REUTLINGEN. Wie werden sich die Schülerzahlen, besonders an den Gymnasien, in den kommenden Jahren entwickeln? Reicht der Platz an den fünf Reutlinger Gymnasien aus? Diese Frage hat in Reutlingen für einigen Trubel gesorgt. Die Pläne der Stadt, ein sechstes Gymnasium in privater Trägerschaft der Schulstiftung der evangelischen Landeskirche bauen zu lassen, waren auf heftigen Gegenwind gestoßen. Vor allem das »Bündnis Bildung für alle in Reutlingen« hatte gegen das Privat-Gymnasium mobil gemacht, eine drohende Segregation von Schülern und Verschwendung von Millionen kritisiert. Das sechste Gymnasium ist nun zwar auf Eis gelegt, da die Schulstiftung erstmal die Auswirkungen der G9-Wiedereinführung abwarten will. Nun liegt ein neuer Schulentwicklungsplan für Reutlingen vor, den das Büro Gebit aus Münster dem Gemeinderat präsentierte.
Der letzte Plan war aufs Jahr 2015 datiert - was schon während der Debatte ums Privat-Gymnasium für Kritik gesorgt hatte. Der Blick auf die neuen Gymnasiums-Zahlen zeigt nun: Mit ihren Prognosen für das Schuljahr 2025/26, erstellt im Jahr 2023, lag die Stadtverwaltung ziemlich daneben. Sie sah damals 758 neue Fünftklässler auf die Stadt zukommen - die aktuellen Zahlen zeigen aber, dass es lediglich 547 sind. Auch in den kommenden drei Schuljahren liegen die Prognosen der Stadt jeweils 40 bis 80 Schüler über denen des Büros Gebit. Dann nähern sie sich an. Beide Voraussagen haben die Bevölkerungsvorausberechnung als Grundlage, erklärt Gebit-Mitarbeiterin Frauke Gier. Unterschied jedoch: Die Stadt hat jeweils Altersjahrgänge für ihre Prognosen herangezogen, Gebit jeweils die Viertklässler (egal, welchen Altersjahrgang sie haben).
»Die nächsten drei Jahre werden entscheidend«
Wäre das sechste Gymnasium nun nötig gewesen? Diese Frage lässt sich noch nicht eindeutig beantworten, zumindest wenn man Frauke Giers Ausführungen folgt. »Die nächsten drei Jahre werden entscheidend«, sagt sie. »Dann wird sich zeigen, wie sich die Bildungsreform im Land auswirkt.« In Nordrhein-Westfalen habe sich der prognostizierte »Run« auf die Gymnasien nach der Wiedereinführung von G9 jedenfalls nicht bestätigt. Sie macht aber auch klar: Sollten die Zugangszahlen aufs Gymnasium konstant bleiben, wird der Platz an den fünf Schulen ausgehen. Im Schulentwicklungsplan heißt das dann: »Prognostisch würde das bedeuten, dass bei einem Klassenteiler von 30 etwa fünf bis sechs Züge unversorgt blieben, und den Bedarf an einer weiteren Schule bedeuten.«
Der Plan zeigt zudem auf, was Eltern und Schüler schon lange wissen: Es gibt einigen Sanierungsbedarf an den Gymnasien. Wäre da nur nicht die liebe Geldnot der Stadt ... Diese behindert übrigens auch die Erweiterung der Eichendorff-Realschule, die der Gebit-Plan als »räumlich an der Grenze« einstuft. Die Prognosen des Planungsbüros sehen in diesem Bereich aber immerhin nur einen minimalen Anstieg an Schülerzahlen voraus.
»Für die Planung zusätzlicher Klassenräume für G9 an allen Gymnasien haben wir noch etwas Zeit«
Ebenfalls schwer einzuschätzen ist die Entwicklung an den Gemeinschaftsschulen. Die Prognosen des Büros Gebit sehen keinen starken Anstieg voraus. Frauke Gier erklärt, dass es in der Vergangenheit in der Sekundarstufe 1 oft Wechsel vom Gymnasium auf die Gemeinschaftsschule gegeben habe. »Wenn nun aber, aufgrund der Bildungsreform, weniger Schüler aufs Gymnasium gehen und mehr direkt auf die Gemeinschaftsschule, könnte die Zügigkeit bei beiden Schulformen konstanter bleiben.«
Bei den Grundschulen im Stadtgebiet werde aktuell »bereits intensive pädagogische Flurnutzung betrieben, um fehlende kleine Differenzierungsräume auszugleichen«, heißt es im neuen Schulentwicklungsplan. Insgesamt prognostiziert Gebit bis zum Schuljahr 2034/35, wenn man den Zuzug von Familien einberechnet, einen Anstieg der Grundschüler-Zahl um rund 200 (von 4.406 auf 4.623). Bei den vier Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) gibt es übergreifend ein großes Problem: Lehrkräftemangel. Die Peter-Rosegger-Schule sei »räumlich deutlich über der Kapazitätsgrenze«. Vor allem bei den SBBZ stelle der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, der ab 2026/27 gilt, eine große Herausforderung dar. Viele Eltern könnten ein kostenpflichtiges Ganztagsangebot nicht bezahlen. Zudem sei es aufgrund der besonderen Anforderungen der Schüler personaltechnisch kaum stemmbar.
»Wir haben nun einen Schulentwicklungsplan, ohne dass wir etwas entwickeln können«
»Wir müssen froh sein, dass wir also kein mit einer Million Euro pro Jahr subventioniertes neues Gymnasium gebaut haben«, so das Fazit von WiR-Gemeinderat Sven Lange. Das »Bündnis Bildung für alle in Reutlingen« empfiehlt, noch etwas abzuwarten bezüglich der Entwicklung an den Gymnasien: »Für die Planung zusätzlicher Klassenräume für G9 an allen Gymnasien haben wir noch etwas Zeit. Sie werden erst im kommenden Jahrzehnt gebraucht.« Frauke Gier vom Büro Gebit betont aber auch: »Wenn die Schülerzahlen an den Gymnasien nicht anwachsen sollten, bedeutet das nicht automatisch Entlastung. Denn die Schüler, die nicht aufs Gymnasium gehen, gehen dann ja auf andere Schulen.« Und der Entwicklungsplan zeigt: Diese sind raumtechnisch ebenfalls am Limit.
»Es ist furchtbar«, so die Bilanz von SPD-Rätin Silke Bayer mit Blick auf die leere Stadtkasse. »Wir haben nun einen Schulentwicklungsplan, ohne dass wir etwas entwickeln können.« Der Druck in den Familien werde sich erhöhen, prognostizierte sie, und die Schulen werden weiter Alarm schlagen. Gabriele Janz (Grüne) äußerte, dass sie in Gesprächen erfahren habe, dass viele Reutlinger Gymnasien vor allem »auch gut ausgestattete Fachräume« benötigen würden. »Bildung für alle in Reutlingen« fordert die Stadt auf, mehr in städtische Schulen zu investieren. »Die im städtischen Haushalt 2024/25 enthaltene zweckgebundene Rücklage von bis zu 11 Millionen Euro für Schulsanierungen wurde leider nicht investiert«, heißt es in einer Stellungnahme. Der neue Schulentwicklungsplan wird öffentlich am Donnerstag, 27. November, um 18 Uhr in der Wittumhalle vorgestellt. Einlass ist ab 17.30 Uhr. (GEA)

