REUTLINGEN. Der Klimawandel stellt Stadtbäume nicht nur deutschlandweit, sondern auch in Reutlingen vor große Herausforderungen. Hitze, Wassermangel und extreme Wetterereignisse bedrohen ihre Gesundheit und Langlebigkeit. Um dem entgegenzuwirken, setzt die Stadt gezielt auf widerstandsfähige Baumarten und innovative Pflegekonzepte. Bei einem Rundgang mit dem GEA gibt Georg Frey, der Reutlinger Abteilungsleiter für Grünflächen und Umwelt, einen Einblick in den Zustand der Bäume.
Wie geht es den Stadtbäumen Reutlingens?
»Stadtbäume haben es schwer – und das zunehmend«, sagt Frey. »Die Temperaturen steigen kontinuierlich, gleichzeitig nehmen Wetterextreme zu. Die Hitzeperioden dauern länger an.« Besonders problematisch: »Die meisten heimischen Baumarten sind an ein gemäßigtes, eher kühleres Klima gewöhnt. Sie kommen mit den neuen Bedingungen nur schlecht zurecht.« Dazu kommt der zunehmende Wassermangel. »In den letzten Jahren hat es insgesamt weniger geregnet«, so Frey. Zwar gebe es immer wieder Starkregenereignisse – diese helfen den Bäumen aber nur bedingt. »Das Wasser kann oft nicht versickern, es fließt oberirdisch ab und führt schlimmstenfalls sogar zu Überschwemmungen.« Nachhaltiger wäre laut Frey ein gleichmäßiger, langanhaltender Landregen – für Pflanzen optimal, aber mittlerweile selten geworden. Auch Spätfröste sorgen für zusätzliche Belastung. Gerade in Jahren mit frühem Austrieb gefährden sie junge Triebe und Knospen. All diese Faktoren führen dazu, dass viele Stadtbäume krank werden oder langfristig absterben.
Wie geht die Stadt mit der Lage um?
»Baumpflanzungen im Klimawandel sind ein großes Experiment«, weiß Frey. Die Stadt Reutlingen setze dabei auf Arten, die den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen seien. Grundlage sei eine speziell erarbeitete Liste sogenannter »Klimabäume«. Aus dieser werden gezielt Arten ausgewählt, die besonders gut mit den Bedingungen vor Ort zurechtkommen.
Was gilt als Zukunfts- oder Klimabaum?
Ein Beispiel dafür ist der Zürgelbaum Celtis Australis, der auf dem Burgplatz in unmittelbarer Nähe der GEA-Redaktion steht. »Er gilt als besonders winterhart und robust gegenüber den zunehmend extremen Witterungsverhältnissen«, sagt Frey. Wichtige Kriterien bei der Auswahl seien neben der Klimaverträglichkeit auch eine gesunde Wuchsform, insbesondere eine gerade nach oben wachsende Stammverlängerung und ein gut entwickelter Leittrieb. Diese Eigenschaften seien entscheidend für die langfristige Stabilität und Gesundheit der Bäume im urbanen Raum. Zu den Klimabäumen gehört noch die Zierkirschenart Prunus schmittii. Solche Bäume sind unter anderem an der Nikolaikirche, in der Wilhelmstraße und am Champigny-Platz zu finden. Als Zukunftsbaum gilt zusätzlich die Kreuzung aus zwei verschiedenen Erlenarten, der sogenannte Alnus spaethii. Diese Bäume wachsen derzeit prächtig, beispielsweise auf der Wiese bei der Erwin-Seiz-Straße.
Welche Stadtbäume sind besonders empfindlich?
Nicht alle Baumarten kommen mit den veränderten Klimabedingungen in Reutlingen gut zurecht. Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen bei der Linde. »Sie verliert im Herbst oft schon frühzeitig ihre Blätter, viele Exemplare sind bereits abgestorben«, berichtet Frey. Ein Beispiel: Auf dem Gelände der Hoffmann-Schule und im Bereich der Christuskirche mussten bereits abgestorbene Linden entfernt werden. Auch die Robinien in der Kaiserstraße bereiten zunehmend Sorgen. »Die beengten Baumquartiere bieten den Wurzeln kaum Raum, dazu kommt die anhaltende Trockenheit. Bei steigenden Temperaturen benötigen die Bäume deutlich mehr Wasser – ein Bedarf, der aktuell kaum gedeckt werden kann«, sagt Frey. Um gegenzusteuern, arbeitet die Stadt an Lösungen: In der Kaiserstraße entstehen derzeit drei neue, größere Baumquartiere. Langfristig soll hier ein System eingerichtet werden, das Regenwasser von der Straßenfläche gezielt in die Baumgruben leitet.
Was wird bei der Pflege berücksichtigt?
Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen und wird regelmäßig kontrolliert und gepflegt. Die Platanen in der Lederstraße werden beispielsweise zweimal im Jahr überprüft, da sie anfällig für Pilzkrankheiten sind. Letztere lassen die Äste in der Krone absterben. Hinter vielen Pilzkrankheiten steckt der Klimawandel, weil durch ihn »immer mehr Insekten in die Region gelangen«. Deshalb seien Baumschnitte umso wichtiger. »Aufgrund der Erderwärmung muss man die Bäume auch mehr gießen, damit sie gesund bleiben. Wenn neue Bäume gepflanzt werden, ist das mit mehr Aufwand als früher verbunden«, erläutert Frey.
Gibt es Bäume, die eine noch speziellere Pflege benötigen?
Ja, zum Beispiel die Amberbäume vor dem Cineplex-Kino. In ihren Baumquartieren ist eine spezielle Unterflurbewässerungsanlage eingebaut. Um den Wurzelballen herum liegt ein Drainage-Ring mit zwei Unterflurreglern. Diese sorgen für eine wöchentliche Bewässerung. Zusätzlich sind die Platten um die Bäume »mit Lavakies gefüllt, damit niemand mit Absatzschuhen stecken bleibt«, erläutert Frey. In den Platten sind Löcher eingebaut, die die Belüftung der Wurzeln ermöglichen. Man müsse die Pflege im Blick behalten, damit die Bäume sich gut entwickeln. Bei den schlank wachsenden Amberbäumen darf das Aufasten nicht vergessen werden. Konkreter: Überschüssigen Äste werden entfernt, damit die Bäume schön schlank bleiben. Ein weiteres Beispiel: Der Zürgelbaum Celtis Australis am Burgplatz hat einen weißen Stammschutzanstrich. »Der soll das Aufheizen des Stamms verhindern, sodass keine Risse entstehen.« (GEA)




