REUTLINGEN. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich kein richtiger Weihnachtsmarkt-Fan. Das soll andererseits aber auch nicht heißen, dass ich dem vorweihnachtlichen Trubel um Glühwein, Handwerkskunst und Adventslieder-Singen, so gar nichts abgewinnen kann. Das schummrige Licht, duftende Leckereien an jeder Ecke und zahllose Anregungen für das eine oder andere noch fehlende Geschenk locken mich dann doch jedes Jahr ins Zentrum meiner Heimatstadt oder sogar auf den riesigen Münsterplatz nach Ulm. Der Reutlinger Weihnachtsmarkt war in diesem Jahr ein Novum für mich, und so habe ich ihn mir erst von einem netten, ortskundigen Kollegen ein bisschen zeigen lassen, bevor ich ihn auf eigene Faust ganz genau erkundet habe.
Gestartet bin ich also am vergangenen Donnerstagabend vom Burgplatz aus. Als erster Stopp bietet sich da natürlich das Nikolausdorf an. Der kleine Markt im Markt bietet gleich einen Höhepunkt für das noch etwas jüngere Publikum. Gehobene Aprés-Ski-Atmosphäre, moderne Musik und ein Getränkeangebot, das vielleicht nicht als besinnlich, sondern eher als geistreich zu beschreiben ist, sorgen schon am frühen Abend für ausgelassene Stimmung - Marke Ischgl, Arlberg oder Sölden - jedoch ohne allzu großes Mallorca-Halli-Galli. »Jetzt noch ein paar Minusgrade und etwas Schnee und die Alpen lägen gefühlt auch in Reutlingen vor der Haustüre«, denke ich und ziehe weiter.
Zeit für einen Plausch
Auf meinem Weg, die Wilhelmstraße hinunter, fallen mir die unterschiedlichen Marktbuden auf. Jeder Standbetreiber hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Vom echten oder unechten Tannengrün über Glitzergirlanden bis hin zum doch etwas exotischen Christbaumschmuck, der die Stände verschönert, ist alles dabei. Zwischen den Hütten ist viel Platz, ein klarer Vorteil gegenüber anderen engen Weihnachtsmärkten, in denen sich große Menschenmengen durch enge Gassen schieben. Oft bleibt dort nicht einmal Zeit, vor den Buden zu verweilen, um das Angebot etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In Reutlingen ist das anders. Man steht nicht gedrängt und es bleibt Zeit für einen kurzen Plausch.
So ein kurzes Gespräch führe ich gerade am Käsestand und lasse mir ein, zwei Gratisproben schmecken. Kulinarisch hat der Markt auch einiges zu bieten, aber dazu später mehr. »Vielleicht ist die Stimmung so entspannt, weil keiner dem anderen auf die Füße tritt oder ein fremder Glühwein auf dem eigenen Mantel landet«, sinne ich, während ich weitergehe und mir auffällt, wie ruhig es mittlerweile geworden ist, nachdem ich das Nikolausdorf verlassen habe.
Ruhe und Besinnlichkeit
Die Ruhe trägt zwar zur Besinnlichkeit bei, aber so ein bisschen Musik, von Gesangsgruppen oder zumindest aus der Dose, vermisse ich schon. Besonders, als ich dann vor einem von zwei optischen Höhepunkten des Abends stehe. Die Marienkirche, umringt von den verschiedensten Markthütten, Menschen jeden Alters, wird von vielen bunten Lichterketten und Strahlern stimmungsvoll in Szene gesetzt und schlägt in ihrem farbigen Kleid sogar das Ulmer Münster. Dieses tolle Ambiente sollte doch selbst den letzten Weihnachtsmarkt-Muffel zumindest für einen Besuch überzeugen. An der nordöstlichen Ecke wäre sogar noch Platz für eine kleine Bühne, wenn Vereine oder Schulen ihre gesanglichen Künste zum Besten geben könnten, dann könnten sich die ganz Großen in Sachen Weihnachtsmarkt zumindest stimmungstechnisch eine Scheibe von Reutlingen abschneiden.
Bevor ich mich nun aber in die Glühweinverkostung stürze, muss ich erstmal, wie man das eben so macht, eine »Grundlage« schaffen. Wenn es ums Essen geht, hat der Besucher in Reutlingen wirklich die Qual der Wahl. Ob Waffeln, Spiralkartoffeln, Festwürste in allen Farben und Formen: Das Angebot ist so reich, würde ich hier wohnen, bliebe die Küche sicher oft kalt. Ich habe mich klassisch schwäbisch für Schupfnudeln entschieden, das ist vielleicht nicht so weihnachtlich, war auf jeden Fall aber sehr lecker - und die große Portion rechtfertigt auch den Preis. Günstig ist es nicht in der Echaz-Metropole, aber man bekommt etwas für sein Geld, ist mein Fazit in Sachen Preis-Leistung über den ganzen Abend hinweg.
Kein Markt auf dem Marktplatz
Weil die Hände jetzt doch ein bisschen kalt sind, brauche ich jetzt ein Heißgetränk. Meine Wahl fällt auf die Feuerzangenbowle. Diese wärmt mir nicht nur die Hände, sondern auch von innen. Frisch gestärkt und aufgewärmt geht es weiter, vorbei an einem vielfältigen Gemisch an heimischen Produkten, Dekorationsartikeln und noch mehr Getränken und Speisenauswahl. Präsentiert in immer prunkvolleren Hütten, wie beispielsweise einer Weihnachtspyramide am Rand des Marktplatzes. Bis auf die Ohren ist Reutlingens Weihnachtsmarkt ein Fest für alle Sinne.
Ein bisschen verwirrt bin ich dann auf dem Marktplatz, weil der Markt dort ziemlich abrupt endet und mir mein Kollege mittags doch von einem Riesenrad vorgeschwärmt hat. Da die Reutlinger aber ein ziemlich hilfsbereites und freundliches Völkchen sind, schaffe ich es, trotz meiner immer noch schlechten Ortskenntnis, den zweiten Teil des Weihnachtsmarkts zu erreichen. Neben der Eislaufbahn bietet sich hier ein toller Ausblick über die Stadt. Diesmal entscheide ich mich gegen das Eis und für das Riesenrad. »Vielleicht hilft mir das ja bei der Orientierung auf dem Rückweg«, denke ich. Letzteres hat zwar nicht geklappt, aber die Aussicht war schon toll. Besser wäre sie wohl nur, wenn Riesenrad und Eisbahn direkt auf dem Marktplatz stehen würden. Damit würde es Reutlingen dann aber wohl übertreiben und der Konkurrenz in Sachen Weihnachtsmarkt endgültig die Schau stehlen.
Den Absacker gönne ich mir dann im klassischen alpenländischen Flair nebenan und lasse den Abend zwischen kuschligen Rentierfellen und Deko-Wichteln ausklingen. Draußen versuchen sich die eher sportlichen Besucher des Weihnachtsmarkts beim Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen. Doch diese Erfahrungen hebe ich mir für’s nächste Jahr auf. (GEA)

