REUTLINGEN. Was gibt es Schöneres als ein schickes Kleid oder einen eleganten Anzug zu kaufen. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, wenn man sich das heutige Konsumverhalten vieler Zeitgenossen vergegenwärtigt. Pro Kopf werden allein in Deutschland 40 bis 70 Kleidungsstücke im Jahr gekauft. Doch davon werden 40 Prozent maximal zweimal getragen. Die Auswahl ist riesig, große Textilunternehmen präsentieren in der Regel über 20 Kollektionen pro Jahr. Dabei werden beim Konsum auch heute noch Umweltaspekte und zum Teil menschenunwürdige Produktionsbedingungen ausgeblendet.
Themen wie »Fast Fashion« und unser Umgang mit ausgedienten Kleidungsstücken werfen Fragen über unser Konsumverhalten auf. Auch diesen Aspekt nimmt die Ausstellung »Garne. Stoffe. Waren. Vom Wert des Textilen« im Heimatmuseum in den Blick. Zudem widmet sie sich in neun Stationen dem Herstellungsprozess von Textilien: vom Rohstoff über den Faden bis hin zum fertigen Produkt. Das gestiegene Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Mode wird ebenfalls beleuchtet, denn Materialien wie Bio-Baumwolle, Hanf, Flachs oder Tencel gepaart mit nachhaltigem Färben, kürzeren Transportwegen sowie wiederaufbereiteten oder sogar recycelten Materialien schonen die Umwelt.
Bewusstsein des Wertes ist verloren gegangen
»Wir wollten verstärkt auf den Wert von Textilien aufmerksam machen«, so Marisse Hartmut vom Kuratorenteam beim Presserundgang, »denn der ist im Laufe der Zeit verloren gegangen«. Tatsächlich machen sich noch immer die wenigsten Gedanken darüber, wieviel Zeit es braucht, ein Kleidungsstück herzustellen. Ganz zu schweigen von Umweltverschmutzung und der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Einen großen Raum der Ausstellung nimmt der Herstellungsprozess von Textilien ein, der mit den kleinsten Bausteinen jedes Textils, den Fasern, beginnt. So bestimmen die Rohstoffart, die Faserlänge und das Spinnverfahren im Wesentlichen die Eigenschaften des Fadens, der durch das Verspinnen oder miteinander Verdrehen der Fasern entsteht.

Weitere Stationen sind die Verarbeitung zur textilen Fläche, Textilveredelung, bei der Stoffe durch bestimmte Verfahren in ihren Eigenschaften und ihrem Warencharakter verändert und verbessert werden oder die als »Konfektion« bezeichnete industrielle Bekleidungsherstellung. Reutlingen war im 19. und 20. Jahrhundert mit zahlreichen Textilfirmen und der 1855 gegründeten Webschule ein bedeutender Textilstandort, der weit über die Region hinaus wirkte. Bereits 1828 begann mit einer Wollspinnerei die industrielle Textilproduktion in der Achalmstadt. Zahlreiche Beispiele aus der Reutlinger Textilindustriegeschichte ergänzen die Informationen über Herstellungsprozesse. Gezeigt werden unter anderen eine alte Strickmaschine der Firma Stoll, ein Werbe-Musterbuch für Stoffe aus dem Jahr 1907 oder ein Webstuhl der Firma Geiger aus dem Jahr 1924.
Über eine Million Altkleider werden jedes Jahr entsorgt oder exportiert
Schließlich setzt sich die Ausstellung auch mit Fragen wie »wohin mit den vielen Kleidern, die keiner mehr will« auseinander. Ob Menschen, die die Textilien herstellen, unter guten Bedingungen arbeiten und genug Lohn erhalten, werden ebenso untersucht wie das Ende von Textilien als Müll oder im Recyclingprozess. Allein in Deutschland gibt es über eine Million Altkleider jedes Jahr, die entsorgt, exportiert, recycelt oder verbrannt werden müssen.
Die Wanderausstellung ist als gemeinsames Projekt des Arbeitskreises Textil im Museumsverband Baden-Württemberg entstanden. Die sechs beteiligten Museen des Arbeitskreises erarbeiteten die Grundkonzeption gemeinsam und runden die Gesamtschau mit eigenen Objekten und Geschichten ab. (GEA)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11–17 Uhr, Donnerstag 11–19 Uhr, Sonntag 11–18 Uhr. Heiligabend und Silvester geschlossen.

