REUTLINGEN. Das vergessen sie nie: Zehn Studentinnen und Studenten der Stuttgarter Hochschule für Technik haben im »Gläsernen Haus« der Oberamteistraße einen Stampflehmboden geschaffen. Stundenlang schwere Eimer voller Lehm nach unten in den Keller getragen, das Material verteilt und in Handarbeit verdichtet. Womit die Architekten von Morgen ihren Beitrag zu einem Stück Zukunft mit Geschichte geleistet haben. Denn dieser braune Bodenbelag kann wie die älteste Häuserzeile der Stadt jetzt schon einiges erzählen. Ende dieses Jahres wird das »Gläserne Haus« mit seinem faszinierenden Fachwerk für die Öffentlichkeit eröffnet.
Seit Jahrtausenden haben Menschen ihre Behausungen mit Erde gebaut. Ebenso sind die ursprünglichen Kellerböden des 1972 abgerissenen »Steinernen Hauses« an der Oberamteistraße 34, das wegen seiner Fassade aus Glasziegeln mittlerweile im Volksmund den Namen »Glashaus« trägt, ursprünglich eben aus Lehm gewesen.
»Genau so hat man's auch vor 600 Jahren schon gemacht«
Begeistert besichtigt Oberbürgermeister Thomas Keck die Baustelle im Keller, »genau so hat man’s auch vor 600 Jahren schon gemacht«. Denn Lehm ist, erzählen die Fachleute von den Stuttgarter Wulf Architekten, einer der umweltschonendsten Baustoffe überhaupt. Für Gewinnung, Transport und Mischen wird nur wenig Energie gebraucht. Im Gegensatz zu Beton, gebrannten Kunststeinen oder Stahl beschränkt sich der Ressourcenverbrauch auf ein Minimum bei Gebrauchseigenschaften, die überzeugen.
»Der Keller ist erdberührt. Er hat eine Restfeuchtigkeit. Der Lehm kann Feuchtigkeit aufnehmen und zeitverzögert abgeben«, erklärt Architekt Tobias Wulf. Obendrein sorgt er für ein angenehmes Raumklima und kann unter anderem Gerüche binden. Niemand wird dreckige Füße auf dem fertigen Stampflehmboden bekommen. Jetzt trocknet er erst mal einige Wochen. Abgeschliffen wurde er schon, schließlich kommt nach dem Trocknen eine Versiegelung mit Carnaubawachs. Letztlich entsteht eine glatte und harte Fläche fast wie Marmorboden, nur viel schöner und gesünder sowie ganz einfach langfristig zu reparieren.
Die Zukunft der Oberamteistraße
Mit der Sanierung und dem Neubau der Gebäude Oberamteistraße 28 bis 34 entsteht laut Stadt eine neue Kultureinrichtung mit dem Fokus auf die Stadt, ihre Geschichte und ihre Menschen. Sie soll ein wichtiger neuer Bestandteil des kulturellen Angebotes rund um das Quartier Oberamtei-straße im Herzen Reutlingens sein.
Das Häuserensemble soll nach Abschluss der Bauarbeiten eine öffentlich zugängliche Kultureinrichtung sein, die neben Reutlingern auch Gäste der Region Neckar-Alb, der Metropolregion Stuttgart und weit darüber hinaus ansprechen möchte.
Der Häuserzeile schreiben die Planer künftig viele Funktionen zu: »Sie ist Museum, Ausstellungshaus und Veranstaltungsort mit einem Forum für gesellschaftlichen Diskurs. Sie lädt zum Verweilen ein und bietet Raum für Austausch, Lernen und Erlebnis. In dieser guten Stube der Stadt kommen Menschen zusammen und finden Veranstaltungen zu unterschiedlichsten Themen statt – auch und gerade mit Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.«
Als Ausstellungshaus präsentiere das Ensemble seine über 700 Jahre lange Bau- und Nutzungsgeschichte als Erlebnis und widme sich zudem dem Umgang mit Denkmalpflege. (pr)
Der »Praxisworkshop Stampflehmboden« der Fakultät Architektur und Gestaltung der Stuttgarter Hochschule für Technik wurde initiiert von Philipp Stute und Melissa Acker. Junge Menschen, die Architektur oder Innenarchitektur studieren, arbeiten ganz praxisnah. Als Lehmbaubetrieb leitet Monolut aus Gleichen die Teilnehmer an. Das natürliche Arbeitsmittel hat die Firma Conluto aus Blomberg/Istrup für den Workshop spendiert. Es besteht aus einem Gemisch von natürlichem Lehm mit Kies als Bindematerial. Mit einer Eimerkette befördern die Studenten das Material in den nach oben offenen Keller. Eimer für Eimer, viele Stunden lang. Die gleichmäßig ausgebrachten 15 Zentimeter Schichtdicke werden anschließend auf nur noch neun Zentimeter verdichtet – und zwar per Hand mit schweren Stampfern und einem Rüttler.

»Eine große Chance richtig einzusteigen. Zu sehen, wie man’s macht«, freut sich die Architekturstudentin Linda Sonnenberg (25) auf einem Brett kniend bei der Arbeit, die gänzlich ehrenamtlich ist. »Lehm ist noch nichts Alltägliches«, meint hinter ihr Studienkollege Hannes Vollmer (24). Beide sind gemeinsam mit den anderen im Workshop dabei, die Ecken und Ränder des Bodens mit Holzklötzchen und Hammer zu verdichten. »Wir planen viel im Studium, aber es selber zu machen, gibt einem ein anderes Grundverständnis«, sagt Sonnenberg.
»Man könnte so einen Lehmboden auch selber machen«
Zum Beispiel die Erkenntnis, dass die viele Jahrtausende alte Bauweise im Prinzip simpel zu handhaben ist. »Man könnte so einen Lehmboden auch selber machen«, sagt Vollmer. Eine dreckige Arbeit, aber dafür dann sogar noch preiswert, »und besser für die Natur«. Oberbürgermeister Keck bewegen beim Blick in das immer schöner werdende Ensemble noch weitere Gedanken.
Keck freut sich auf die Eröffnung des »Gläsernen Hauses« im November, »und ich hoffe sehr, dass dann das Stammtischgewäsch aufhört«. Damit meint er auf Nachfrage, »besonders ärgert mich die populistische Gegenrechnung: Lieber Schulen sanieren als ein Glashaus«. Wer so rede, verkenne die Tatsachen. »Wir standen nicht vor dieser Frage. Nichts zu tun hätte Abriss bedeutet«, betont der Oberbürgermeister.

Also das endgültige Verschwinden der historischen Häuserzeile Oberamteistraße 28–32 aus dem frühen 14. Jahrhundert und des Kellers des schon zuvor abgebrochenen »Steinernen Hauses« auf dem Grundstück Nr. 34. Dies alles gehört zum ältesten Baubestand der ehemals Freien Reichsstadt Reutlingen und zählt zu den ältesten Häuserzeilen Süddeutschlands – und es hatte eine kleine Ewigkeit gedauert, bis mit ihrer Sicherung begonnen wurde. (GEA)




