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Stillende Reutlinger Stadträtin: Muttermilch mit Rathausluft

Stillende Stadträtin: Zu den Sitzungen des Reutlinger Gemeinderats bringt Silke Bayer ihre kleine Tochter mit

Beratung mit Baby an Bord: Silke Bayer und Laura bei einer Gemeinderatssitzung. FOTO: PRIVAT
Beratung mit Baby an Bord: Silke Bayer und Laura bei einer Gemeinderatssitzung. FOTO: PRIVAT
Beratung mit Baby an Bord: Silke Bayer und Laura bei einer Gemeinderatssitzung. FOTO: PRIVAT

REUTLINGEN. Silke Bayer empfängt »die Presse« in ihrem Zuhause am Ortsrand von Betzingen ungeschminkt, die Haare praktisch zusammengebunden, in Jeans und Pullover. Wie wahrscheinlich die meisten Frauen, die sich nicht »nur« um zwei Kinder und Haushalt kümmern, muss sie manchmal praktisch denken, Eitelkeiten hintenanstellen. Ihr Großer, Erik (10), sitzt am Esstisch und macht Hausaufgaben. Die Kleine, Laura, beobachtet mit ihren großen blauen Babyaugen vom Arm ihrer Mutter aus, was um sie herum passiert. Aufmerksamkeit ist sie gewohnt, nicht nur in der Familie. Vor allem am Anfang, als die 33-jährige Stadträtin anfing, sie zu den Sitzungen des Reutlinger Gemeinderats mitzunehmen, »hat sie mir die Show gestohlen, wenn ich etwas gesagt habe«, bemerkt die SPD-Kommunalpolitikerin mit einem Grinsen.

»Anfangs hat sie mir die Show gestohlen im Gemeinderat«

Die Reutlingerin hat Theologie und Germanistik auf Lehramt studiert und arbeitet als Lehrerin an einer beruflichen Schule in Stuttgart. Vielmehr arbeitet sie dort derzeit nicht, weil sie seit der Geburt ihrer Tochter im Oktober 2019 in Elternzeit ist. Ihr kommunalpolitisches Engagement ebenso lange ruhen zu lassen wie den Job, das wäre für Silke Bayer nicht infrage gekommen. Nicht nur, weil sie einfach gerne mitmischt und weil sie es wichtig findet, dass Menschen ihrer Generation im Gemeinderat ihre Sicht der Dinge vertreten. Sondern auch, weil sie ihre Fraktionskollegen nicht so lange im Stich lassen wollte: »Wenn einer ausfällt, muss das von den anderen aufgefangen werden.« Deshalb ist in den Beratungen jetzt meistens ein Baby an Bord.

Auch bei einer Normalbesetzung, wenn keiner ausfällt, ist das öffentliche Leben der Gremiumsmitglieder anstrengend und zeitaufwendig: Zu den monatlichen Gemeinderatssitzungen, die sich regelmäßig über vier, fünf Stunden ziehen, kommen Treffen in den Ausschüssen. Dazu die inhaltliche Vorbereitung auf die Sitzungen, die locker einen halben Arbeitstag ausfüllen, die Fraktionstreffen, das Schreiben von Anfragen und Anträgen und die vielen Einladungen, die den Stadträten ins Haus flattern: zu Ehrungen, Jubiläen, Vernissagen, Einweihungen. »Man könnte jeden Tag irgendwo hingehen«. sagt Silke Bayer. Nur der Mittwochabend ist ihr heilig, der ist immer fürs Private reserviert.

Die Stadträtin beschäftigt sich viel mit Familienthemen und findet es wichtig, dass Menschen ihres Alters im Gemeinderat mitrede
Die Stadträtin beschäftigt sich viel mit Familienthemen und findet es wichtig, dass Menschen ihres Alters im Gemeinderat mitreden. FOTO: KÜSTER
Die Stadträtin beschäftigt sich viel mit Familienthemen und findet es wichtig, dass Menschen ihres Alters im Gemeinderat mitreden. FOTO: KÜSTER

Für Silke Bayer war klar, dass sie ihre kleine Tochter einfach mitnimmt in die Sitzungen, zumindest solange sie in kurzen Abständen stillen muss. Milch abzupumpen habe sie bei ihrem ersten Kind versucht, das habe bei ihr aber nicht so gut geklappt. Wenn sie ihrer Tochter im Sitzungssaal die Brust gibt oder mit Laura auf und ab geht, um sie zu beruhigen, dann nicht demonstrativ, nicht um dadurch etwa ein politisches Statement abzugeben. Sondern aus rein praktischen Gründen: »Würde ich dazu aus dem Raum gehen, würde ich die Diskussionen und Inhalte verpassen.« Dass sie mit ihrem Baby im Arm Aufsehen erregen würde, hätte sie im Vorfeld nicht erwartet. »Ich habe es einfach gemacht.« Die Reaktionen, die sie von ihren Gemeinderatskollegen und -kolleginnen bekommen hat, seien durchweg positiv gewesen.

»Männer kriegen manchmal immer noch abwertende Kommentare«

Eine große Unterstützung sei während der Sitzungen ihr Mann, der oft vor Ort ist und Laura übernimmt, wenn sie unruhig wird und Aufmerksamkeit einfordert. Die Elternzeit mit ihm zu teilen, sei aufgrund seiner beruflichen Situation nur bedingt möglich – obwohl sie die Besserverdienende in der Familie ist und gerne bald wieder arbeiten würde. Sie gehe natürlich von Gleichberechtigung aus, aber »so wirklich gibt es die nicht. Sonst wäre es selbstverständlich, dass junge Mütter im Rat sitzen und ihre Partner unterstützen, indem sie den Nachwuchs stillen«, sagt sie als Frau und Kommunalpolitikerin. »Männer kriegen manchmal immer noch abwertende Kommentare, wenn sie wegen der Kinder Termine absagen«, hat sie auch im Freundeskreis beobachtet.

Immerhin wird er das Töchterchen bald ganz während der Sitzungen übernehmen können, wenn Lauras Essen-Schlafen-Spielen-Zyklen lang genug geworden sind. »Ich freue mich darauf, irgendwann auch wieder bei den Nachsitzungen dabei sein zu können.« Die Treffen der Stadträte aller Fraktionen und der Mitarbeiter der Stadtverwaltung seien nett und wichtig fürs Netzwerken. Bis dahin wird das kleine Menschlein weiter Rathausluft mit der Muttermilch einsaugen. Ob sie das zur geborenen Kommunalpolitikerin macht? Oder vielleicht zur geborenen Bürgermeisterin? Zumindest scheint Laura für die Stimme und den Tonfall von Bürgermeister Robert Hahn ganz besonders empfänglich zu sein: »Wenn er redet, dann fängt auch sie gerne an, vor sich hinzubrabbeln«, erzählt Silke Bayer, »als wollte sie mitreden.« (GEA)