REUTLINGEN/REGION. In den meisten Berufen gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch an den bislang heißesten Tagen des Jahres sind viele Arbeitsplätze aufgeheizt. Da rotiert nicht nur der Ventilator. Als Traumberufe gelten klassisch der Bademeister und Eisproduzent. Wo finden sich derzeit die coolsten Arbeitsstellen in Reutlingen und der Region?
Kirchen sind schön kühl, auch im Sommer. Trotzdem ist Pfarrer in dieser Hinsicht kein besonders cooler Beruf, meint Dekan Marcus Keinath. »Weil wir während der Hitzetage nicht öfter als sonst in die Kirchen kommen«, erklärt er. Meist hat er im Pfarrhaus, Gemeindehaus und in Privathäusern zu tun. »Und bei Beerdigungen steht man schon mal voll in der prallen Sonne.« Bei Gottesdiensten trägt er einen Talar. Die knöchellangen schwarzen Gewänder gibt es zwar in unterschiedlichen Stoffen, sie sind aber nicht ganz billig, weshalb er wie viele Pfarrer nur einen für Sommer und Winter hat. Der wärme ganz ordentlich, sagt Keinath.
Selbst in der Marienkirche herrschen um 11 Uhr am Mittwoch 26,3 Grad. »Nur vier Grad weniger als draußen«, staunt Mesner Götz Wellhäuser-Frank. So heiß war es im Kirchenschiff um diese Jahreszeit in mehr als 20 Jahren noch nie. Der Sandstein der dicken Mauern funktioniere wie ein Ofen: Er speichert die Wärme. Immerhin: »Im Frühgottesdienst ist es angenehm. Und im Winter ist mein Beruf richtig cool« sagt er. »Nicht alle Kirchen sind gut zu belüften«, erklärt Keinath. In der Nikolai- oder Citykirche gibt es etwa fast keinen Durchzug. Der Gottesdienst in der Jubilatekirche in Orschel-Hagen wurde am vergangenen Sonntag bei über 30 Grad im Kirchenraum kurzfristig »in die Winterkirche«, das besser durchlüftete Gemeindehaus, verlegt. »Vielleicht werden wir künftig nicht nur im Winter Wärmestuben, sondern auch in Hitzeperioden Kältestuben anbieten müssen«, überlegt der Dekan.
Berufe mit Chill-Faktor
Sind also eher Berufe mit Kühlraum der Hit? Jürgen Kallweit von der Metzgerei Schneider in der Wilhelmstraße hat davon gleich vier: für Gemüse, Wurst, Fleisch und Küche insgesamt. Im Kühlhaus herrschen 2, im Gefrierhaus minus 20 Grad. Aber auch der Verkaufsraum ist mit etwa 18 Grad voll klimatisiert. Das komme den Produkten in der Verkaufstheke ebenso zugute wie den Kunden und Mitarbeiterinnen. Da die Metzgerei auch frisch Gekochtes zum Mitnehmen und Vor-Ort-Verzehr anbietet, herrscht in der dahinterliegenden Küche unterm Glasdach aber derzeit »Sauna«. Die Hitze spüren Händler und Gastronomen in der Fußgängerzone zudem am versiegenden Publikumsstrom.
Auch bei Alessandro La Gamma in der Eisdiele »Soravia«: Speziell ältere Gäste fehlen an den Nachmittagen. Ideal fürs Geschäft wären 27 bis 30 Grad Außentemperatur. »Unser Produkt ist cool«, sagt er. »Aber bei über 30 Grad 13 Stunden hinter der Verkaufstheke stehen?« Er seufzt. »Da muss man durch und beim Dönerverkäufer ist es noch heißer.« Seine Frau Paola Colli freut sich, dass »wir hier an der Quelle sitzen«. Immer mal wieder gönne sie sich selbst eine Kugel Zitroneneis.
Bestatter und Pathologen gelten als Berufe mit Chill-Faktor. Stimmt das? Der Dettinger Uwe Serway findet »absolut cool«, was er macht. »Aber dabei ist's nicht immer kühl.« Am Mittwoch leitete er eine Bestattung im Freien bei fast 40 Grad. »Dabei schreibt der Dresscode bei Herren immer noch lange Hosen vor. Nur bei Beratungsgesprächen traue ich mich manchmal, Bermudas zu tragen.« Pro Sterbefall verbringen er und seine Mitarbeiter maximal zehn Prozent der Zeit in auf 5 bis 8 Grad gekühlten Räumen, erklärt er. »Beim Wechsel von drinnen nach draußen muss man aufpassen, das ist zum Teil brutal.«
Bademeister hat Abkühlung im Blick
Bringt's das, Badenixen und Kampfschwimmern zuzuschauen? Bademeister sind selbst selten im kühlen Nass. Auch wenn die Arbeit am Beckenrand stattfindet und seine Kollegen viel in Bewegung sind, ist es ein Traumjob, betont Necdet Mantar, der Leiter der kommunalen Bäderbetriebe in Reutlingen. Denn die Meister und Fachangestellten für Badebetriebe »dürfen eines der größten Wellenfreibäder der Region managen: 50-Meter-Sportbecken, Wellenbecken und Sprungturm – jeden Tag Action pur«. Dazu kommen Technik, Sicherheit und viel Kontakt zu Menschen. »Wer Verantwortung lebt und Wasser liebt, findet hier seine Berufung.« Klar reize es einen manchmal reinzuhüpfen. Doch die Konzentration auf die Sicherheit der bis zu 10.000 Badegäste sei wichtiger. Nur »in den Pausen oder nach Feierabend tauchen wir selbst kurz ab«. Am kühlsten ist es in den Technikräumen des Kleinkinderbereichs.
Verwaltungsjobs bei der Stadt und IHK
»Wir schmoren vor uns hin«, sagt Pressesprecherin Sabine Külschbach zur Arbeit derzeit im Reutlinger Rathaus. Wenn statt 30 in einem der oberen Geschosse im Erdgeschoss nur 29 Grad herrschen, mache das kaum einen Unterschied. »Der Betonbau ist aufgeheizt.« Klimatisiert sind nur die Sitzungssäle - und die Kühlkammer im Depot des Naturkundemuseums in der alten Paketpost ist richtig kalt: Bei minus 28 Grad hält sich dort niemand lange auf.
Schutzkleidung ist bei dieser Hitze nicht unbedingt »cool«. Die tragen aber Arbeiter im produzierenden Gewerbe, das der Industrie- und Handelskammer angehört. Dort sind Menschen »häufig hohen Temperaturen ausgesetzt und müssen zusätzlich zu ihrer eigenen Sicherheit Arbeitskleidung tragen«, erklärt Ida Willumeit. Die Mitarbeiter in der IHK-Zentrale in Reutlingen hingegen »sitzen in einem modernen Gebäude, das durch Erdwärme klimatisiert ist«, teilt die Leiterin des Teams Berufsorientierung mit.
»Ich habe schon einen coolen Beruf«, bekennt auch die Reutlinger Lehrerin Ulrike Eckstein, die am Mittwochmittag bei 34 Grad Außentemperatur und Unterrichtsräumen im Spitalhof, die mit jedem Stockwerk eine noch heißere Klimazone erreichen, mit ihrer Klasse ans Echazufer gezogen ist. In der Schule sei der Aufenthalt »grenzwertig«. Lüften trage nur Hitze und Lärm herein. Am Fluss hingegen haben alle Spaß. Wobei ihre Schüler, allesamt elf und zwölf Jahre jung, in Sachen coole Jobs eher Autohändler, Notar, Psychologe, Fachinformatiker oder Fast-Food-Restaurant aufzählen. »Auf jeden Fall mit Ventilator oder Klimaanlage!«
Was hilft an heißen Arbeitsplätzen?
Dekan Keinath verdunkelt tagsüber sein Arbeits- und Besprechungszimmer. Aber bei mehreren Gesprächsterminen pro Tag heize sich selbst der Raum im Marchtaler Hof mit über einem halben Meter dicken Wänden richtig auf. Im Rathaus hilft ein Lüftungsdienst, die Arbeit erträglicher zu gestalten. Die Waldarbeiter im Schönbuch machen an heißen Tagen leichtere Instandhaltungsarbeiten, für die keine Schnittschutzhosen und -schuhe oder Helme notwendig sind. Mantars Team trägt im Freibad leichte Sportbekleidung und ist mit Mützen, Sonnenbrille und Cremes ausgestattet. Zudem werden Sonnenschirme aufgestellt. Spielte Geld keine Rolle, würde er ein Hochdruck-Sprühnebelsystem entlang aller Hauptwege auf dem Gelände anschaffen. »Das senkt die gefühlte Temperatur um bis zu 10 °C – ohne dass Gäste oder Boden nass werden. So hätten wir eine natürliche, leise Klimaanlage für Besucher und Team.« (GEA)







