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Sturz des Assad-Regimes: Was Syrer aus Reutlingen sagen

Am 8. Dezember 2024 wurde der syrische Diktator Baschar al-Assad gestürzt. Wie sieht es heute aus in dem Land, in dem 13 Jahre ein Bürgerkrieg tobte? Syrer aus der Region berichten von ihren Erlebnissen auf der Flucht, ihrem Leben in Deutschland und warum eine Rückkehr für sie derzeit undenkbar erscheint.

Die syrische Stadt Harasta: So wie hier sieht es in großen Teilen Syriens aus.
Die syrische Stadt Harasta: So wie hier sieht es in großen Teilen Syriens aus. Foto: Marcus Brandt/dpa
Die syrische Stadt Harasta: So wie hier sieht es in großen Teilen Syriens aus.
Foto: Marcus Brandt/dpa

REUTLINGEN/PLIEZHAUSEN. Mehr als 50 Jahre dauerte die Herrschaft der Familie Assad in Syrien an – und sie endete vor einem Jahr mit der Flucht Baschar al-Assads aus Damaskus. Der hatte im Jahr 2000 die Nachfolge seines Vaters angetreten und sein Volk hoffte auf mehr Freiheit und Demokratie. Eine Hoffnung, die sich schnell zerschlug. Im März 2011 ließ Baschar al-Assad die friedlichen Proteste seiner Bürger brutal niederschlagen und stürzte sein Land in einen 13 Jahre währenden Bürgerkrieg.

Ein Krieg, der fast 500.000 Menschen das Leben kostete und mehr als zwölf Millionen in die Flucht trieb. Viele dieser Kriegsflüchtlinge sind nach Deutschland gekommen – und leben bis heute hier. Drei von ihnen waren bereit, dem GEA von ihrer Flucht und ihrem Leben hier zu erzählen, und warum sie sich momentan nicht vorstellen können, in ihre einstige Heimat zurückzukehren.

»Wir wollten Freiheit und die Menschen sind dafür auf die Straße gegangen«

Wael Alsade war 22 Jahre, als er 2015 beschloss, aus seiner Heimat zu fliehen. »Wir wollten Freiheit und die Menschen sind dafür auf die Straße gegangen«, erinnert sich Alsade an das Frühjahr 2011. Das Assad-Regime reagierte mit Waffengewalt. »Wir wollten nicht gehen, wir mussten«, berichtet Wael Alsade. Seine Eltern schickten ihn los, damit er nicht vom Militär eingezogen wurde. Er hatte kaum Gepäck dabei. »Ich dachte, ich bin in kurzer Zeit wieder zurück.«

Drei Tage stand der junge Mann damals an der Grenze, wusste nicht, wie es für ihn weitergehen soll. »Frau Merkels Worte damals haben mich berührt. Ich suchte nach Leben und sie haben mir Hoffnung gegeben.« Schnell hat er Deutschland als neue Heimat angenommen. Er hat Sprachkurse besucht, sich fortgebildet. Er hat viel Kontakt mit anderen Flüchtlingen, aber auch viele deutsche Freunde.

»Alles ist zerstört, das kann man sich nicht vorstellen«

Obwohl er bestens integriert ist, vermisste er Syrien. Fast zehn Jahre war Wael Alsade nicht mehr dort, er konnte weder von seiner Mutter Abschied nehmen, die 2016 gestorben ist, noch von seinem 2019 gefallenen Bruder. "Dieses Jahr konnte ich erstmals wieder nach Hause reisen", erzählt der junge Familienvater, der zwischenzeitlich die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Er konnte sich ein Bild davon machen, wie es heute in Syrien aussieht. »Alles ist zerstört, das kann man sich nicht vorstellen«, sagt er, und zeigt Videos von einer Autofahrt in der Nähe von Damaskus. Von vielen Häusern steht kaum noch etwas, stattdessen liegen überall hohe Trümmerberge, die Straßen sind gesäumt von Schlaglöchern. Es gibt kaum Elektrizität oder Wasser, die komplette Infrastruktur ist zerstört.

Eine Rückkehr nach Syrien? Das ist für Wael Alsade derzeit keine Option. Unter solchen Umständen leben zu müssen, kann er sich für sich, seine Frau und ihre kleine Tochter nicht vorstellen. Außerdem hat er sich in Deutschland eingelebt, er fühlt sich wohl, spricht fließend deutsch, hat viele Freunde und Bekannte. Gemeinsam mit seinem Onkel hat er in Pliezhausen eine Polsterei eröffnet, ist in der Gemeinde integriert. »Ich lebe zwei Kulturen«, sagt er, Syrien ist weiter in seinem Herzen, aber auch Deutschland ist ein Teil von ihm geworden.

»Ich lebe zwei Kulturen, Syrien ist weiter in meinem Herzen«
Wael Alsade lebt seit 2015 in Deutschland. Er hat mit seinem Onkel in Pliezhausen eine Polsterei.
Wael Alsade lebt seit 2015 in Deutschland. Er hat mit seinem Onkel in Pliezhausen eine Polsterei. Foto: Privat
Wael Alsade lebt seit 2015 in Deutschland. Er hat mit seinem Onkel in Pliezhausen eine Polsterei.
Foto: Privat

Für einen anderen Mann, der 2011 aus Syrien fliehen musste, wäre eine Rückkehr ein einziges Desaster. Der 50-Jährige will nicht namentlich genannt werden. Er sei Kurde, erzählt er, und wie die meisten Kurden musste er lange Zeit ohne Pass in Syrien leben – »die Ausreise war uns verboten«. Auch in vielen anderen Bereichen wurde die kurdische Minderheit unterdrückt, »wir durften keinen Besitz haben, kein Krankenhaus besuchen und wird konnten nur bis zur neunten Klasse in die Schule«. Als der Bürgerkrieg ausbrach, kam es auch in der Gesellschaft zu tiefen Gräben. »Teile waren für Assad, andere wollten Freiheit«. Er erinnert sich an Korruption und Diskriminierung, noch schlimmer als in den Jahren vor dem Krieg.

Er sollte ins Militär eingezogen werden, dank der Hilfe seines Chefs konnte er mit seiner Familie in den Libanon fliehen. Dort blieben sie zwei Jahre, aber die Lebensumstände waren schlecht. Der Libanon beherbergt, gemessen an der Einwohnerzahl, die meisten Flüchtlinge weltweit - und ist damit komplett überfordert. Also zog die Familie 2014 weiter in die Türkei. »Aber dort durfte unsere Tochter nicht zur Schule gehen und das Geld, das ich verdient habe, reichte nicht zum Leben.« Als dann auch noch sein Sohn schwer erkrankte, machte er sich auf die gefährliche Reise nach Deutschland, um dort Asyl zu beantragen.

»Assad ist ein Mörder, aber nach ihm ist ein anderer Mörder gekommen«

Hier hat er nicht nur die Sprache gelernt, sondern auch eine Ausbildung zum Energie- und Gebäudesystemtechniker absolviert. »Das war gar nicht so einfach mit 50 Jahren neben 18-Jährigen in der Schule zu sitzen«, sagt er mit einem Lächeln. Aber er hat es geschafft. Irgendwann will er noch den Meistertitel machen, einen eigenen Betrieb aufbauen. Zurück nach Syrien? Das will er auf gar keinen Fall. Er vermisse Syrien nicht, betont er, ganz im Gegenteil. In den 35 Jahren, die er dort gelebt hat, ging es ihm schlecht - und er glaubt nicht, dass sich die Lage unter der neuen Regierung bessert.

»Assad ist ein Mörder, aber nach ihm ist ein anderer Mörder gekommen«. Er sei Muslim, betont er, aber keiner, der ständig in die Moschee geht, seine Frau trage auch kein Kopftuch. Unter dem neuen Machthaber Ahmed al-Scharaa könnten die radikalen Kräfte stärker werden, so seine Sorge, und damit drohe ihnen erneut Verfolgung und Unterdrückung. Vor allem Minderheiten könnten leiden. »Die neue Regierung hasst die Kurden auch.«

Am 8. Dezember 2024: Syrer feiern auf den Straßen den Sturz des Diktators.
Am 8. Dezember 2024: Syrer feiern auf den Straßen den Sturz des Diktators. Foto: Christoph Reichwein/dpa/dpa
Am 8. Dezember 2024: Syrer feiern auf den Straßen den Sturz des Diktators.
Foto: Christoph Reichwein/dpa/dpa

Hinzu komme, dass das Land zerstört sei, es fehlt an Wohnung, Arbeit und Lebensmitteln. Er wisse von vielen, die auf der Straße leben. So etwas wolle er seiner Frau und seinen Kindern nicht zumuten. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft vor kurzem bekommen, seine Frau macht weitere Sprachkurse, damit sie sie ebenfalls erhält. Sie haben Sorgen, sagt er, dass sie zurückgeschickt werden könnten.

»Mein Bruder starb in einem Gefängnis. Bis heute wissen wir nicht, wo er begraben ist«

Auch der dritte Syrer, der dem GEA ein Interview gibt, berichtet von einem zerstörten Land, in das er diesen Sommer erstmals nach mehr als zehn Jahren zurückkehren konnte. Der Sturz des Assad-Regimes war für ihn wie ein Traum - »die Welt wurde anders und heller«. Denn er musste gleich zu Beginn des Bürgerkrieges vor dem Diktator fliehen - er gehörte zu den aktiven Demonstranten für Freiheit und Demokratie. »Ich wurde von der Regierung gesucht«, erzählt er. Sein Bruder starb in einem der vielen Gefängnisse, die Assad errichtet hatte. »Bis heute wissen wir nicht, wo er begraben ist.«

Er hat sich und seine Familie in Sicherheit gebracht, zunächst nach Jordanien. Dort fand er kaum genug Arbeit, um überleben zu können, weshalb er im Jahr 2015 beschloss, die Flucht nach Europa zu wagen. Um sie bezahlen zu können, musste er alles, was er hatte, verkaufen. »Mir war klar, dass ich Syrien vergessen muss.« In Deutschland angekommen, führte ihn sein Weg zunächst nach Hayingen. »Ich habe immer viel Hilfe bekommen«, zeigt er sich dankbar. Er meldete sich für den Bundesfreiwilligendienst, lernte Deutsch, bewarb sich um eine Ausbildung. In Syrien war er Französischlehrer - da passt eine Ausbildung im pädagogischen Bereich als Jugend- und Heimerzieher gut. Der heute 40-Jährige holte dann, sobald es ging, Frau und Kinder nach. »Meine Tochter habe ich zum ersten Mal gesehen, da war sie eineinhalb Jahre alt«.

»Mir war klar, dass ich Syrien vergessen muss«

Seine Kinder kennen die Heimat ihrer Eltern nicht, sie sind in Deutschland aufgewachsen. Entsprechend fremd war Syrien für sie, als sie im Sommer zum ersten Mal dorthin konnten und Familienangehörige kennenlernten. Vor allem vom Ausmaß der Zerstörung waren sie tief betroffen. »Die Menschen dort leiden Not, alles ist kaputt«, berichtet der Syrer, der in einer Reutlinger Bezirskgemeinde lebt. Viele müssen mit einem Monatseinkommen von umgerechnet nicht einmal 90 Euro klarkommen. Der Wiederaufbau wird noch viele Jahre andauern, ist er sicher, hinzu kommen die traumatischen Kriegserfahrungen, unter denen die Menschen leiden. »Das wird Generationen dauern, bis es überwunden ist.«

Dennoch sieht er Hoffnung für das Land. Nach dem Sturz des Regimes habe man bei vielen Menschen Freude gespürt - auch wenn die neue Regierung nicht perfekt sei. Er selbst will jedoch in Deutschland bleiben, dem Land, das für seine Kinder die Heimat ist. »Wo meine Familie glücklich ist, bin ich auch glücklich.« Er, seine Frau und seine beiden Kinder besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, sie sind integriert in dem Land, in dem sie Zuflucht gefunden haben. Für ihn war es keine Flucht auf Zeit, sondern ein kompletter Neuanfang. (GEA)