REUTLINGEN-SONDELFINGEN. »Als ich 1982 nach Deutschland gekommen bin, da hat man sich kaum getraut im Autoradio die Egerländer laufen zu lassen.« Das sagt einer, der selbst seit 35 Jahren bei den Egerländer Musikanten spielt, ein Volksmusiker aus Leidenschaft, ein Sondelfinger mit eigener CD und eigenem Wikipedia-Eintrag: Helmut Kassner. 1982 war er als 22-jähriger Musikstudent gerade mit seinem Bruder aus dem kommunistischen Rumänien in die Bundesrepublik geflohen. Die an Konservatorien in Temesvar und Klausenburg begonnene Ausbildung setzte er an der Hochschule für Musik in Karlsruhe fort.
Diverse Stationen spülten den Spitzenmusiker und Musiklehrer mit seiner ebenfalls hochmusikalischen Familie Anfang der 1990er-Jahre in die Reutlinger Bezirksgemeinde. Neben Engagements in Ehingen, Dußlingen und Öpfingen schwingt der Mann, der am 17. November seinen 64. Geburtstag feiert, dort seit 15 Jahren den Taktstock, leitet mit Verve die 25 bis 30 Männer und Frauen starke Kapelle der Abteilung Blasmusik des TSV Sondelfingen.
Professionell und passioniert: Ein Chorleiter, der mitreißt
»Als Dirigent und Chorleiter wird man sehr gefordert«, sagt der 63-Jährige, »und hat eine große Verantwortung.« Er ist für die Musikauswahl zuständig, passt Arrangements an oder schreibt sie selbst und kümmert sich um die Nachwuchsgewinnung: mit Kinderkonzerten und einem Projektchor für junge Bläser, mit dem Instrumenten-Fundus für Anfänger und Gratis-Unterricht. Obwohl Blaskapellen dem Abteilungsleiter und Schlagzeuger Timo Glock zufolge in größeren Städten wie Reutlingen von offizieller Seite »stiefmütterlicher behandelt« werden als etwa auf der Alb oder im Nachbarland Österreich und es im Ort mit dem Musikverein direkte Konkurrenz gibt, hat das 1955 als Fanfarenzug der Turner gestartete Blasorchester keine Probleme, junge Spieler zu finden. Auch Amateurmusiker aus der Region stießen jüngst vermehrt zur TSV-Kapelle.
Das hat mit Kassners Persönlichkeit und Talent zu tun: Er blickt auf Erfahrungen beim Badischen Staatstheater Karlsruhe und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen zurück. Und blies schon 1990 unter Ernst Mosch bei den Egerländern ins Flügelhorn. Sowohl Glock als auch der stellvertretende Dirigent Julian Hölz erinnern sich lebhaft an sein Probedirigat im September 2009: »Von der ersten Sekunde an hat er die Musiker mitgerissen«, erzählt Hölz, »mit seiner Energie und dynamischen Bandbreite. Mit der Forderung, dass Musik draus wird.« Aber dass die Kapelle floriert, liegt auch daran, dass Blasmusik heute »in« ist.

Erfreut hat Helmut Kassner beobachtet: Die Einstellung gegenüber Volksmusik hat sich in Deutschland seit seiner Flucht aus dem Banat grundlegend geändert. Für die 80er-Jahre-Jugend, die Rockmusik, New Wave und Neue Deutsche Welle hörte, gab es kaum etwas Schlimmeres als Oberkrainer, Egerländer & Co. Allenfalls »La Montanara« ging alpinsoundmäßig durch. Heute hingegen finden sich Moschs »Vogelwiese« oder der »Böhmische Traum« auf den Playlists vieler Teenies. »Die hören jetzt nicht mehr das Voxxclub-Cover oder DJ Ötzis Remix, sondern das Original«, berichtet Hölz, der am Evangelischen Blaulach-Gymnasium in Kusterdingen Mathe und Geschichte unterrichtet. Auch er werde auf seine nebenberufliche Passion von Schülern angesprochen. »Ich weiß nicht, ob ich mich getraut hätte, das vor 10 bis 15 Jahren vor so jungen Leuten anzupreisen.«
Der Wandel ist Glock zufolge Festivals zu verdanken wie dem »Woodstock der Blasmusik« oder der »Brass Wiesn«, die bereits vor 15 Jahren zunächst in Österreich auflebten und heute 60.000 Fans anziehen. Aber auch Gruppen wie LaBrassBanda, Meute oder den Schweizer Fäaschtbänklern, die Volksweisen lustvoll mit Funk, Hip-Hop und Techno mischen.
Jugend und Volksmusik: eine ambivalente Entwicklung?
Die Vielfalt und Agilität kleinerer Ensembles, aber auch die Digitalisierung fördern die Verbreitung dieser einst als rückständig und vermieft geltenden Musikrichtung unter jungen Menschen. »Durch Streaming wurde Volksmusik globaler und jederzeit verfügbar«, sagt Kassners 24-jähriger Sohn Lucas. »Dieser Trend ist auf jeden Fall gut für uns.«
Für Hölz ist die Entwicklung ambivalent: »Festivals besuchen und Musik anhören ist was anderes als selbst gut spielen zu wollen.« Auch als Volksmusiker ist es unabdingbar, Noten lesen zu können. Da lasse das Durchhaltevermögen nach. Bei Terminabsprachen mit mehr als einem halben Jahr Vorlauf bemerken die TSV-Musiker zudem, dass sich junge Mitglieder schwerer tun, sich langfristig zu verpflichten. »Der Wille, sich zu binden, lässt nach«, sagt Glock.
Wer folgt auf Profi-Musiker Helmut Kassner?
Als Helmut Kassner beim TSV anfing, hatte er weit mehr Erfahrung als Musiker denn als Dirigent. Heute ist er stolz auf »die hohe Qualität und die Liebe zu den Egerländern« seiner Kapelle. Er habe sie sehr gern geleitet, doch mit fast 64 sei ein Generationenwechsel dran. Er will die Dirigenten-Karriere auf höchstem Niveau beenden. Und ist überzeugt, das Amt in gute Hände zu übergeben.
Mit seinem bisherigen Vize und Zögling Julian Hölz wurde die Taktstockübergabe gut vorbereitet. Der 34-Jährige spielt Schlagzeug, seit er sechs ist, und stieß Mitte der 2000er zum TSV-Orchester. Da spielt er Tuba - und singt etwa John Miles' »Music«. Bevor er sein 20. Lebensjahr vollendet hatte, wurde Kassner sein »Ausbilder«. Der scheidende Meister lobt ihn als »dankbaren Schüler«.
Proben und Konzert
Die Abteilung Blasmusik des TSV Sondelfingen probt einmal die Woche, dienstags von 20 bis 22 Uhr im Untergeschoss des Bezirksamts Sondelfingen. Vor Auftritten kommen punktuell zusätzliche Registerproben dazu.
Ein besonderer Anlass steht nun mit dem Abschiedskonzert von Chorleiter Helmut Kassner an - mit Taktstockübergabe an seinen Nachfolger Julian Hölz. Am Samstag, 23. November, ab 19.30 Uhr, spielen in der Festhalle Sondelfingen 33 Musikerinnen und Musiker zwischen 15 und 70 Jahren Glanzlichter aus ihrem Repertoire der vergangenen 15 Jahre: von Verdis »Aida«-Ouvertüre über Pop-Hits, Musical- und Filmmelodien zu Polkas, Walzer, einem Marsch-Klassiker der Egerländer Musikanten und Jacob de Haans sinfonischem Blasorchester-Konzertwerk »Oregon«. Unterstützt werden sie dabei von Tänzerinnen des TSV, moderieren wird den Abend Bernd Leuze. (dia)
Zwischen Marsch und Metal: Bandbreite soll bleiben
»Wofür wollen wir stehen und was macht uns aus?« Das zu überlegen findet Hölz wichtig. Für die Zukunft. Gute Gemeinschaft, musikalische Vielfalt und die Bandbreite zwischen Marsch und Metal möchte er beibehalten. Sofern dies das Orchester auch will. »Es ist gut für die Musiker, dass jeder sich im Repertoire wiederfindet. Gut für den Kopf und die Spieltechnik«, erklärt der Tubist und Dirigent in spe. »Aber auch gut fürs Publikum.«
Apropos: »Das Publikum ist immer ehrlich«, meint Kassner. »Und das lässt uns selten ohne zwei bis drei Zugaben von der Bühne.« Dabei spiele die Kapelle des TSV Sondelfingen bei Konzerten stets mindestens zwölf Stücke, zweieinhalb bis drei Stunden. Die Begeisterung ihres Dirigenten springt über, loben Glock und Kassner junior. Man habe ihm viel zu verdanken. Trotzdem ist Hölz guter Dinge, »dass die Leute dabei bleiben«, wenn er den Taktstock übernimmt. Der scheidende Orchesterleiter ist überzeugt: Niveau und Egerländerbegeisterung sind »bei denen jetzt so in den Genen« - das bleibt. Und auch Helmut Kassner bleibt, in Sondelfingen, mit Familie: Ehefrau Diana, die in der Kapelle Querflöte spielt und wie Tochter Lea auch singt sowie Sohn Lucas, der jetzt wie sein Vater an der Karlsruher Musikhochschule Trompete studiert. (GEA)

