REUTLINGEN. Die Stadt gibt sich Mühe mit dem Mobilitätskonzept für die Tübinger Vorstadt. Seit langer Zeit wird genau hingeschaut, was in dem Reutlinger Quartier läuft. Am Dienstagabend wurden dem Bauausschuss des Gemeinderates erste Erkenntnisse dieser Bestandsanalyse vorgestellt. Am Donnerstag, 5. Juni, gibt's ab 17.30 Uhr einen Info-Abend in der Hermann-Kurz-Schule, bei dem Einwohner ausdrücklich zum Mitreden eingeladen sind. Denn zu besprechen gibt es einige erstaunliche Erkenntnisse.
Ortsbegehung, Erhebungen des ruhenden Verkehrs, rechtliche Rahmenbedingungen, Geschwindigkeitsmessungen und eine Haushaltsbefragung der Bewohnerschaft lieferten reichlich Fakten für die Präsentation von Stadtplaner Stefan Dvorak. Der stellt zunächst eine hohe Qualität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im Viertel fest. Fünf Bushaltestellen sorgten für einen »flächendeckenden fußläufigen Zugang in unter fünf Minuten zum ÖPNV«. Keine Probleme hier, wohl aber mit dem Autoverkehr.
Deutlich schneller als erlaubt
Verschiedene Messungen durch das städtische Ordnungsamt zeigen ein gespaltenes Bild. Während in der Gminder- und Fizionstraße bei einer Erhebung schon vor längerer Zeit im Durchschnitt mit 22 Kilometern pro Stunde langsamer als die gestatteten 30 gefahren wurde, ist die Tübinger Straße im direkten Vergleich problematisch zu sehen. »45 Prozent fahren über den vorgegebenen 30 Kilometern pro Stunde«, sagt Dvorak. Laut Anwohnern gebe es auch Hinweise auf »nächtliche Rennen«. Der Leiter des Stadtplanungsamtes erklärt sich dies mit der schnurgeraden Straßenführung und großzügigen Breite, was eben zum Schnellfahren verleite.

Im Bezug auf die radelnde Bürgerschaft sei eine »grundsätzlich gute Integration in das Reutlinger Radwegenetz« festzustellen. Teilweise gebe es in der Gminderstraße Schwierigkeiten für den Mischverkehr durch die »hohe Durchschusswirkung des Straßenraums«. Der Radfahrstreifen auf der Tübinger Straße ist laut Dvorak mit einer Breite von weniger als 1,85 Metern »teilweise nicht richtlinienkonform«. Außerdem gebe es abgesehen vom Westbahnhof nahezu kein Angebot an Fahrradabstellanlagen.
Radwege gut integriert
Das heiße Eisen im Stadtviertel sind Parkplätze. Zu diesem Thema zeigt der Stadtplaner mehrere Pläne, äußert teils deutliche Kritik an den bestehenden »stark heterogenen Regelungen«, auch im Wechsel innerhalb der Straßenabschnitte. Mal gibt es Zonen fürs Bewohnerparken, daneben Kurzzeitparkplätze sowie Parken mit Parkschein, dann diverse Parkverbote bis hin zum absoluten Halteverbot – alles sehr unübersichtlich und schwer verständlich.
Info-Abend in der Hermann-Kurz-Schule
Mobilität nachhaltig, zukunftsgerichtet gestalten und Aufenthalts- und Lebensqualität im Quartier stärken – das ist das Ziel des Mobilitätskonzepts für die Tübinger Vorstadt, das derzeit vom Büro Stete Planung aus Darmstadt erarbeitet wird.
Am Donnerstag, 5. Juni, um 17.30 Uhr werden die Ergebnisse der Bestandsanalyse und erste Schlussfolgerungen in der Hermann-Kurz-Schule, Gminderstraße 40, der Öffentlichkeit präsentiert und mit den Bürgern diskutiert.
Bisher wurden die Einwohner der Tübinger Vorstadt an einer Haushaltsbefragung im Herbst 2024 beteiligt, aus der wichtige Erkenntnisse zur heutigen Situation im Quartier gewonnen werden konnten. Auch eine Erhebung des ruhenden Kfz-Verkehrs hat interessante Befunde zur Nachfrage und zum Flächenbedarf durch parkende Autos geliefert.
Die Diskussionsergebnisse sind eine wichtige Grundlage für die Maßnahmenentwicklung, die im nächsten Schritt des Mobilitätskonzepts erfolgt. Eine abschließende Veranstaltung zur Vorstellung der Ergebnisse ist für Ende des Jahres geplant. (pr)
Bei der Erhebung der Parkraumnachfrage zeigt sich ein klares Ergebnis: »Bei der Betrachtung des Untersuchungsgebiets ohne den bewirtschafteten öffentlichen Parkplatz am Bahnhof Reutlingen West liegt die Auslastung am Morgen bei über 80 Prozent, abends bei 77 Prozent. Der Parkdruck im Gebiet ist morgens und abends (eher) hoch, dies ist typisch für Gebiete mit überwiegender Wohnnutzung«, wird in der Analyse festgestellt.
Auffällig viele Fußgänger
Vor diesem Hintergrund wurde ein beachtlicher Anteil von Dauerparkern ohne Berechtigung festgestellt. Die Rede ist von 42 Prozent sowie einem »besonders hohen Anteil unerlaubt parkender Autos im Bereich Mitte«. Deswegen empfehle sich eine entsprechende Parkraumüberwachung. Vielleicht am spannendsten sind die Ergebnisse der Haushaltsbefragung.

Von den 168 Haushalten, die sich an der Befragung beteiligten, gaben stolze 41 Prozent an, sich zu Fuß zu bewegen. Zusammen mit den Nutzungsquoten von Bussen und Fahrrädern kommt die Tübinger Vorstadt auf einen Anteil von 68 Prozent im Umweltverbund. Dies, obschon 57 der Haushalte über zwei Automobile verfügen. Die grundsätzliche Struktur des Viertels sowie die Nähe zum Stadtzentrum scheint sich hier auszuwirken. Häufige Wünsche der Bewohner: Parkplätze und Tempokontrollen. (GEA)

