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Tote im Kreis Reutlingen: Was über Familie, Tat und Einsatz bekannt ist

Ein Mann hat am Dienstag mutmaßlich in Reutlingen, Pfullingen und St. Johann Familienmitglieder und dann sich selbst umgebracht. Der GEA hat mit Nachbarn gesprochen, die die betroffene Familie kannten und den SEK-Einsatz erlebt haben.

Tatort Pfullingen: Hier hat der Mann seine Frau und sich selbst umgebracht.
Tatort Pfullingen: Hier hat der Mann seine Frau und sich selbst umgebracht. Foto: Frank Pieth
Tatort Pfullingen: Hier hat der Mann seine Frau und sich selbst umgebracht.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN/PFULLINGEN/ST. JOHANN. Eine furchtbare Tragödie erschüttert die Region: Fünf Mitglieder einer Familie sind im Laufe des Dienstags an verschiedenen Orten in Reutlingen, Pfullingen und St. Johann tot aufgefunden worden. Ein Mann hat offenbar seine Frau, seine Schwester, seine Söhne und dann sich selbst umgebracht. Das teilt die Polizei am Mittwochmittag mit. Bereits am Dienstagvormittag entdeckte demnach eine Pflegekraft eine 60-jährige Frau - die Schwester des mutmaßlichen Täters - leblos in deren Wohnung in Betzingen und wählte den Notruf. Wie sich herausstellte, waren der Frau schwere Verletzungen zugefügt worden, an denen sie verstarb. Nach gesicherten GEA-Informationen liegt dieser erste Tatort in der Dürrstraße.

Die Polizei leitete nach dem Fund des ersten Opfers unverzüglich Ermittlungen ein - und rasch ergab sich ein Verdacht gegen den Bruder der getöteten Frau. Spezialeinsatzkräfte der Polizei (SEK) durchsuchten daraufhin am Dienstagabend das Wohnhaus des 63-Jährigen in der Pfullinger Griesstraße. Dabei fanden sie den Mann und seine 57-jährige Ehefrau tot auf. Beide hatten tödliche Schussverletzungen, eine Waffe lag neben ihnen, die Polizei vermutet, dass es sich dabei um die Tatwaffe handelt. Derzeit wird geprüft, ob der Mann die Waffe legal in seiner Eigenschaft als Jäger besaß, teilt die Polizei mit.

Anschließend untersuchten die Einsatzkräfte die Firmenräume des Mannes in St. Johann-Würtingen, und machten einen weiteren grausigen Fund: Dort entdeckten sie dessen tote Söhne. An den 27 und 29 Jahre alten Männern konnten die Polizisten ebenfalls Schussverletzungen feststellen. Die 57-jährige, in Pfullingen getötete Ehefrau, war nicht die leibliche Mutter der beiden jungen Männer.

In der Betzinger Dürrstraße liegt einer der Tatorte der Familientragödie.
In der Betzinger Dürrstraße liegt einer der Tatorte der Familientragödie. Foto: Frank Pieth
In der Betzinger Dürrstraße liegt einer der Tatorte der Familientragödie.
Foto: Frank Pieth

Die Staatsanwaltschaft Tübingen und die Kriminalpolizeidirektion Esslingen ermitteln jetzt wegen des Verdachts eines innerfamiliären Tötungsdelikts und einem mutmaßlich anschließenden Suizid. Als tatverdächtig gilt nach den derzeit vorliegenden Ermittlungsergebnissen der 63-jährige deutsche Familienvater. Hinweise auf einen Fremdtäter liegen nicht vor. »Vielmehr ist nach derzeitigem Stand von einer Familientragödie auszugehen«, schreibt die Polizei, deren Ablauf und Hintergründe noch ermittelt werden müssen. Derzeit könne man auch keine weiteren Informationen bekannt geben, man befinde sich noch am Anfang der Ermittlungen, die angesichts der Zahl von fünf Opfern und drei Tatorten sicherlich dauern werden.

Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck schrieb in einer Stellungnahme am Tag nach der Tat: »Die Ereignisse von heute haben mich tief erschüttert. In unserer Stadt wurde ein Mensch Opfer dieser schrecklichen Familientragödie, die im gesamten Landkreis fünf Leben gefordert hat. Ich bin in Gedanken bei den Angehörigen und Freunden der Getöteten. Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger darum, die Privatsphäre der betroffenen Familien zu respektieren und ihnen Raum für ihre Trauer zu lassen.«

»Das war wie Krieg«

Am Tag nach der Tat herrscht in Pfullingen große Betroffenheit. Nicht nur bei Bürgermeister Stefan Wörner, der von dem Ausmaß und der Brutalität der Ereignisse erschüttert ist. Auch in der Nachbarschaft sitzt der Schock tief. »Das war wie Krieg«, sagte eine Anwohnerin. Eigentlich habe ihre Familie einen entspannten Abend in ihrem Zuhause verbracht, »als aus dem Nichts alles richtig hell wurde« und Blaulicht die Nacht zum Tag machte. Zahlreiche Polizeiautos hätten in der Straße und auf den Gehwegen geparkt, kein Anwohner sei mehr durchgekommen.

Dann sei es Schlag auf Schlag gegangen: »Die haben mit einem großen Auto das Grundstückstor gerammt, das hat einen richtig lauten Rumms getan«, sagte die Augenzeugin. Auch andere Nachbarn erzählen von dem panzerähnlichen Auto, das den Einsatzkräften Zutritt zum Gelände verschaffte. In voller Montur, mit Schusswaffen und Taschenlampen hätten die Polizisten das Gelände und Haus durchsucht. »Das hat uns richtig Angst gemacht«, berichtete die Augenzeugin. Nicht nur sie und ihre Familie, auch die umliegenden Nachbarn hatte der Großeinsatz entsetzt und eine kurze Nacht beschert.

Das Firmengebäude in St. Johann-Würtingen, in dem die beiden toten Söhne aufgefunden wurden.
Das Firmengebäude in St. Johann-Würtingen, in dem die beiden toten Söhne aufgefunden wurden. Foto: Marion Schrade
Das Firmengebäude in St. Johann-Würtingen, in dem die beiden toten Söhne aufgefunden wurden.
Foto: Marion Schrade

Irgendwann seien dann Menschen in weißen Overalls über das Anwesen gelaufen. Bis Mitternacht soll der Einsatz angedauert haben. Die Kriminalpolizei sei noch am Abend durch die Nachbarschaft gelaufen, habe an den Haustüren geklingelt und alle über das Ehepaar befragt. »Das kennt man sonst nur aus Filmen und Serien.« Nie hätte die Pfullingerin gedacht, dass ein Mord in ihrer Nachbarschaft geschehen könnte. Auch die Polizei hätte am Abend nichts durchblicken lassen, hatte nur gefragt, ob am Vorabend etwas aufgefallen und laute Schläge vernommen worden seien.

»Die Leute sind doch erst vor zwei oder drei Monaten eingezogen.« Keiner der Anwohner habe das Ehepaar genauer gekannt. »Sie wirkten aber immer nett, haben immer ‚Hallo‘ gesagt«, war oft zu hören. Auch ein Krankenwagen sei am Tatabend vor Ort gewesen. Genauso wie die Feuerwehr. »Die sind mit Holzbrettern auf dem Gelände unterwegs gewesen.« Wahrscheinlich hätten sie damit die Türen und Fenster zugenagelt, die die SEK-Leute aufgebrochen hatten, lautete die Vermutung der Anwohner.

»Gestern war ich unsicher und heute einfach fassungslos«

Der Schreck sitzt immer noch tief. Vor allem, seit die Polizeimeldung am Mittwochmittag veröffentlicht wurde. »Gestern war ich unsicher und heute einfach fassungslos.« Gerüchte, dass der Fall etwas mit Drogen zu tun haben könnte, hatten zuvor die Runde gemacht. An eine derartige Familientragödie habe keiner gedacht, »schon gar nicht an solch' eine brutale«.

Ortswechsel: Der Tatort in St. Johann-Würtingen liegt im Gewerbegebiet am Ortseingang aus Richtung Eningen. Es ist gegen 15.30 Uhr am Mittwochnachmittag, als die Kriminaltechniker der Polizei ihre Koffer aus einem Van laden und das Firmengebäude betreten. Die große Glasscheibe im Türrahmen ist eingeschlagen, Scherben liegen auf dem Boden, der Spalt zwischen Tür und Rahmen ist mit einem Polizeisiegel gesichert. Als alle Utensilien für die Untersuchung im Haus sind, verschließen die Polizeibeamten die kaputte Glastür mit einer dünnen Platte – um das Gebäude vor dem in dichten Flocken vom Himmel fallenden Schnee, aber auch vor neugierigen Blicken zu schützen.

Kriminaltechniker untersuchen den Tatort in St. Johann-Würtingen am Mittwoch.
Kriminaltechniker untersuchen den Tatort in St. Johann-Würtingen am Mittwoch. Foto: Marion Schrade
Kriminaltechniker untersuchen den Tatort in St. Johann-Würtingen am Mittwoch.
Foto: Marion Schrade

Das Medieninteresse an der Tragödie ist groß: Auf der Straße stehen Reporter, um Fotos zu machen. Zudem Mitarbeiter benachbarter Firmen. Es wird geraucht, geredet und beobachtet. Sagen wollen die meisten nichts, einer redet dann aber doch. Er habe den 63-Jährigen seit seiner Kindheit gekannt, sagt der Mann. Die Söhne des mutmaßlichen Täters seien in seinem Alter gewesen. Was passiert ist, weiß er bisher auch nur aus den Nachrichten – was er gehört und gelesen hat, schockiere ihn sehr, sagt er. »Er war immer meganett, er war witzig und hat Späße gemacht«, erzählt der junge Mann, er habe mit dem 63-Jährigen immer mal wieder geplaudert, ganz entspannt unter Nachbarn. Psychisch instabil gewirkt habe der 63-Jährige auf ihn nie. Was dem jungen Nachbarn aber aufgefallen ist, war der plötzlich veränderte WhatsApp-Status des mutmaßlichen Täters. Dort stand der Satz: »Jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise.«

»Er war immer meganett, er war witzig und hat Späße gemacht«

Ab und zu sei der 63-Jährige vor Ort in Würtingen gewesen, ebenso seine Schwester. Die beiden Söhne allerdings, deren Leichen im Würtinger Firmengebäude aufgefunden wurden, habe er dort schon länger nicht mehr angetroffen, berichtet der Nachbar. Die Räume seien nicht mehr für Unternehmenszwecke in Gebrauch gewesen. Früher habe man dort Berufsbekleidung, mit denen die Familie gehandelt habe, gelagert. Zuletzt habe die Familie in diesem Teil des Hauses vor allem »Spielzeug« untergebracht – Autos und Motorräder. Die darüber liegende Wohnung aber sei hin und wieder genutzt worden, vom 63-Jährigen, aber auch von seiner Schwester, schildert der Nachbar seine Beobachtungen. Wenn, dann sei vor allem am Wochenende jemand da gewesen, »dann waren die Rollläden oben«.

Hilfe in Krisen

Suchen Sie selbst nach Hilfe und Unterstützung in einer Krisensituation? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Anonym können Sie sich auch an die Krisenberatungsstellen des Arbeitskreis Leben (AKL) Reutlingen/Tübingen wenden.

Telefon: 0712119298 oder 0707119298

www.akl-krisenberatung.de

Auch in den Sozialen Medien reagieren die Menschen an diesem Mittwoch bestürzt auf die Bluttat. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile in ganz Deutschland, sämtliche Medien berichten. Auch der Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Donth zeigt sich geschockt. »Als ich die Nachricht gesehen habe, blieb mir die Luft weg«, sagte er im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung. Er könne sich kaum vorstellen, was dahinter stecke, wenn jemand seine eigene Familie töte und sprach sein Mitgefühl aus. (GEA)