REUTLINGEN. Anna Bierig backt nicht gerne kleine Brötchen. Nach der aufsehenerregenden »Nur-Lieben-Kamapagne« präsentierte die Chefin der Reutlinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (StaRT) den Räten im Finanzausschuss nun eine Unternehmensstrategie mit vielen sehr flauschigen Marketing-Formulierungen, aber auch einem sehr konkreten Ziel: Reutlingen soll zu den »Top 3 der lebenswerten Großstädte in Baden-Württemberg« gehören.
Diese »Vision« zu erreichen, sei ihr und der StaRT-Truppe am Albtorplatz eine »Mission«. Wie dieses Ziel erreicht werden soll? Der GEA hat nochmal konkreter nachgefragt. Ergebnis: Da ist noch vieles im Werden. Einen Zeitplan für die Vision könne man »schlecht festmachen«, räumt die StaRT-Chefin ein. Platz 1 wäre vermessen, Platz 3 jedoch »realistisch«, beteuerte sie erneut. Problem unter anderem: Reutlingen fällt als nicht kreisfreie Stadt durch so manches Raster. Die Konkurrenz ist derweil in Untersuchungen wie dem IW Consult Städteranking oder der Prognos AG längst identifiziert: Stuttgart und Ulm liegen vorn. Es gälte vor allem Freiburg oder Karlsruhe zu schlagen.
»Die Bundesgartenschau wäre ein echter Schub für die Stadt«
Mit der zunächst kryptischen Antiwerbungskampagne »Nur lieben« hatte die StaRT-Mannschaft vor einem guten Jahr für überregionales Aufsehen gesorgt. Geht es ähnlich spektakulär weiter? Bierig gibt sich zurückhaltend, spricht von einem »Banger« (Kracher), den es wohl nur einmal im Leben einer Marketing-Expertin gibt.
Die »Nur-Lieben«-Kampagne lebe weiter, insbesondere auf Social Media: 7.200 Follower gebe es aktuell, die Gemeinde sei »stark wachsend«. Auch die Reels auf Instagram würden rege geklickt. Sehr zufrieden sei sie mit dieser Resonanz. Das gelte auch für die zweite StaRT-Seite »visit reutlingen« mit aktuell 12.000 Followern.
Am 18. September folge auf dem Reutlinger Marktplatz »der nächste Schritt zum Markenweg«, sagt Bierig und spricht von einem »Event für alle mit Infos und Austausch. Da stellen wir vor, wie wir Reutlingen präsentieren wollen«. Mehr will sie nicht verraten.
Voraussichtlich Ende des Jahres wolle man dann in die überregionale Präsentation einsteigen, sagt Bierig nur und kündigt »etwas Größeres« an, eine neue Kampagne fürs nächstes Jahr. Sie könne auch dazu nichts Konkretes sagen – weil vieles im Detail noch gar nicht feststehe.
Nach dem Neustart 2022 wurde das Handlungsfeld von StaRT deutlich über den Bereich Tourismusmarketing und Förderung des Innenstadthandels erweitert. Die GmbH am Albtorplatz soll nun die Gesamtstadt bewerben, sie auch überregional bekannt machen und dazu beitragen, die »Marke Reutlingen« zu etablieren – in Köpfen, die bisher kein Vorstellungen von den Reizen der Achalmstadt haben. Sie wurden im Markenbildungsprozess herausgearbeitet: »Erlebnis Innenstadt, starke Wirtschaft und attraktive Lage«. Zentraler Adressat seien Familien, kleine und mittelständische Unternehmen und die jungen Menschen der »GenZ«. Insbesondere Fachkräfte sollen kommen – und bleiben.
»Die Passantenfrequenz hat sich auch ohne Breuninger nicht verschlechtert«
Auch die Bewerbung Reutlingens als touristisches Ziel steht auf der To-Do-Liste. So spreche man gerade insbesondere Busunternehmer an, die Gruppenreisen veranstalten, und biete ihnen Pakete mit Unternehmungen in und um Reutlingen an." Dabei gehe es vor allem darum, am Wochenende die hiesigen Hotels besser auszulasten. Im Herbst will man mit dem Schwäbische Alb Tourismusverband (SAT) auf die Messe nach Leipzig gehen.
In der Heimatstadt zieht StaRT derweil an vielen Zipfeln. »Wir geben Impulse für Events, vernetzen Akteure, moderieren Gespräche zwischen Stadt-Akteuren und Verwaltung.« Neu ist beispielsweise das Format »Auf einen Kaffee mit der Citymanagerin«: Yasmin-Miriam Mayer hört sich im Café Berger Anregungen und Sorgen von Stadtakteuren und Anwohnern an. StaRT hat auch den Arbeitskreis sichere Innenstadt initiiert, in dem sich verschiedene Rathausämter, Polizei, die Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft und die Wohnungsgesellschaft GWG mit dem Unsicherheitsgefühl beschäftigen wollen, das manche Bürger in der Innenstadt beklagen.
Vom Citybeach an der Marienkirche bis zum neuen Format »Gin & Jazz« im Bürgerpark: Magnete sollen in die City locken. Die Gestaltung der Breuninger-Immobilie am Markplatz ist ebenfalls ein Werk von StaRT. Beklebte Fenster und wechselnde Ausstellungen in einzelnen Schaufenstern sollen den Leerstand in prominenter Lage kaschieren: Künstler, Vereine und Institutionen dürfen sich dort einen Monat präsentieren: »Die Resonanz ist riesig«, berichtet Bierig
Viel Kleinarbeit also. Derweil die großen Herausforderungen für die Städte zunehmen. Deshalb hat Anna Bierig einen großen Wunsch: dass im kommenden Jahr das Los auf Reutlingen und die Echaztalgemeinden fällt, wenn es um den Zuschlag für die Bundesgartenschau 2039 geht. »Das wäre ein echter Schub für die Stadt«, ist sie sich sicher. Ein leuchtendes Vorbild könne Heilbronn (132.000 Einwohner) sein, das 2019 mit dem Event aufblüte – und bleibenden Nutzen daraus zog. Bei einem Besuch hat sich die StaRT-Chefin jüngst selbst davon überzeugt. Historischer Kern, sehr industriegeprägte Stadt, Underdog-Image – es gebe viele Parallelen.
Derweil hält sich die Achalmstadt tapfer. Insgesamt wurden laut Bierig im ersten Halbjahr 2025 gut 5 Millionen Innenstadtbesucher gezählt – so viel wie im ersten Halbjahr 2024, dem bislang besucherstärksten Jahr seit Beginn der Frequenzmessung 2018. »Die Passantenfrequenz hat sich auch ohne Breuninger nicht verschlechtert.« (GEA)

