Kehrer. Aus Mitleid habe er ihm seine Hütte überlassen - allerdings verbunden mit der Bitte, nach ein paar Tagen wieder weg zu sein. Als der Mann, der nach Einschätzung der Gütlesbesitzer psychisch krank ist, der Aufforderung nicht nachkam, habe er ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er sich eine andere Behausung suchen müsse.
Drapierter Müll an Bäumen und Sträuchern
Das tat dieser letztlich auch - allerdings kommt es seitdem regelmäßig zu Übergriffen auf Gartengrundstücke in dieser Gegend. Einmal fand Stefan Kehrer Müll und Unrat auf der ganzen Wiese - an den Bäumen, an Sträuchern und der Hütte. Zunächst ging er davon aus, dass Jugendliche hier gefeiert und etwas über die Stränge geschlagen haben. Allerdings habe es nicht ausgesehen wie zufällig verteilt, sondern wie bewusst drapiert. Zudem stellte er immer wieder fest, dass sich jemand auf seinem Grundstück aufgehalten hatte, leere Flaschen und Kerzen zeugten von einem uneingeladenen Gast.
Geraume Zeit später meldete sich die Polizei bei ihm, weil sein Müll auf einem Nachbargrundstück aufgetaucht war. Der Müllsack war nach einer Feier vor seiner Hütte stehen geblieben und ganz offensichtlich hatte ihn jemand mitgenommen und den Inhalt woanders verteilt. Im Müll fand die Polizei Stefan Kehrers Telefonnummer, der deshalb ins Visier der Ermittlungen geriet. Eines schönen Tages war seine Gartentür mit Zetteln beklebt - beschrieben mit wirrem Inhalt. »Das war richtig unheimlich.«
Es fehlen Beweise
Auch in der Nachbarschaft häuften sich unschöne Vorkommnisse: »Immer wieder haben wir gesehen, wie der Mann über unser Grundstück lief«, berichtet Corinna Bach, Blumen waren herausgerissen, Wasser aus der Tonne verschwunden, leere Flaschen standen herum. »Ich habe ihn zur Rede gestellt«, berichtet Bach, »und daraufhin wurde alles noch schlimmer.« Die Tür ihres Gartenhauses wurde aus den Angeln gerissen, Kot ins Schlüsselloch geschmiert, die Motorhacke kaputt gemacht, schildert sie. Familie Bach ging zur Polizei: Dort sei der Achalmbewohner kein Unbekannter, »die Polizisten haben sogar einen Spitznamen für ihn«, erzählt Corinna Bach. Allerdings könnten sie nichts tun, solange es keine Beweise gebe, wurde ihr gesagt - von einer Anzeige gegen Unbekannt nahm sie Abstand.
Stattdessen haben sie beschlossen, ihr Gütle auf der Achalm zu verkaufen, »wir fühlen uns nicht mehr wohl.« Das Bedauern ist groß, schließlich ist der Garten seit Jahrzehnten im Besitz der Familie ihres Mannes. Doch eine Reparatur der Hütte wäre aufwendig und es sei nicht sicher, ob danach nicht wieder etwas passiere - und ihren kleinen Sohn kann sie hier auch nicht mehr sorgenfrei spielen und krabbeln lassen. Sie habe Angst vor dem Mann, der offensichtlich krank sei. Immer wieder höre man ihn brüllen, erzählen die beiden Gütlesbesitzer dem GEA bei einem Vor-Ort-Termin, der Wald sei übersät mit Fäkalien, Müll und Klopapier. Ein weiterer Nachbar habe ebenfalls immer wieder Probleme mit dem Mann, er wolle aber aus Angst vor Racheaktionen nichts unternehmen, erzählt Stefan Kehrer.
Videokamera installiert
Auch der ist mit seinem Latein ziemlich am Ende. Er hat den vermeintlichen Verursacher in seiner Behausung aufgesucht und ihm ins Gewissen geredet - woraufhin ihn dieser bei der Polizei angezeigt hat wegen Beleidigung und Bedrohung. Er hat seinerseits ebenfalls Anzeige wegen Hausfriedensbruch gestellt. Das war gar nicht so einfach, weil sein Grundstück nicht eingezäunt sei, erzählt er kopfschüttelnd. »Ich darf wegen des Wildwechsels an dieser Stelle keinen Zaun anbringen«, erklärt Kehrer, aber anhand der Hecken und Bäume ist durchaus ersichtlich, dass es sich um Privatbesitz handelt. Nun hat er eine Videokamera installiert, um den Täter auf frischer Tat zu ertappen. Seitdem habe sich der vermeintliche Unruhestifter aber nicht mehr sehen lassen.
Die Polizei kann dem GEA gegenüber in diesem Fall keine Auskunft geben, da die »schutzwürdigen persönlichen Interessen des Betroffenen einer Auskunft entgegenstehen«, schreibt die Pressestelle. Sie verweist auf Vorkommnisse in der Vergangenheit, über die im GEA bereits ausführlich berichtet wurde. Damals lebte der Mann, den die Anwohner im Verdacht haben, auf einem städtischen Grundstück, das ebenfalls regelmäßig vermüllt wurde. Zunächst bestritt er die Vorwürfe, irgendwann erteilte die Stadt ihm Hausverbot. Er zog auf ein anderes Grundstück um, das Problem der Vermüllung blieb zunächst bestehen.
Der Stadt ist nichts bekannt
Doch irgendwann besserte sich die Lage, wie die Pressestelle der Stadt mitteilt. So schreibt das Liegenschaftsamt per Mail: »Auf dem ,Problemfall'-Grundstück ist Ruhe eingetreten. Hier hat möglicherweise die Überwachung mit der Wildtierkamera einen Effekt gebracht. Wir haben das Grundstück auch neu verpachtet. Momentan gibt es keine Probleme mit Herrn X. Meinen Kollegen sind schon vereinzelt abgestellte gelbe Säcke am Brunnen am Königssträßle aufgefallen. Vermutlich entsorgt Herr X seinen Müll über diesen Weg halbwegs ordentlich. Ansonsten ist uns nichts Aktuelles bekannt.« Ähnliches aus dem Amt für öffentliche Ordnung: »Bei uns ist es auch seit vielen Monaten ruhig. Seit wir Herrn X unwiderlegbar nachgewiesen haben, dass er es ist, der die Grundstücke vermüllt, scheint er sich am Riemen zu reißen.«
Oder er ist eben einfach weitergezogen - so vermuten es zumindest Stefan Kehrer und Corinna Bach. Familie Kehrer steht ebenfalls kurz davor, ihr Grundstück zu verkaufen. »Das wäre so schade, besonders jetzt, wo unsere Mädels in einem Alter sind, in dem sie gerne auf dem Gütle feiern würden.« Das sei allerdings momentan nicht möglich, sie haben Angst und fühlen sich nicht wohl. Stefan Kehrer hofft, dass der Täter gefasst wird oder dass sich noch andere Betroffene bei der Stadt oder der Polizei melden, damit endlich etwas passiert und dem unschönen Treiben ein Ende bereitet wird. (GEA)




