REUTLINGEN. Starkregen und andere extreme Wetterereignisse nehmen stetig zu - laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) gab es zwischen 2001 und 2023 knapp 24.000 Starkregenereignisse in Deutschland. Betroffen davon sind oft auch Privathaushalte, wenn Wasser durch die Leitungen nach oben gedrückt wird oder das Regenwasser durch niedrig gelegene Fenster läuft. »Mit einem normalen Landregen hat unser Kanalnetz keine Probleme«, sagt Torsten Müller von der Stadtentwässerung Reutlingen (SER). Gefährlich sind nur hohe Spitzen, wenn also innerhalb kurzer Zeit enorme Regenmengen vom Himmel fallen, die das Kanalsystem nicht mehr abführen kann.
100-jährliche Regenereignisse treten längst nicht mehr nur alle 100 Jahre auf, oft gehe die Intensität sogar darüber hinaus, zeigt Müller anhand einer Karte. Eines der ganz großen Unwetter, das Reutlingen in den vergangenen Jahren getroffen hat, war das Starkregen- und Hagelereignis am 23. Juni 2021: Zahlreiche Gebäude wurden durch auftretendes Oberflächenwasser überschwemmt, Brücken wurden beschädigt, Ufer durch die Wassermengen abgebrochen, Dutzende Keller liefen voll. Das führe dann immer auch zu vielen Notrufen, erklärt Müller, die Rettungskräfte kommen mit der Arbeit nicht mehr nach.
Vielfältiges Engagement der Stadt
Nach den extremen Wetterereignissen in den vergangenen Jahrzehnten hat die Stadt einiges unternommen, um sich besser zu schützen und auf katastrophale Wetterlagen vorbereitet zu sein. »Der Leitfaden Regenwasser, die Starkregengefahrenkarten und der erste Reutlinger Extremwettertag im vergangenen Jahr sind nur einige Beispiele für das vielfältige Engagement«, schreibt die Pressestelle der Stadt dazu. Doch wichtig ist auch das Engagement jedes einzelnen Hausbesitzers, um sein Hab und Gut in Sicherheit zu wissen.
Besonders wirksam kann man sich vor Überflutungen schützen, die durch Rückstaus verursacht werden. Zur Veranschaulichung, wie diese entstehen, hat die SER »ein eigenes Ausstellungsstück kreiert«, wie Müller erklärt. Dieses wird auf Messen oder Veranstaltungen mitgenommen, oder bei Bedarf aber auch gerne an andere Kommunen verliehen. Das Modell zeigt auf der einen Seite einen Schacht und ein öffentliches Kanalsystem, auf der anderen Seite private Leitungen, die von Waschbecken oder Toiletten wegführen. »Diese beiden Systeme hängen zusammen, und sie kommunizieren«, erklärt Müller. Das bedeutet, das Wasser steigt in allen Kanalsystemen an, bis der maximale Füllstand erreicht ist.
Wassermassen können nicht abgeleitet werden
Nimmt man nun den Fall, dass es schnell und heftig regnet: Dann können die gewaltigen Wassermassen nicht schnell genug abgeleitet werden, und innerhalb kurzer Zeit steigt der Wasserspiegel an. In den unteren Gebäudeteilen kann das Wasser durch diesen Rückstau auch nach oben gelangen und enorm ansteigen. In dem Modell wird dies deutlich gezeigt: In beiden Kanälen steigt das Wasser zügig an - kann es nicht abgeleitet werden, sprudelt es durch den Abfluss, Waschmaschinenzugänge oder die Toilette nach oben und kann innerhalb weniger Minuten die Räume mit Ab- und Regenwasser fluten.
Unter Umständen steigt das Wasser bis auf Höhe der Straßenoberkante - hier ist in den meisten Fällen der sogenannte »maximale Füllstand«, sagt Müller. Ab dort kann sich das Wasser oberflächig verteilen und steigt nicht mehr signifikant an. Allerdings kann es dann durch Fenster und Lichtschächte eindringen. Und Räume, die unterhalb des Füllstandes liegen, werden überflutet.
Möglichkeiten der Vorsorge
Die Wasserschäden, die entstehen können, sind immens, hinzu kommt der Gestank des Fäkalwassers. Bezahlen müssen die Reparaturen die Hausbesitzer meistens selbst, denn sie sind zu Schutzmaßnahmen verpflichtet, und viele Versicherungen verweigern die Kostenübernahme. Die SER hat einige Ausstellungsstücke und Infos zusammengestellt, wie man sich vor solchen Überflutungen schützen kann.
Für alte Häuser empfehlen sich dezentrale Möglichkeiten. Es gibt Abflüsse und Siphons mit Rückstausicherungen. Je nach Nutzung und je nachdem, was für eine Art von Wasser anfällt, gibt es unterschiedliche Systeme, teilweise mit Pumpen, Hebeanlagen oder einfachen Klappen. In neueren Gebäuden oder Mehrfamilienhäusern wird dies zentral geregelt - und ist oft schon eingebaut. Je nach Umfang und Bedarf können sich die Kosten eines solchen Rücklaufschutzes auf mehrere tausend Euro belaufen - was verglichen mit dem Schadensfall jedoch wenig ist. Einfache Rückstauklappen gebe es schon für weniger Geld, betont Müller.
Auch Lösungen gegen eindringendes Wasser von außen zeigt die SER anhand von Vorführmodellen: Vom wasserdichten Fenster bis zum mobilen Hochwasserschutz, der vor Türen aufgebaut werden kann, reicht das Spektrum. Wer Vorsorge trifft, schützt zum einen seinen Besitz, zum anderen entlastet er aber auch die Rettungskräfte, die in solchen Katastrophen ohnehin am Limit sind. Auf der Homepage der SER gibt es viele Infos, sowie Links zu Info-Filmen. (GEA)
www.ser-reutlingen.de


