REUTLINGEN-BETZINGEN/WALDDORFHÄSLACH. Die Friedrich-Hoffmann-Gemeinschaftsschule (FHG) in Betzingen bekommt eine neue Schulleiterin: Die 50-jährige Pamela Wetter, bisher Konrektorin an der Gustav-Werner-Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach, tritt am 1. August die seit einem Jahr vakante Stelle in Betzingen an. Beworben hatte sich aber auch der 46-jährige Frank Vogt, Konrektor und seit der Verabschiedung von Daniela Halder kommissarischer Schulleiter der FHG. Die Entscheidung der Schulaufsichtsbehörde und später des Kultusministeriums für Wetter und gegen Vogt sorgt sowohl innerhalb der Schule als auch im Betzinger Ortschaftsrat für Verwunderung. Der Grund: Sowohl die Schulkonferenz, also Eltern und Lehrerschaft, als auch das Betzinger Gremium und später der Reutlinger Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss (VKSA) hatten sich für Vogt ausgesprochen. Der Elternbeirat, zu dem Christian Bäßler, Hatun Özdemir und Matthias Steinicke gehören, äußert Bedenken, weil die Empfehlungen von Schulkonferenz und Schulträger offenbar keine Berücksichtigung fanden. Die Rede ist von einem Eklat, der Elternwille sei ignoriert worden. Der Bezirksgemeinderat ist in Sorge um den Schulfrieden.
»Uns geht es ums Verfahren, nicht um die Personen«, stellt Christian Bäßler, Mitglied des Elternbeirats und der Schulkonferenz, klar. Ein Verfahren, das aus Sicht der Betzinger Eltern »intransparent und enttäuschend« ist und, so Bäßler, die Frage aufwirft, was die Empfehlung der Schulkonferenz überhaupt wert ist. Schließlich habe man sich engagiert in das Besetzungsverfahren eingebracht und ein einstimmiges Votum abgegeben. Dass das Staatliche Schulamt und das Ministerium - es hat bei Dissens das letzte Wort - trotz der klaren Empfehlungen anders, nämlich für die externe Bewerberin entschieden hat, löst bei den Eltern in der Schulkonferenz Verwirrung und Frust aus. Ihre Mitwirkung habe keinen erkennbaren Einfluss, bemängeln sie, das Verfahren sei »pseudo-demokratisch« und es bleibe der Eindruck, dass die Einbeziehung der Schulkonferenz eher als »lästige Formalität« abgetan werde, während die entscheidenden Gespräche »längst hinter verschlossenen Türen« gelaufen seien.
»Uns geht es ums Verfahren, nicht um die Personen«
Nicht nachvollziehbar finden die Betzinger Eltern außerdem, dass gleich an zwei Schulen - in Walddorfhäslach ging der Rektor Ralf Michael Röckel in Ruhestand – die Leitung durch externe Personen besetzt werde. Das erfordere teure und zeitaufwendige Einarbeitungsprozesse und binde Ressourcen, wo doch ein nahtloser Übergang möglich gewesen wäre. Der Hauptkritikpunkt bleibt aber das Verfahren selbst. »Besonders irritiert hat uns das Schweigen des Ministeriums«, sagt Bäßler. Acht Wochen habe es gedauert, bis die Eltern über die Personalentscheidung informiert wurden. »Transparenz sieht anders aus.« Welche Kriterien ausschlaggebend waren, wisse man bis heute nicht.
Ihre Bedenken bringen die Eltern der Schulkonferenz in einem Schreiben ans Staatliche Schulamt und das Kultusministerium zum Ausdruck. Datiert ist es vom 2. Juli, bisher gab es nur eine Eingangsbestätigung. Zwei Gremien, eine einhellige Empfehlung – und trotzdem entscheide das Ministerium anders: Man habe den Eindruck, schlussfolgern die Eltern in dem Brief, dass das Beteiligungsverfahren wahrscheinlich »nur formell durchgeführt wurde«. Und weiter: »Eine transparente und ernsthaft partizipative Entscheidungsfindung ist aus unserer Sicht Voraussetzung dafür, dass die Schulgemeinschaft die Entscheidung auch mittragen kann.« Demokratische Prozesse sollten aktiv gelebt werden und nicht nur als Fassade dienen, fordern sie.
»Besonders irritiert hat uns das Schweigen des Ministeriums«
Auch Betzingens Bezirksbürgermeister Friedemann Rupp und der Ortschaftsrat haben sich wegen der Stellenbesetzung ans Kultusministerium, Regierungspräsidium und Staatliche Schulamt gewandt. Ihnen geht es nicht ums Verfahren, sondern um den Schulfrieden. Er habe mit »großem Bedauern« zur Kenntnis genommen, dass das Ministerium bei der Besetzung der Schulleitung der Friedrich-Hoffmann-Gemeinschaftsschule nicht der Empfehlung von Schulträger und Schulkonferenz gefolgt sei, so Rupp in seinem Schreiben. Was dienst- und schulrechtlich nicht zu beanstanden sei, aber »gravierende negative Auswirkungen« aufs Schulleben der FHG habe, so seine Beobachtung.
Die Personalentscheidung habe zu einem tiefen Riss zwischen Schulgemeinschaft und angehender Rektorin geführt. Dass deren Startbedingungen nicht gut seien, verstehe sich von selbst. Rupps Befürchtung: Es sei damit zu rechnen, dass hochqualifizierte, engagierte Lehrkräfte die FHG verlassen. Damit gingen Profil, Kompetenz und Erfahrung verloren, was den Schulstandort Betzingen schwäche. »Angesichts der Personalentscheidung und der daraus resultierenden Entwicklungen stehen der Bezirksgemeinderat und ich der Situation ratlos und sehr besorgt gegenüber«, heißt es abschließend.
»Wir stehen der Situation ratlos und sehr besorgt gegenüber«
Der GEA hat wegen der Personalentscheidung und den vom Ortschaftsrat gefürchteten Konsequenzen auch Kontakt zur Lehrerschaft der FHG aufgenommen, die aber mit disziplinarrechtlichen Schritten rechnen müssen, wenn sie sich zu Interna äußern.
Dr. Stefan Meißner, der Pressesprecher des Regierungspräsidiums Tübingen für Schulthemen, gibt Auskunft zur Neubesetzung: »Nach dem Grundsatz der Bestenauslese fand ein Stellenbesetzungsverfahren statt, aus dem die Außenbewerberin Pamela Wetter, bisher Konrektorin an der benachbarten Gemeinschaftsschule in Walddorfhäslach, als nach Eignung, Befähigung und Leistung geeignetste Bewerberin hervorgegangen ist.« Jeweils ein Vertreter der Schulkonferenz und des Schulträgers beobachteten das Überprüfungsverfahren der Kandidaten und haben am Ende auch Stimmrecht. Die Leitung des Verfahrens habe aber die Schulaufsichtsbehörde. Gerade weil Schulkonferenz und Schulträger an der Besetzung beteiligt seien, wussten sie laut Meißner, dass sich auch Vogt bewirbt.
Meißner ordnet ein: »Nun ist es öfters so, dass die schulischen Gremien, die ja genauere Kenntnis von Hausbewerbern als von Außenbewerbern haben, sich in ihren Voten detaillierter mit Hausbewerbern auseinandersetzen.« Die Auswahlkommission mit Vertretern der Schulaufsicht habe die Aufgabe, »diese Voten und Personalkenntnis zu berücksichtigen, insgesamt aber über alle Bewerberinnen und Bewerber hinweg zu einer vergleichbar fundierten Bewertung zu kommen«.
»Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir mit Herz, Offenheit und Engagement die Gemeinschaft stärken wollen«
Die Entscheidung der Kommission werde dann der Schulkonferenz und dem Schulträger mitgeteilt, die dazu Stellung nähmen. Sind die mit der Stellenbesetzung nicht einverstanden, entscheide das Kultusministerium und binde das Regierungspräsidium mit ein. So sei es auch bei der Besetzung der FHG-Stelle gewesen. »Nun kommt es immer wieder vor, dass die demokratischen Prinzipien, die diesem Verfahren zugrunde liegen, nicht ausreichend transparent sind. Dann ist es Aufgabe der Schulaufsicht, über das Verfahren zu informieren und über seine Anwendung zu sprechen«, teilt Meißner mit. Manchmal geschehe das mit dem ganzen Lehrerkollegium, einzelnen Interessierten oder Engagierten.
Es hat sich für den GEA als schwierig erwiesen, von den beiden Betroffenen Wetter und Vogt eine Einschätzung zu bekommen. Der GEA hat beide immer wieder um ein Treffen gebeten, um mit ihnen über die Situation und ihre Lösungsansätze zu sprechen. Bis zuletzt ist es dazu nicht gekommen. Am Ende haben Vogt, Wetter und FHG-Konrektorin Anja Weiblen einzelne, per Mail zugesandte Fragen des GEA in einem Statement beantwortet. Zwischen der ersten Anfrage bezüglich der schlechten Stimmung an der FHG und der letzten, vom GEA gesetzten Frist, lagen elf Tage.
Auf den Konflikt und die Frage, wie es um den Schulfrieden bestellt ist, gehen sie in ihrer Antwort aber nicht ein. Sie formulieren ihr nun gemeinsames Ziel: »Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir mit Herz, Offenheit und Engagement die Gemeinschaft stärken und die Schule zu einem Ort machen, an dem sich alle wohlfühlen und gemeinsam wachsen können.« Die Gemeinschaftsschule habe den Vorteil, dass Kinder dort gemeinsam zusammen lernen könnten in ihrem eigenen Tempo und ohne ständigen Notendruck. Ein weiteres Ziel des neuen Schulleiterteams sei, dass die Schüler nach ihrem Abschluss entweder auf eine weiterführende Schule gehen, eine Ausbildung oder direkt einen Arbeitsplatz haben. »Wir wollen gemeinsam dafür Sorge tragen und ins Gelingen verliebt sein«, betonen sie. (GEA)

