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Sparpläne der Stadt Reutlingen treffen Orschel-Hagen

In Krisenzeiten heißt es sparen. Auch in Reutlingen. Unter anderem soll eine Stelle für den Kreis der Älteren im Stadtteil Orschel-Hagen wegfallen.

Das Zentrum von Orschel-Hagen mit Läden und Praxen, einer Seniorin mit Rollator und dem Haus der Begegnung im Hintergrund.
Das Zentrum von Orschel-Hagen mit Läden und Praxen, einer Seniorin mit Rollator und dem Haus der Begegnung im Hintergrund. Foto: Claudia Reicherter
Das Zentrum von Orschel-Hagen mit Läden und Praxen, einer Seniorin mit Rollator und dem Haus der Begegnung im Hintergrund.
Foto: Claudia Reicherter

REUTLINGEN. Um handlungsfähig zu bleiben, muss die Stadt Reutlingen in den nächsten Jahren Ausgaben kürzen. Geht man davon aus, dass die Kommune bislang nicht nach Gutdünken Geld sprichwörtlich zum Fenster rausgeworfen hat, sind die zwangsläufig schmerzhaft. »Der Entwurf für den Doppeletat 2026/2027, den der Gemeinderat voraussichtlich im März 2026 verabschieden wird, hat uns wehgetan«, schreibt dazu Oberbürgermeister Thomas Keck in seinem Jahresrückblick 2025, »und so manche unvermeidliche Einsparmaßnahme wird sich leider auch in Ihrem Alltag bemerkbar machen, liebe Bürgerinnen und Bürger«. Unter vielen anderen, oft eher kleinen Beträgen soll für die Jahre 2026 und 2027 auch die 2020 erst zugestandene Stelle einer hauptamtlichen Mitarbeiterin im Orschel-Hagener Kreis der Älteren wieder gestrichen werden. Rechnerisch spart die Kommune damit pro Haushaltsjahr je 22.500 Euro ein.

Doch was bedeutet das für den Alltag der Bevölkerung von Orschel-Hagen? Rückblick: 1967 wurde der Verein als »Förderverein für Altentreffen der Gartenstadt Reutlingen« gegründet - mit Kaffeenachmittagen und Gymnastik im Jugendhaus. Ab 1976 hieß er »Kreis der Älteren Orschel-Hagen e. V«, bot ab 1985 immer vielfältigere Veranstaltungen und Aktivitäten: In der Behelfskirche in der Nürnberger Straße und später am Berliner Ring 3 halfen Spielenachmittage, Vorträge, Yoga, Gymnastik, Kegeln, Wandern, Tanznachmittage, Englisch- und Französischkurse, Tischtennis und eine Handarbeitsgruppe, die Einsamkeit älterer Menschen zu vertreiben.

Der Austausch mit Senioren und Seniorinnen der Partnerstadt Roanne wurde im Lauf der Jahre wieder eingestellt. Aber bis heute gibt es im Haus der Begegnung am Berliner Ring unter anderem monatlich Singstunden und ein- bis zweimal im Jahr je fünftägige Tagesfreizeiten »Urlaub ohne Koffer« - für viele alte Menschen ist dies ein Highlight im Jahreslauf, das zuletzt 21 Senioren genutzt haben. Um die Wartezeit auf den nächsten Urlaub ohne Koffer zu versüßen, gibt es seit November 2025 am letzten Mittwoch im Monat zwischen 14.30 und 16 Uhr zudem den »Treffpunkt Tagesfreizeit«. Nicht zu vergessen, die bislang 50 Konzerte auf dem Dresdner Platz, die der Kreis seit den Corona-Einschränkungen im Freien mit Karin Holfter organisiert hat.

Im Haus der Begegnung hat der Kreis der Älteren von Orschel-Hagen heute im Erdgeschoss seine Räume.
Im Haus der Begegnung hat der Kreis der Älteren von Orschel-Hagen heute im Erdgeschoss seine Räume. Foto: Claudia Reicherter
Im Haus der Begegnung hat der Kreis der Älteren von Orschel-Hagen heute im Erdgeschoss seine Räume.
Foto: Claudia Reicherter

Nach Marianne Zeller, Anneliese Dörr und Inge Jung ist seit 2004 Edeltraut Stiedl die vierte Erste Vorsitzende dieses rührigen Vereins in ihrem Heimatstadtteil. Bei aller Überzeugung von dessen Sinn - »wir haben 7.000 bis 8.000 Gäste pro Jahr« - sieht die 69-Jährige die vorgesehene Einsparung pragmatisch.

Da sie zugleich Stadträtin ist, hat sie Einblick in die kommunale Finanzlage: »Ich bin seit 32 Jahren bei den Finanzberatungen dabei, aber so schlimm war es noch nie«, sagt die SPD-Rätin. Vor der Notwendigkeit des Sparens kann sie die Augen nicht verschließen - und will das auch entsprechend ihren Co-Engagierten im Verein, in der Stadtteil-Initiative Igeloh und im Orschel-Hagen-Forum vermitteln. Zudem sei die 34-Prozent-Stelle im Kreis der Älteren seit einer beruflichen Veränderung von deren bei der AWO angestellten Inhaberin aktuell ohnehin vakant. »Wir stemmen das alles ehrenamtlich«, erklärt Edeltraut Stiedl. Sie selbst leiste gewissermaßen einen Halbtagsjob als »Vorsitzende, Bürokraft, Hausmeisterin und Mädchen für alles« in Personalunion.

Edeltraut Stiedl freute sich 2020, als für den Kreis der Älteren in Kooperation mit der Reutlinger AWO eine hauptamtliche Kraft
Edeltraut Stiedl freute sich 2020, als für den Kreis der Älteren in Kooperation mit der Reutlinger AWO eine hauptamtliche Kraft engagiert wurde. Foto: Norbert Leister/Archiv
Edeltraut Stiedl freute sich 2020, als für den Kreis der Älteren in Kooperation mit der Reutlinger AWO eine hauptamtliche Kraft engagiert wurde.
Foto: Norbert Leister/Archiv

So nehmen Stiedl und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter hin, dass die hauptamtliche Position in den kommenden beiden Jahren nicht neu besetzt wird. Dass sie ganz gestrichen wird, würden sie allerdings gern verhindern. »Im Moment ist die Finanzierung nicht machbar«, erklärt Stiedl. »Aber zukünftig ist die Stelle nötig, um die Aktivitäten weiter anbieten zu können.«

Denn die Mutter zweier erwachsener Söhne und dreifache Großmutter weiß: »Wenn wir für die Ehrenamtlichen keine Nachfolger mehr finden, bricht das Angebot zusammen.« Und das bei einem lebendigen Stadtteil, in dem Ende 2023 insgesamt 6.844 der damals 117.437 - Stand November 2025 sind es 117.522 - Reutlinger Einwohner lebten. Bis 2029 sollen durch das Neubaugebiet »Orschel-Hagen Süd« noch bis zu 1.000 Bewohner dazukommen. Klar sei auch: »Ich bin ein Auslaufmodell.«

Schüler der Gutenbergschule zum vorweihnachtlichen Besuch beim Kreis der Älteren im Orschel-Hagener Haus der Begegnung - mit der
Schüler der Gutenbergschule zum vorweihnachtlichen Besuch beim Kreis der Älteren im Orschel-Hagener Haus der Begegnung - mit der Vereinsvorsitzenden Edeltraut Stiedl stehend rechts. Foto: Privat/Archiv
Schüler der Gutenbergschule zum vorweihnachtlichen Besuch beim Kreis der Älteren im Orschel-Hagener Haus der Begegnung - mit der Vereinsvorsitzenden Edeltraut Stiedl stehend rechts.
Foto: Privat/Archiv

Dass Frauen und Männer nach einer Kindererziehungszeit, statt in ihren Beruf zurückzukehren, Kraft und Potenzial in ein Ehrenamt investieren, das könne sich heute kaum noch jemand leisten. Zum einen benötigen viele Haushalte angesichts hoher Mieten oder Eigenheimraten sowie gestiegener Energie- und Lebenshaltungskosten zwei Einkommen. Zum andern verlangen viele Berufe zunehmend Flexibilität, was den verbindlichen zusätzlichen Einsatz in einer unbezahlten sozialen Tätigkeit erschwert. Oder unmöglich macht. »Deshalb bringen sich viele Engagierte heute eher in zeitlich begrenzten Projekten ein«, erklärt Edeltraut Stiedl. Soll es also langfristig weiterhin Yoga und Rehasport, Tanzen, Singen und Kaffeetrinken, Flohmärkte, Vorträge und Sprachkurse für Senioren im Haus der Begegnung im Zentrum des in den 1960er- und 70er-Jahren entstandenen Stadtteils geben, dann muss das auch durch eine bezahlte Stelle gesichert werden. (GEA)

Kontakt zum Kreis der Älteren

Seinen Sitz hat der Verein Kreis der Älteren Orschel-Hagen im Erdgeschosses des Hauses der Begegnung am Berliner Ring 3. Ansprechpartnerin ist die Vorsitzende Edeltraut Stiedl, erreichbar ist sie vor Ort mittwochs zwischen 14 und 16.30 Uhr, unter Telefon 07121 66924 oder per E-Mail an kreisderaelteren@gmx.de (dia)