REUTLINGEN. Zehn Synodalkandidaten, davon vier Theologinnen und Theologen sowie sechs Laien, sind derzeit im neuen Kirchen-Wahlkreis Reutlingen unterwegs, um ihr Programm und das ihrer kirchenpolitischen Gruppierung, der sogenannten Gesprächskreise, vorzustellen und um die Stimmen der Protestanten am 30. November zu werben. Bis vor kurzem gab es noch die beiden Wahlkreise Reutlingen und Bad Urach-Münsingen, doch diese wurden für die nun anstehende Wahl zur 17. Landessynode zusammengelegt. Sechs Synodale werden den Wahlkreis in Zukunft in Stuttgart vertreten, zwei Theologen und vier Laien. Dabei geht es streng nach dem Mehrheitsprinzip: Die sechs Kandidaten mit den meisten Stimmen schaffen es ins Kirchenparlament. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist übrigens die einzige Gliedkirche der EKD, die eine solche Urwahl anbietet und wo die Kirchenmitglieder ihre Vertreter also direkt wählen können.
Themen-Tische, Ideen, Visionen
Das Wahlkreisgebiet ist groß und reicht von Wannweil bis über Engstingen hinaus, von Bempflingen bis Münsingen, von den Städten Reutlingen, Pfullingen, Metzingen, Bad Urach bis zu den kleinen Albgemeinden. Eine Herausforderung auch für die Kandidaten. Denn die Kirchenwahl ist vor allem eine Personenwahl, auch wenn die zehn Kandidaten sich in vier Gesprächskreisen engagieren und für das jeweilige Wahlprogramm werben. So wie in Kleinengstingen, wo zum Auftakt der Wahlkampftour gleich ein neues Format ausprobiert werden sollte, das sich vor allem an die Jugend richtete. Die war an diesem Abend zwar nicht gerade üppig vertreten, doch auch die jungen Erwachsenen und die Kircheninteressierten mittleren Alters goutierten diese neue Form eines Wahlabends. An Themen-Tischen wurden mit unterschiedlicher Besetzung durch die Synodalkandidaten offen Probleme diskutiert, Ideen formuliert, Visionen für eine Kirche der Zukunft notiert. Dabei ging es vor allem darum, wie die Jugend für Kirche begeistert werden kann und wie die Württembergische Landeskirche wohl in eineinhalb Jahrzehnten aussehen mag.
Nicole Diez, Leitende Referentin des Evangelischen Jugendwerks Bezirk Reutlingen, Jonathan Augenstein, Bezirksjugendreferent im Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen, und Martin Failenschmid, Vorsitzender des Evangelischen Jugendwerks Bad Urach-Münsingen, betonen, es sei ein besonderes Anliegen, viele Jugendliche für die Kirchenwahl zu begeistern. In der Kirche solle Mitgestaltung und Beteiligung gefördert werden, schließlich lebe die Kirche vom Mitmachen, so Failenschmid. Die drei sehen die Kirchenwahl nicht zuletzt auch als große Chance für Jugendliche, die Kirche zu verändern und der Institution ihren Stempel aufzudrücken. »Wir brauchen junge Menschen mit Visionen und Ideen, die sich auf verschiedenen Ebenen engagieren«, betont Failenschmid. Nicole Diez verweist auf die direkte Mitbestimmung, die durch die Wahl ermöglicht werde.
Kirchenpolitische Ausrichtungen
Trotz Personenwahl, die immer wieder stark hervorgehoben wird: Die Synodalwahl legt auch die kirchenpolitische Ausrichtung der Württembergischen Landeskirche für die kommenden sechs Jahre fest und setzt deren Schwerpunkte. Je nachdem wie viele Mandate die eher konservative »Lebendige Gemeinde«, die eher linke »Offene Kirche«, der Gesprächskreis der Mitte »Evangelium und Kirche« oder der jüngste Gesprächskreis »Kirche für morgen« für sich verbuchen können. Ein Blick in die Wahlprogramme offenbart dann doch zum Teil erhebliche Unterschiede auch in Bezug auf das, was den Auftrag der Kirche ausmacht.
So fordert die »Lebendige Gemeinde«, die bislang stärkste Gruppierung im Kirchenparlament, missionarische Gemeindeinitiativen, Neugründung und Stärkung von evangelischen Kitas und Schulen, weniger Vorschriften vom Oberkirchenrat und mehr Entscheidungen vor Ort, Stärkung der Diakonie, weniger Bürokratie und mehr Zeit für Gott und Menschen. Die »Offene Kirche« setzt ihren Akzent stark auf Klimaschutz, Kirche der Vielfalt, soziale Verantwortung, für Asylrecht »ohne Wenn und Aber«, für die Trauung queerer Paare. »Evangelium und Kirche« wirbt für eine theologisch inspirierte Kirchenpolitik, setzt sich für evangelische Kindergärten und den Erhalt des Religionsunterrichts ein, fordert mehr Entscheidungsfreiheit für Ehrenamtliche vor Ort, eine Stärkung der Diakonie. Die Gruppierung sieht sich als Mittler und erteilt Polarisierung und Parteipolitik eine Absage. »Kirche für morgen« sieht ihre Funktion darin, den ihrer Ansicht nach nötigen Wandel der Kirche anzupacken. Ziel sei eine Kirche, die nah bei den Menschen lebe und neue Wege gehe. Das bedeute: andere Musik, frische Formen, neue Stimmen. Die Gruppierung fordert zudem eine Quote für Jugendliche in allen Gremien und die Abschaffung der Kirchensteuer zugunsten eines Mitgliedsbeitrags, der der Gemeinde vor Ort zugutekommt.
Diskussionen und Ideensammlungen
Pfarrer Hartmut Bosch aus Bempflingen, Vorsitzender des Vertrauensausschusses für die Wahl, sieht gerade bei dieser Wahl zunächst einmal die Herausforderung, die Bewerber bekannt zu machen: »Der große Wahlkreis ist schon ein Thema, weil die Kandidaten ja vor allem in ihrem früheren Wahlkreis bekannt sind. Deshalb haben wir die Veranstaltungen auch geografisch etwas verteilt.« Bei der Plenumsrunde des ersten Wahlpodiums konnten die Besucher die Bewerber dann kennenlernen. Nicht nur durch eine klassische, kurz gehaltene Vorstellungsrunde, sondern beim anschließenden Gespräch an den Themen-Tischen. Dort wurde dann durchaus auch kontrovers diskutiert, als es um die Kirche im Jahr 2040 ging, um die Rolle der Jugendlichen in Gegenwart und Zukunft, um die Frage der zukünftigen Gestaltung der Gottesdienste sowie um Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung.
Die Ideen, die von den Mitdiskutierenden in die Runde geworfen wurden, reichten von Vermietung nicht genutzter Kirchengebäude an Flüchtlinge, Popmusik an der Orgel, eine zeitliche Veränderung der klassischen Sonntagmorgen-Gottesdienste, vermehrte Zusammenarbeit mit außerkirchlichen Partnern bis hin zu mehr Selbstständigkeit für die Kirchengemeinden vor Ort. Mit einem Satz durften Vertreter der Gesprächskreise dann zum Ende des Abends erklären, was sie sofort an der Kirche ändern würden. Reutlingens Dekan Marcus Keinath (Evangelium und Kirche) fordert Fusionen, sowohl auf Bezirksebene als auch auf Landesebene und tritt für einen Zusammenschluss der beiden Landeskirchen in Baden-Württemberg ein, Pfarrer Martin Breitling (Offene Kirche) will ein Friedenspfarramt installieren und es bei der Jugendarbeit ansiedeln, Anette Rösch (Lebendige Gemeinde) wünscht sich für junge, gut ausgebildete Menschen mehr alternative Zugänge zum Pfarramt und Pfarrer Tobias Schreiber (Kirche für morgen) hofft, dass die Veränderungsprozesse in der Kirche mit denen besprochen werden, um die es eigentlich gehe, nämlich den jungen Menschen. So solle die Jugend eine Stimme bekommen.
Der Jugend eine Stimme zu geben, dies gilt nicht nur für die Landessynode, sondern auch für die Kirchengemeinden, bei denen ebenfalls die Neuwahlen zu den Kirchengemeinderäten anstehen. Bei der Landeskirche Württemberg werden zum Beginn des Kirchenjahres am ersten Advent die Karten also neu gemischt. Bei aller kirchenpolitischen Ausrichtung bleibt jedoch auch im 21. Jahrhundert der Auftrag der Kirche derselbe: Das Evangelium von Jesus Christus unter die Menschen zu bringen. Daran hat sich in zwei Jahrtausenden nichts geändert. (GEA)
Die Synodalwahl und die Kandidaten im Wahlkreis Reutlingen
Die Landessynode ist die gesetzgebende Versammlung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Ihre Aufgaben ähneln denen eines Parlaments. Die Synode entscheidet über kirchliche Gesetze und den kirchlichen Haushalt. Außerdem wählen die Mitglieder der Landessynode – Synodale genannt – den Landesbischof. Der aktuellen Landessynode gehören 91 Mitglieder an. Darunter sind die 30 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 60 Laien, die direkt von den Gemeindegliedern in einer Urwahl – einmalig für die Evangelischen Kirchen in Deutschland – gewählt werden. Zudem entsendet die evangelisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen einen Vertreter.
Die Wahl findet alle sechs Jahre statt. In der Landessynode gibt es, ähnlich den politischen Parteien in den Parlamenten, aber ohne Fraktionszwang, die sogenannten Gesprächskreise: »Lebendige Gemeinde«, »Offene Kirche«, »Evangelium und Kirche« und »Kirche für morgen«. Der Wahlbezirk Reutlingen umfasst den Kirchenbezirk Reutlingen und den Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen. Es werden zwei Theologen beziehungsweise Theologinnen und vier Laien gewählt.
"Lebendige Gemeinde": Maike Sachs, Pfarrerin, Gächingen; Karl-Wilhelm Röhm, Oberstudiendirektor a.D., Steingebronn; Anette Rösch, Bürgermeisterin a.D., Wannweil.
"Offene Kirche": Martin Breitling, Pfarrer, Kohlstetten; Elisabeth Holm, Studentin; Tilmann Müller, Studiendirektor, Reutlingen.
"Evangelium und Kirche": Marcus Keinath, Dekan; Ingrid Schaar, Lehrerin i.R., Eningen.
"Kirche für morgen": Tobias Schreiber, Pfarrer, Bad Urach; Klaus Hirrle, Diplom-Verwaltungswirt (FH), Dettingen/Erms.

